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Kämpfe weit weg von Stadien

BUTZBACH. Robert Claus, Fan- und Hooliganexperte, sieht in der bestehenden Hooligan-Kampfsportszene eine „Inszenierung kriegerischer Männlichkeit mit klaren Rechtstendenzen“, wie er in seinem Vortrag am Montagabend bei Bindernagel unterstrich.Text + Foto: dt

VORTRAG – Auf Einladung des Butzbacher Bündnisses referierte Robert Claus über die Hooligan-Szene

BUTZBACH (dt). Sie mag für Butzbach aktuell kein brisantes Thema sein, für die Gesellschaft aber sicherlich: die Gewaltbereitschaft in der bestehenden Hooliganszene bis hin zu strafbaren Handlungen, zur Kriminalität – oftmals einhergehend mit rechtsradikalem Gedankengut und entsprechendem gewaltbereitem Verhalten. Das Butzbacher „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ hatte – mit Unterstützung des Bundesprogramms „Demokratie leben“ – am Montag den Fan- und Hooliganexperten Robert Claus zu einem Vortrag zu seinem Buch „Hooligans – Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ eingeladen. 

Vor einer ansehnlichen Zuhörerkulisse charakterisierte und analysierte der Referent  die aktuell bestehende Hooliganszene und ihr gefährliches, gewaltbereites Umfeld. Zu Beginn blendete Claus zurück auf die Anfänge der Hooliganbewegung, die „keine neue Erfindung“ sei. Ihre Wurzeln habe sie im englischen Fußball der 1960er Jahre. Wer jedoch die Entwicklung lediglich unter das Thema Fußballgewalt stellen wolle, übersehe die Einflüsse jugendkultureller Entwicklungen, verkürze somit die Problematik. Wichtige Elemente der Verbreitung der Szene seien von Beginn an Graffiti, Fanzines („Fan“-Magazin“), Ultra-Gruppen, die Musik (eigene Bands) und die Mode (Firmenlogos) gewesen. 

Im Blick auf „fußballbezogene Entwicklungen“ nannte Claus die von Fans des FC Liverpool ausgelöste Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion 1985, als beim Endspiel des Fußball-Europapokals zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin 39 Zuschauer getötet und 454 verletzt wurden. Danach seien in England die Stadien so „entschärft“ und umgebaut worden, dass heute dort keine Stehplätze mehr vorhanden seien. Weitere auf den Fußball bezogene Faktoren seien die fortschreitende Kommerzialisierung, Fan-Projekte und daneben für Deutschland die Krise des Ostfußballs nach der Wiedervereinigung, als alle großen DDR-Klubs – außer zeitweise Hansa Rostock und Energie Cottbus – aus finanziellen Gründen aus der Erstklassigkeit verschwunden seien. 

Daneben mitentscheidend für die weitere Entwicklung der Hooliganszene seien politische Entwicklungen gewesen wie der Mauerfall und der freie Reiseverkehr, das Aufkommen rechter Parteien, die politischen Entwicklungen mit der Auflösung des Ostblocks, die Vorratsdatenspeicherung und repressive Maßnahmen. Parallel dazu habe es allgemeine Entwicklungen gegeben wie das Aufkommen der Sozialen Medien, billige Flugpreise, Schlagzeilen in den Medien, Verbindungen zum Kampfsport und Auseinandersetzungen in der Rockerszene. Hooligangruppen seien vorwiegend dem politisch rechtsstehenden Spektrum zuzuordnen, es gebe allerdings auch linke Gruppen in der Szene. Es seien „Presswerke“ entstanden, für Jugendliche quasi als „Ersatzfamilie“ fungierend, wie Thomas Oetker wissen lässt, der 25 Jahre lang als Hooligan durch Europa gezogen ist. 

Heute habe sich, so Claus, die Hooliganszene vom Fußball abgenabelt, habe sich größtenteils verselbständigt in Kampfsportgruppen, die ihre „Acker“-Matches“ weit weg von den Fußballstadien austrügen. International vernetzt – beispielsweise in Facebook-Gruppen – habe sich die Szene zunehmend ausdifferenziert, wobei sie weiter vorwiegend ein männliches Milieu sei. So gebe es beispielsweise russisch-deutsche Neonaziverbindungen („White Rex“), die mit dem Fußball nichts mehr zu tun hätten. 

Der Bundesgerichtshof hatte 2015 in einem Urteil Hooligangruppen als kriminelle Vereinigungen deklariert. Er begründete sein Urteil damit, dass bei den unorganisierten „sportlichen“ Gruppenkämpfen kein Regelwerk und keine Kontrolle – etwa in Turnierform, mit einem oder mehreren Schiedsrichtern – vorhanden seien. Darum könne man nicht von offiziellen Sportwettkämpfen wie beim Kickboxen, Taekwondo oder im Boxsport sprechen. Als Initiatoren von solchen Veranstaltungen nannte Claus Organisatoren einmal aus dem Bereich der Popkultur („Mixed Martial Arts“, Distanz zum NS-Spektrum), dann aus gewaltbereiten Milieus (mit geringer Affinität zum rechten Spektrum) und aus dem tiefen rechten Milieu mit entsprechender Finanzierung von dort. 

Der Deutsche Fußball-Bund, der Deutsche Sportbund und die Sportjugend starteten Präventionsprojekte. Man schaue dem Ganzen nicht tatenlos zu. „Im Kampfsport wird den Teilnehmern Gewaltkompetenz vermittelt“, unterstrich der Referent. Zwischen dem Hooliganismus und den Ultras in den Stadien gebe es fließende Grenzen. Allerdings müsse man sehen, dass sich beispielsweise unter den 84 000 Zuschauern bei einem Bundesligaspiel von Borussia Dortmund etwa 500 Ultras befänden, von denen maximal 100 gewaltbereit seien.

(Vgl. „Am Rande notiert“ im BZ-Sport in der heutigen Ausgabe.)

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