Kulinarische Reise durch fünf Kontinente

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Kulinarische Reise durch fünf Kontinente

BUTZBACH. Mit dem früheren hr-Hessenschau-Moderator Bernd Kliebhan und der ehemaligen hr-Autorin der Sendung „Hessen à la carte“, Nina Thomas, stellten am Mittwochabend zwei weitgereiste „Foodjournalisten“ die Frage „Igitt! – Kann man das essen?“. Zu dem unterhaltsamen, informativen Abend im „Bund für Volksbildung“ waren zahlreiche Besuchern ins katholische Gemeindehaus gekommen. Text + Foto: dt

Nina Thomas und Bernd Kliebhan im Bund für Volksbildung über Erfahrungen mit Speisen aus aller Welt

BUTZBACH (dt). Hatten sie etwa Appetit auf gegrillte Insekten oder getrocknete Bienen und Ameisen im Weinglas? Fast konnte man es glauben, wenn – nach den Vortrag im Bund für Volksbildung am Mittwochabend im katholischen Gemeindehaus – ein Teil der zahlreichen Besucher meinte, dass sie gern  einmal „probiert“ hätten. Ein Besucher brachte es am Ende des informativen und unterhaltsamen Abends auf den Punkt: „Jetzt hab ich Hunger.“ Die „HR-Rentner“ – so stellten sich die beiden Referenten zu Beginn des Abends vor, der ehemalige Hessenschau-Moderator Bernd Kliebhan und die einstige Autorin der HR-Sendung „Hessen à la carte“, Nina Thomas,  präsentierten sich als weitgereiste Experten.  

„Igitt! – Kann man das essen?“ war das Thema, das dann nicht so schaurig und unappetitlich ausfiel, wie vielleicht von einigen Zuhörern im Vorfeld vermutet. Über Geschmack könne man nicht streiten, aber man tue es doch. Beide Referenten boten eine mit Fotos, kurzen Videosequenzen, theoretischen Erläuterungen und auch fröhlichen Erlebnisberichten gespickte kulinarische Reise über fünf Kontinente. Und – unter dem Strich – hat es nahezu überall sehr gut geschmeckt, wie Thomas wissen ließ. Thomas sammelt und beschäftigt sich schon seit den 80er Jahren vorwiegend mit hessischen Rezepten und gibt sich überzeugt: „Kochen ist die älteste kulturelle Leistung der Menschheit!“ Es sei „ein unerschöpfliches Thema für neugierige und genussfreudige Menschen“.  

Kliebhan startete den Vortrag mit den Pferden, die – weil gut zu jagen – die Lieblingsnahrung der Steinzeitmenschen gewesen seien. Formen der Steinzeit-Ernähung gebe es heute nur noch bei „den letzten Vollzeitjägern und Sammlern in Tansania“, insbesondere mit der Vogeljagd. Die Reise ging weiter zu den ostafrikanischen Massai (Tansania/Kenia) und danach über Hawaii bis Chile, wo bei der Zubereitung von Mahlzeiten in Erdöfen das Würzen von Speisen kaum üblich ist. Die Nahrung sei insgesamt immer so frisch und natürlich, dass auf das Würzen verzichtet werde. Der Besuch im argentinischen Patagonien sei nichts für Vegetarier, war zu erfahren. Zu den wichtigsten Traditionen gehöre dort das „Asado“, ein typisch südamerikanisches Barbecue, wobei Lämmer am offenen Feuer zubereitet werden. Auf dem Speiseplan stehen dabei „Spezialitäten“ wie Gedärme, Innereien, Hirn und eine fette Blutwurst, die geschmacklich und von ihrer Konsistenz mit unserer Blutwurst nichts zu tun habe.

Kliebhan gab Buchtipps zum Thema, unter anderem Michael Pollans „Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation“, in dem der Autor im Grundsatz die vier Kochtechniken in Verbindung bringt mit vier Elementen: das Braten mit Feuer, das Kochen mit Wasser, das Backen mit Luft und die Fermentation mit Erde. 

Was ist essbar? Was essen wir nicht? Gibt es Tabus? Diesen Fragen widmet sich Jeffrey Steingarten in seinem Buch „Der Mann, der alles isst“. Kliebhan betonte, dass Nahrungstabus kaum erklärbar seien. Ist es Gewohnheit, Erziehung, Tradition oder einfach Desinteresse? Marvin Harris spüre diesen Fragen nach in seinem Buch „Wohlgeschmack und Widerwillen: Das Rätsel der Nahrungstabus“. Warum essen wir Schweinefleisch, Moslems und Juden jedoch nicht? Kliebhan wies darauf hin, dass das Schwein eigentlich ein Waldtier sei, weiter „ein Nahrungskonkurrent“ des Menschen. Dessen Aufzucht benötige Schatten und Wasser. Auch spiele im Islam der Koran beim Verzehrverbot von Schweinefleisch und Alkohol eine wichtige Rolle. Ernährungstraditionen seien auch hartnäckig. 

Pferdefleisch sei das einzige Nahrungstabu in der christlichen Welt, das auf ein ehemaliges Papstverbot zurückgeht und nicht mehr überall gilt. In Island seien die legendären Islandponys Reittiere und Fleischlieferanten für den Menschen. In Frankreich hätten die Revolutionäre 1789 die Pferdeställe des Adels geplündert und erstmals Pferdefleisch verzehrt. 

Der Autor Jared Diamond forsche in seinem Buch „Kollaps“ den Gründen nach, warum Gesellschaften untergingen oder überlebten. Als einen bedeutenden Faktor sieht er dabei die Veränderung von Ökosystemen durch Jagd und Importe. Kliebhan nannte als typisch dafür Irland (historische Kartoffelfäule mit Hungersnot und kaum Fischverzehr) und den von Menschen gemachten, historischen Katastrophenfall mit dem Verschwinden der Wälder und der Erosion in Island. 

Letzte Station der kulinarischen Weltreise mit Videosequenzen war Asien mit Stippvisiten in China, Vietnam und Thailand. Dazu nannte Kliebhan des Buch des Frankfurter Professors Marin Trenk „Döner Hawaii. Unser globalisiertes Essen“, in dem beispielsweise erläutert werde, dass außerhalb Italiens nirgendwo die wirkliche original-italienische Küche serviert werde, sondern lediglich ortsüblich veränderte Variationen. Der Verzehr von Innereien sei in den westlichen Ländern kaum üblich, während in Asien, Afrika und der Karabik das Tier „from nose to tail“ auf dem Speiseplan stehe. 

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