„Läit-Neit-Schouh“ und rollendes R

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„Läit-Neit-Schouh“ und rollendes R

90-jähriger Erwin Ebel riss die Besucher zu Begeisterungsstürmen hin

BUTZBACH (dt). Knapp drei Stunden Mundart pur unter dem eigentlich etwas rätselhaften Motto: „Hossde Dorscht, beiß eann die Worscht.“ Das wartete auf die überaus zahlreichen Besucher am Katharinenmarkt-Samstag traditionell wieder in der Buchhandlung Bindernagel. „Star“ des Nachmittags war dabei der 90-jährige Kirch-Gönser Landwirt Erwin Ebel, der in erstaunlicher Frische mit seinen Gedicht-Vorträgen die Besucher zu Lach- und Begeisterungsstürmen hinriss und sich am Ende herbstlich so verabschiedete: „Sonnescheih unn wenich Nebel, dess wünscht auch all der Erwin Ebel!“ Große Heiterkeit löste daneben Karl Wilhelm Becker (Lehrdorf) aus, der sich mit dem „vernachlässigten rollenden R“ in der Mundart beschäftigte und ein großes R auf Rädern leibhaftig dabei hatte.

Hinter der seit einigen Jahren in Butzbach stattfindenden Veranstaltung stehen als Organisatoren Helmut Dörr (Ebersgöns), der durchs Programm führte, und Uwe Schmittberger (Gambach) in Verbindung mit dem Verein VEMuK (Verein zur Erhaltung der mittelhessischen Mundart und Kultur e.V. Solms), dessen 1.Vorsitzender Friedhelm Cornelius (Tiefenbach) mit Gedichtvorträgen („Soapp, Gemois unn Hinkelfoiß“ u.a.) für die Mitgliedschaft in seinem Verein warb.

Musikalische Glanzlichter setzten gleich zum Auftakt, zwischendurch und zum Abschluss „de Erwin und de Kall“ alias Jens Kühn und Torsten Müller aus Nieder-Bessingen, die unter anderem gekonnt das Liedgut der legendären Gruppe Fäägmeel präsentierten. („Lied vom Wasserkroane“, „Handkäs’ mit Mussick“ nach der Melodie des Welthits „Guantanamera“, „Sei die Weck weg, sie sei all all“).

Das Programm startete mit dem Kirch-Gönser Metzgermeister Manfred Binzer, der für die Pause auch Kostproben aus eigener Herstellung mitgebracht hatte. Er erzählte „vom Schloachte froiher“, vom Viehkauf „iwwer Kopp“, vom „Blout kleppern“ und präsentierte auch Sprachkenntnisse bei der Erläuterung von Begriffen wie „Metzelsoapp“, „Schwoartemoae“ und den „Rosch“ (jüd. für Kopf).

Danach folgte der Auftritt des umwerfend fröhlichen, schlagfertig und verschmitzt agierenden 90-jährigen Erwin Ebel, von dessen Vortrag die Zuhörer einfach nicht genug bekommen konnten. Auf sein fortgeschrittenes Alter angesprochen, sprach er bereits von seinem Auftritt beim nächsten Katharinenmarkt: „Ich hunn mer die Hunnert fiergenomme!“ Es folgte das „rollende R“ von Karl Wilhelm Becker aus Lehrdorf bei Alsfeld, der gleich darüber belehrte, wie der Stadtname Alsfeld entstanden sei; da habe ein Bürger einmal gerufen: „Als fällt mer de Hout vom Kopp“, schon habe die Stadt ihren Namen gehabt und die Bürger trügen jetzt nur noch Kappen. Er philosophierte – zum Ergötzen der Zuhörer – über seine Schuhe, von denen er zwei Paar – je nach Tageszeit – trage, die „Morje-Schouh unn die Läit-Neit-Schouh.“ Früher seien die Bauern „gloi uff Soi“, „haut gloi uff Koih“ (wild auf Säue, heute wild auf Kühe). Großartig seine Sätze mit den unzähligen „rollenden R“, auch da, wo sie nur im Dialekt vorhanden sind. Abschließend stellte er die „Bobb in de Dodd“ (die Puppe in der Tüte) vor und erntete wahre Lachsalven.

Ein hohes Lied auf das heimische Essen lieferte Bernd Schindel von der Laienspielgruppe Ebersgöns mit seinen Gedichtvorträgen, unter anderem über „die Kaddoffen“ (Kartoffel), ehe dann Jürgen Piwowar (Münster) mit den Besuchern eine mundartliche Singstunde veranstaltete. Gemeinsam wurde vom „Hessenland, du bist mein Heimatland“ gesungen, wobei die erste und letzte Strophe in Hochdeutsch fünf stark mundartlich gefärbte Strophen einrahmten.

Nach der Pause mit den Kostproben aus der Metzgerei Binzer zog eine Brandoberndorfer Frauengruppe mit Liselotte Reuter, Andrea Hölzel, Ulrike Busch, Marianne Schneider und Sigrid Sannwald singend ein und präsentierte eine ländlich-musikalische „Spinnstubb“ mit Volksliedern, wobei die Gegensätze von „froiher unn haut“ charakterisiert wurden; dabei wurde bedauert, „dess haut alles annersch iess.“

Mit der Vorstellung von mundartlichen Redensarten und Geschichten dazu amüsierte Helmut Dörr („Die Linse“, „Die Mädcher aussem Hesseland“) und VEMuk-Vorsitzender Friedhelm Cornelius stellte seinen Verein vor, der aktuell 140 Mitglieder aus nah und fern habe.

Pointiert, gelungen und direkt trug im letzten Beitrag Erika Nebeling aus Atzbach ihre mitgebrachten Gedichte vor, in denen es um ein Loblied auf „die Kaddoffel“ ging, „Prost Mahlzeit“ gewünscht und berichtet wurde vom Knecht, der auf dem Bauernhof mit einer Stange im „Pullloch“ herumrührt, weil ihm die Jacke mit dem „Froihstick“ in der Seitentasche hineingefallen war – um die Jacke sei es nicht schad, aber „sei Froihstick“ wolle er schon haben.

Mit dem Dank an alle Mitwirkenden und Besucher durch Helmut Dörr und mit Klängen der Musikanten „Erwin und Kall“ aus Nieder-Bessingen über den sexuell-unersättlichen Hahn Fridolin (Mama, guck, guck …) ging der fröhliche Nachmittag bei Bindernagel zu Ende.

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