„Koscher“ ist auch Auslegungssache

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„Koscher“ ist auch Auslegungssache

BUTZBACH. Unter dem Motto „Alles koscher“ gab es im Butzbacher Ratsherrensaal ergänzend zur Theorie der Speisegesetze auch Kostproben aus der jüdischen Küche. Foto: Löwenbein. Foto: thg

VORTRAG –  Sabine Mannel berichtet in Butzbach über jüdische Küche anhand der Fest- und Feiertage

BUTZBACH (thg). „Alles koscher?“ Diese Frage stellt sich den Juden im Alltag, aber auch an Fest- und Feiertagen ebenso wie am Sabbat. In dieses komplexe Thema führte Sabine Mannel von der „Kulturothek“ Frankfurt rund 40 Besucher einer Veranstaltung im Rahmen des Programms „Demokratie leben“ im Ratsherrensaal des Butzbacher Rathauses ein, der früher auch Gebetsraum der jüdischen Gemeinde war. 

Kürzlich hatte Mannel bereits in der Rolle der „Mutter Rothschild“ dort über jüdisches Leben in Frankfurt berichtet, am Mittwoch gab sie einen Einblick in die jüdische Küche. Dazu hatte sie auch Kostproben verschiedener Speisen mitgebracht. Auch koscherer Wein war im Angebot, mitgebracht von „Demokratie leben“-Koordinator Aaron Löwenbein und seiner Frau Ilse. 

Die Speisegesetze „Kaschrut“ richten sich nach den Vorschriften im dritten Buch Mose „Levitikus“, erläuterte Mannel. Unter anderem „Wiederkäuer mit gespaltenem Huf“ wie Rind oder Ziege dürfen gegessen werden, Schwein zählt indes nicht zu den erlaubten Speisen. Anhand des Rindfleischs, das im Eintopfgericht Tscholent verwendet wird, erläuterte sie, dass das Tier geschächtet werden muss. Das Blut als Symbol des Lebens dürfe nicht verzehrt werden. Mannel wies auch darauf hin, dass für das Schächten strenge Bedingungen gelten, so darf die Halsschlagader des Tiers nur mit einem ausreichend scharfen Messer aufgeschnitten werden. Nur wenn alle Regeln eingehalten sind, erhält der Schlachter das Siegel „koscher“. 

Das Einkaufen koscherer, also im Sinne der Speisegesetze reiner Ware gestaltet sich immer schwieriger. Selbst in Frankfurt, wo die jüdische Gemeinde 7000 Mitglieder zähle, seien diese Lebensmittel schwer zu bekommen. Ein koscherer Supermarkt sei geschlossen worden, nachdem bekannt geworden sei, dass er sein angeblich koscheres Fleisch aus dem Großhandel bezog. Vereinzelt gebe es koschere Küche, etwa in einem Hotel, das beispielsweise für Hochzeitsfeiern dann eigens entsprechend vorbereitet wird. 

Löwenbein wies darauf hin, dass es beim Thema „koscher“ auch um die Auslegung der Gesetze gehe. Als einen Grund der Regelungen etwa der Trennung von Fleisch- und Milchküche nannte er, dass sie in einem „warmen Land“ entstanden seien und stellte damit den Bezug zu Verderblichkeit und Hygiene her. Auch das Händewaschen vor dem Essen sei notwendig. Auslegungssache sei es auch, wenn es um Speisen geht, die in den Vorschriften des Mose-Buchs nicht genannt sind, weil es sie damals dort nicht gab. Krustentiere wie Hummer zählen dazu. Entweder dürfe man sie nicht essen, weil sie nicht ausdrücklich erlaubt sind oder man dürfe sie essen, weil sie nicht verboten sind. 

Mannel merkte an, dass es sich bei der Angabe der gestatteten Speisen eher um einen „Bestellzettel“ der Hohepriester handeln könnte. Denn zum jüdischen Glauben gehörte es, Opfertiere in den Tempel zu bringen. So könnte sich das Gesetz erklären.

Zum Mitmachen mit Tröten und Rasseln animierte Mannel die Zuhörer, als sie das Purim-Fest vorstellte. Es werde auch als jüdische Fastnacht bezeichnet. Immer wenn der Name des alttestamentarischen Peinigers der Juden Haman fiel oder der Name des Initiators eines antijüdischen Pogroms in Frankfurt Anfang des 17. Jahrhunderts, Vinzenz Fettmilch, sollten die Gäste Lärm machen. Damit sollten diese „verfluchten Namen“ übertönt werden. Dass sich beispielsweise die Kinder zum Fest verkleiden, gehe darauf zurück, dass die Juden zur alttestamentarischen Zeit der Königin Esther ihren Glauben in der persischen Diaspora nicht offen leben konnten und bedroht waren. 

Ohnehin stecken die Speisen zu den jüdischen Festen voller Symbolik. Das ungesäuerte Brot zu Pessach geht auf die hastige Flucht aus Ägypten zurück, auf der unterwegs kein gesäuertes Brot gebacken werden konnte. Meerrettich und Petersilie zeigen die Bitternis der Gefangenschaft in Ägypten an, das Salzwasser steht sinnbildlich für die vergossenen Tränen. 

Ferner wies Mannel darauf hin, dass traditionell die jüdische Küche vor dem Zweiten Weltkrieg noch nicht allzu sehr vom Nahen Osten beeinflusst war. Erst danach seien Speisen wie Hummus oder Falafel, die auch hierzulande erhältlich seien, hinzugekommen. 

Nachdenklich machte der Schlussteil die Zuhörer. So berichtete Löwenbein, dass die jüdische Gemeinde Frankfurt ihren Mitgliedern mittlerweile empfehle, beispielsweise auf dem Weg vom Auto in den Gebetsraum keine Kippa zu tragen. Und er stellte die Frage, ob dies in Butzbach möglich sei. Er erhielt die entschiedene Antwort „ja“. Mittlerweile finde er es beruhigend, dass auch Polizei zum Schutz jüdischer Orte eingesetzt wird. Mannel sagte indes, sie sei froh, dass es in Frankfurt jüdische Einrichtungen gebe, die nicht unter Polizeischutz stünden. 

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