Kirch-Gies, Poll-Gies, Ewerschgies … drei Gäns ohne Schwänz

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Kirch-Gies, Poll-Gies, Ewerschgies … drei Gäns ohne Schwänz

Mundart-Nachmittag bei Bindernagel fand wieder große Resonanz Butzbach (dt).

Er war wieder ein besonderes, nahezu unschlagbares Erlebnis für alle Freunde der mittelhessischen Dialekte – der mittlerweile schon über eine kleine Tradition verfügende Mundart-Nachmittag, den die Buchhandlung Bindernagel alljährlich am Katharinenmarkt-Samstag in ihrem Verkaufsraum präsentiert. Partner bei der knapp dreistündigen Veranstaltung ist der Verein Vemuk („Verein zur Erhaltung der mittelhessischen Mundart und Kultur e.V.“). Auch aktuell waren wieder über 70 interessierte Zuhörer/innen gekommen, die prächtig und fröhlich mit humorvollen Beiträgen unterhalten wurden. Das Motto hieß diesmal „Ohne Moos nix los!“ und darum hatte die Bäckereifiliale Moos für die vorgesehene Pause gedeckten Apfelkuchen zur Stärkung für die Besucher spendiert, neben weiterer Verpflegung durch die Buchhandlung. Und das alles bei freiem Eintritt. Eröffnet wurde der bunte Nachmittag mit dem Warm up durch zwei Musikanten der Gruppe „Die Hosselätz“ mit Jens Kühn und Torsten Müller (alias „Erwin“ und „Kall“) aus Nieder-/Ober-Bessingen, die die Zuhörer mit Liedern unter anderem der Gruppe Fäägmeel gleich in Stimmung brachten: „Wu die Äcker braat soi, die Wisse voll Koih, wu die Berje voll Waald soi, do schmeckt uus die Broih“ (nach „An der Nordseeküste…“), die Liebe zum „aale Deutz“-Schlepper, „Soi die Weck weg, ei joa, se sei all all“ und „Bei uus in die Kirch, doa iss es schiie.“ Nach der anschließenden Begrüßung durch Helmut Dörr (Ebersgöns) folgte Friedhelm Cornelius (Tiefenbach) mit ersten Gedichten wie „Goute Nachboarn bies zum Groab“, „Zwa schiene Bierm (Bäume)“, „Alles net so oafach“ und „A Stick Riwwelkuche.“ Ein Highlight war der 89-jährige Opa Erwin Ebel, der „älteste Bauer aus Kirch-Göns“, der gerade Eiserne Hochzeit gefeiert hatte, wie er stolz berichtete. Nach jedem Spruch gab es Lachsalven der Zuhörer: „Kirch-Gies, Poll-Gies, Ewerschgies – drei Gäns unn koa Schwänz!“ Danach seine Einschätzung: „Die Maadscher (Mädchen) sei so schiie in Kirch-Gies!“ Sein Plädoyer: „Die Hoamet (Heimat) halt in Earn unn de Bauernstand.“ Es folgte ein Beitrag „aussem Vuulsberg (Vogelsberg) von Karl Wilhelm Becker (Lehrbach), der als besonderen Gag das leibhaftig, präsente „rollende R“ mit nach Butzbach gebracht hatte. Er brachte die osthessische Dialektnote aus der Region Homberg/Ohm in den Nachmittag, wobei die „Brearring“ (Breite) des Brettes vor dem Kopf bei manchen Zeitgenossen eine Rolle spielte, wie er unterstrich. Lieselotte Reuter hatte aus Brandoberndorf „Wetterprognosen“ aufgrund des „Gefoil vum Rheuma“ mitgebracht und berichtete daneben in Reimform vom Fiasko eines Familienurlaubs auf dem Bauernhof. Dabei sollte auf der Hinfahrt „de Obba“ im Auto als Beifahrer „schon die Hub ersetze“ und später muss auf dem Bauernhof – anstelle der nicht vorhandenen Dusche – „de Knäächt miet dem Schlauch die Leut oabspritze.“ Ein professioneller Auftritt mit Gedichten und Musik war der Beitrag von Hans-Peter Langlotz, der sein Buch „E Dippche is immer debei“ und eigene CDs vorstellte und als Stimmungskanone schmissige und auch launige Lieder interpretierte: „Mier soi hald ächte Hesse.“ Er lieferte „als letzter Musiker in Europa Mussik ohne Steckdoos.“ In einer seiner Eigenkompositionen, versehen mit eigenen Texten, stellte er fest „Unn es schmeckt joa so guut, unn mer leckt sich die Schnuut, kommt noach Hesse, dess dut euch gut.“ Auch Geschichten aus dem Vogelsberg hatte er dabei, so der reale Bericht „vomm nasse Bobbes“, der nass wird, weil der neue Hut eben nicht nass werden soll. Sein Bekenntnis:  „Eich sei net trendy, net digital, die Mode iss mir ganz egal.“ Den Schluss seiner großartigen Darbietung bildete – in der Vorausschau – die Geschichte von „Weihnachte beim Kall.“ Der zweite Teil des Nachmittags nach der Stärkungspause gestaltete sich kürzer und wurde wieder von der Gesangsgruppe „Die Hosselätz“ eingeleitet: „Die Pullpump“, „Die Hoiher uffem Hoob“ und „Ich brauch enn Wasserkrone.“ Helmut Dörr (Ebersgöns) gab Redensarten und Sprüche aus der heimischen Region zum Besten. Es schloss sich von Marita Ebel ein historischer Gang durch die mittelhessische Speisekarte an: „Woas mer froiher all gesse hu.“ Da kam auch „Schaales in den Krobbe.“ Mit dem traditionellen „Plätzjebacke“ beschäftigte sich in der Folge Birgit Busch-Weisel aus Gambach in Gedichtform. Erika Nebeling (Atzbach) berichtete in Reimform über „Mei Moadderdoachsgeschenk“, von „De Trine und de Perrner (Pfarrer)“ und vom „Überraschungsschrank“, in dem jemand auf den Bus wartet. Für die Buchhandlung Bindernagel dankte zum Ende des Nachmittags Eckhard Wolf als „Berschder“ (aus Berstadt) allen Akteuren und gab der Hoffung Ausdruck, dass ein solcher Nachmittag in einem Jahr erneut stattfinden werde. „De Erwin und de Kall von de „Hosselätz“ verabschiedeten die Besucher mit drei weiteren Gesangsbeiträgen: „Mein Onkel Schorsch aus de Ortsstroaß“, „De Hahn Fridolin“ und „De Gaastebock.“

 

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