„Kollegium“ brannte um das Jahr 233

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„Kollegium“ brannte um das Jahr 233

Archäologie Führung zu Grabungen am Hunnenburgweg / Weihetafel, Trinkbecher und Statuen-Teile

Butzbach (mr). Am  Mittwochmittag waren auf Einladung der Stadt Butzbach, der archäologischen  Denkmalpflege des Wetteraukreises sowie von HessenArchäologie zahlreiche Bürger zur Ausgrabungsstätte am Hunnenburgweg in Butzbach gekommen. Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal erläuterte in einer Führung das Gefundene: Am interessantesten dürfte wohl die vom Grabungsteam datierte Erstellung des freigelegten Steinhauses um 226 nach Christus erscheinen. Dies müsse aber, so Lindenthal, noch genauer ausgewertet werden. Unter den Teilnehmern waren für den terminlich verhinderten Bürgermeister Michael Merle die beiden Fachgebietsleiter Ralph Miller und Ottmar Rees sowie der Leiter des Museums Dr. Dieter Wolf.

Am Grabungsort, einem Grundstück, das der Stadt Butzbach gehört und nun zu einem Baugelände entwickelt werden soll, wurden wegen der Nähe zu den historischen Fundorten an der Butzbacher Reithalle archäologische Untersuchungen in Auftrag gegeben. Wie Lindenthal erläuterte, handele es sich bei dem Haus um ein Gebäude in einem römischen Vicus. Ein Vicus war eine Siedlung mit kleinstädtischem Charakter in den Nordwestprovinzen des Römischen Reichs. Der wirtschaftliche Schwerpunkt solcher Siedlungen lag ingewerblicher Produktion, Handel und Dienstleistungen. Die Bezeichnung war unabhängig von der Siedlungsgröße; je nach Funktion reichte ihre Größe von einer kleinen Straßensiedlung bis zur Ausdehnung zeitgenössischer Städte.

Das Römische Reich, das mit seinem Limes seine Außengrenzen schützte, ist in Butzbach erstmals feststellbar in den Jahren zwischen 90 und 110 nach Christus. In dieser Zeit wurden Kastelle in Butzbach gebaut: eines davon in unmittelbarer Nähe der drei Hochhäuser im Degerfeld, hier nur als Grenzkastell ausgebildet, während das größere Kastell, das Hunnenburg-Kastell, im Umfeld der Butzbacher Reithalle für die bis zu zwei Kohorten (rund 1000 Legionäre) starke Truppen als Unterkunft diente.

Butzbach selbst kam dabei eine besondere Bedeutung zu, lag es doch direkt an Germanien. Anders als oftmals berichtet herrschte zwischen den Römern und den Germanen reger Handelsverkehr, und Butzbach lag direkt an einer Haupthandelsstraße zwischen Germanien und dem Römischen Reich. Teile der heutigen Bundesstraße 3 liegen genau auf dieser römischen Hauptverkehrsstraße, so auch jenes Vicus, das derzeit durch Ausgrabungen näher untersucht wird. Von dort aus führte die Straße in etwa entlang der B3 bis nach Friedberg, die heutige Kaiserstraße läuft exakt auf der damaligen römischen Hauptverkehrsader.

Nicht unbedingt eine Sensation sind die Funde am Hunnenburgweg, aber sie lassen eine gewisse Vermutung zu, die Lindenthal als mögliches Schicksal des Gebäudes erläuterte: Aufgrund des Funds eines Teils einer Weihetafel zu Ehren „des göttlichen Kaiserhauses“ und des benannten damaligen Kaisers Marcus Aurelius Severus Alexander und Consul Aufidius Marcellus II kann das Baujahr des Hauses auf 226 nach Christus datiert werden. Nur sieben Jahre später, im Jahr 233, fielen die Germanen in das Römische Reich ein, wohl auch aufgrund von Klimaverschlechterung. Darunter litt auch der Standort Butzbach, hier wurde das große Kastell Opfer von Flammen.

Ähnliches sieht Lindenthal auch für das nun freigelegte Haus im Hunnenburgweg: Brandspuren weisen wohl darauf hin, dass das Haus ebenfalls brannte. Weitere Untersuchungen sollen zeigen, ob das Haus, wie das Kastell auch, später im Zuge der Stabilisierung des obergermanischen Limes wieder aufgebaut und weiter genutzt wurde.

Im Haus selbst vermutet der Kreisarchäologe eine Art Versammlungsraum „Kollegium“; Funde von Trinkbechern jedenfalls untermauern dies. Dies würde auch darauf hinweisen, dass es sich durch die Lage des Hauses um eine Herberge handelte. Zu den Fundstücken auf dem Grundstück gehören neben Münzen, Keramikscherben auch eine unvollständige Statue, von der Fragmente des Arms, des Gesichts und des Hinterteils vorgestellt wurden.

Am Rande der Führung wurde schließlich auch diskutiert, wie man mit einem solchen Fundort umgehen solle und ob man wirklich das Gelände für Bauzwecke freigeben wolle. Die städtischen Gremien werden hierzu wohl noch einmal beraten müssen.

Foto: ruppel

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