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„Jugend ist nicht schlechter als früher“

WETTERAUKREIS. Noch ist der Schreibtisch von Wilfried Paatsch in der Kreisverwaltung gut gefüllt. Die nächsten Tage wird er brauchen, um die Übergabe an seine Nachfolgerin Josephin Koch zu organisieren. Foto: schnelzer

RUHESTAND – Butzbacher Wilfried Paatsch 30 Jahre in Diensten der Jugendarbeit des Wetteraukreises 

WETTERAUKREIS (pdw). Dem gerne verbreiteten Vorurteil, dass die Jugend von heute desinteressiert ist, weiß der Butzbacher Wilfried Paatsch einiges entgegenzusetzen, und er muss es wissen. Er hat die Jugendarbeit im Wetteraukreis über viele Jahre mitgeprägt. „Die jungen Leute von heute sind hellwach und politisch engagiert und der Zeit entsprechend von den gesellschaftlichen Umständen und der Familie geprägt. Das war vor mehr als 30 Jahren nicht anders als heute.“

Paatsch, Jahrgang 1953, ist in Bad Hersfeld geboren. Mit 14 begann er eine Lehre zum Dreher, mit 17 war er ausgebildeter Facharbeiter. Er hatte einen Beruf, aber seine Berufung hatte er nicht gefunden. An der Abendschule machte er die Mittlere Reife nach mit dem Ziel, Techniker zu werden. An der Fachoberschule reifte der Wunsch, Maschinenbau zu studieren, doch dann kam die Bundeswehr dazwischen. „Als Leistungsschwimmer kam ich dann mit der Jugendarbeit der DLRG in Berührung und fand hier das, was ich eigentlich machen wollte, nämlich mit jungen Menschen zu arbeiten. Das hat mir mehr Freude bereitet als die Arbeit mit Metall.“

Nach der Bundeswehr nahm Wilfried Paatsch ein Studium an der Fachhochschule Fulda zur Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Jugend- und Erwachsenenbildung auf. Nach dem Studium und dem Anerkennungsjahr im Bereich Jugendpflege und Jugendbildungsarbeit war eine interessante Stelle beim Wetteraukreis ausgeschrieben. Am 1. Juni 1985 trat er seinen Dienst im Jugendbildungswerk des Wetteraukreises an.

„Die Themen waren damals gar nicht so anders als heute. Wir haben Bildungsurlaube angeboten mit dem Schwerpunkt Ökologie. Da ging es ins Wattenmeer oder in die Alpen. Das war auch die Zeit, in der es ökologische Flussfahrten auf der Lahn gab. Die gibt es noch heute, allerdings mit einem anderen Tenor, nicht mehr als Bildungsurlaub, sondern als Erlebnisfreizeit für Jugendliche.“

Ein weiterer Schwerpunkt war schon Anfang der 90er Jahre das Thema Rechtsextremismus. Ende der 90er Jahre kamen eine Umorientierung in der Jugendbildungsarbeit und die stärkere Zusammenarbeit mit den Schulen hinzu. Zielgruppe waren Jugendliche ohne Hauptschulabschluss. Diesen Themenbereich gibt es heute auch noch, er firmiert unter Jugendberufshilfe.

„Wir haben damals eine erfolgreiche Arbeit und jungen Leuten Mut gemacht, trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit der Schule motiviert zu bleiben und auch nach Rückschlägen weiterzumachen und den Schulabschluss anzustreben.“

Mit den fünften und sechsten Klassen in Haupt-, Real- und Gesamtschulen wurden Klassenfahrten unternommen mit dem Themenschwerpunkt Gewaltprävention. „Das hat auch ungemein den Klassenzusammenhalt gestärkt.“

Ende der 90er Jahre übernahm Paatsch auch Aufgaben im Bereich der Jugendpflege. Das Freizeitprogramm mit umfangreichen Angeboten erarbeitete er zusammen mit den Kommunen und hebt dabei die Sinnhaftigkeit von kurzzeitpädagogischen Angeboten hervor. „Die sind sehr nachhaltig. Gerade die Erfahrung des sozialen Lernens von Kindern und Jugendlichen ohne ihre Eltern ist sehr prägend.“

Auf die Frage, ob Jugendliche heute anders sind als vor 30 Jahren, muss Paatsch nicht lange überlegen. „Nein. Es sind junge Leute in einem bestimmten Alter, in einem bestimmten Reifeprozess, die ihre persönlichen Erfahrungen mit einbringen. Was sich aber verändert hat, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Eltern, Kinder und Jugendliche.“

Anders sind die Angebote, wie etwa handyfreie Freizeiten, die es in den 80er Jahren mangels Handys nicht gab. Das sind zwar anspruchsvolle Touren, insbesondere zu Beginn, aber auch sehr erfolgreich. „Die jungen Leute finden es zu Beginn einer Freizeit überhaupt nicht cool, auch einmal ohne soziale Medien auszukommen und nicht ständig erreichbar zu sein.“ Es dauert in der Regel nicht lange, bis sie sich auf diese Situation eingestellt haben. Direkte soziale Beziehungen können aufgebaut und intensives soziales Lernen ermöglicht werden.

Andere Themen werden ebenfalls noch bearbeitet, freilich mit anderer Technik. Hat man in den 80er Jahren mit unhandlichen Videokameras Filme gedreht, so liefert heute ein Smartphone fast genauso gute Bilder. Aber die Themen und Interessen der Jugendlichen ähneln sich: Die eigene Lebenssituation darstellen, das was einen bewegt.

Paatsch hat jetzt mehr Zeit zum Wandern im Taunus und Vogelsberg. Radreisen stehen an. 2008 ist er alleine von Oslo ans Nordkap geradelt. Reisen mit dem Camper stehen an, neue Ziele anfahren mit Ehefrau Gunda.

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