Landtagspräsident Kartmann: Wir brauchen demokratisch gesinnte Bürger

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Landtagspräsident Kartmann: Wir brauchen demokratisch gesinnte Bürger

Zentrale Gedenkfeier des Wetteraukreises auf der Gedenkstätte in Nieder-Weisel

BUTZBACH – NIEDER-WEISEL (mr). Ob es nun ein Lichtblick war oder Ausdruck von Hoffnung, kann nicht genau gesagt werden. Aber der Volkstrauertag und insbesondere die zentrale Gedenkfeier des Wetteraukreises auf der Gedenkstätte in Nieder-Weisel fand unter Sonnenschein statt. Dennoch waren nicht viele Bürger zur Gedenkfeier gekommen. Das wurde auch von allen anwesenden Rednern, darunter der hessische Landtagspräsident Norbert Kartmann, Bürgermeister Michael Merle, die Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch sowie der katholische Pfarrer Eberhard Heinz, bedauert.

Eröffnet worden war die Gedenkfeier durch eine Abordnung der Feuerwehrkapelle Butzbach, die die musikalische Umrahmung gestaltete. Neben den Rednern begrüßte Bürgermeister Merle den Vereinsringvorsitzenden Robert Werner, Abordnungen des Bundeswehr-Kreisverbindungskommandos, der Reservistenkameradschaft sowie Ab-
ordnungen der Feuerwehren aus Butzbach und Nieder-Weisel, Vertreter der städtischen Gremien sowie Schülerinnen und Schüler der IGS Schrenzerschule Butzbach.

Merle betonte in seiner Gedenkrede, dass Hass und Menschenverachtung, Respektlosigkeit und übertriebener Nationalismus immer wieder zu Konflikten und Krieg geführt hätten. Erster und Zweiter Weltkrieg des vergangenen Jahrhunderts hätten gezeigt, wie sehr Europa sich selbst schaden könne. Geprägt von übertriebenem Nationalismus, dem Irrglauben der Überlegenheit und Nationalismus übersteigender Patriotismus seien seinerzeit Grund für die beiden Weltkriege gewesen.

Vergleichbare Entwicklungen seien auch heute weltweit zu erkennen und es sei Aufgabe der  Deutschen und ihrer Partner in Europa, insbesondere in Frankreich, diesen Entwicklungen entgegen zu wirken. Merle zitierte aus einem Brief vom Bürgermeister der französischen Partnergemeinde Saint Cyr l’École, Bernard Debain, zum deutschen Volkstrauertag, der für die Menschen Frieden, Freiheit, Sicherheit und gegenseitigen Respekt forderte. Merle wörtlich: „Ein Hartmannswillerkopf – Ausgang des Ersten Weltkriegs und erster Konfliktort – darf sich nie mehr wieder wiederholen“.

Stephanie Becker-Bösch als Vertreterin des Wetteraukreises betonte in ihrer Gedenkrede, dass trotz aller bekannter Kriege und Nazi-Gräueltaten und der klaren Forderung der Menschen nach „Nie wieder Krieg, Rassismus oder Unterdrückung“ aktuell weltweite Konflikte als brandgefährlich zu werten seien. Becker-Bösch kritisierte die Kriegsrhetorik aus den USA in Richtung Ostasien und rief die Konfliktparteien unter Bezug auf die Entspannungsbemühungen des seinerzeitigen Bundeskanzlers Willy Brandt zu einem Wandel durch Annäherung auf. Sie, Becker-Bösch, wisse natürlich nicht, ob das für beide Konfliktparteien eine Möglichkeit sei, sie sei aber auf jeden Fall besser als die derzeit geübte Twitter-Rhetorik. Zwar wiederholten sich nicht geschichtliche Ereignisse, aber menschliche Verhaltensweisen. „Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet die Abkehr vom Hass, bedeutet die Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat Liebe not“, dieser Ausspruch des Reichstagspräsidenten Paul Löbe während der Gedenkveranstaltung im Reichstag am Volkstrauertag 1922 sei auch heute noch gültig, so Becker-Bösch.

Der Präsident des Hessischen Landtags Norbert Kartmann betonte in seiner Ansprache, dass der Volkstrauertag in den letzten Jahrzehnten um Opfer weiterer Konflikte regionaler Kriege und von Terror und Gewalt, deren einzige Motive vordergründig politisch und religiös genannte Ideologien seien und nur mit politischem und religiösem Fanatismus zu bezeichnen seien, erweitert worden sei. „Uns begegnen diese Ereignisse in unseren Medien, Tag für Tag. Und sie machen uns Angst. Obwohl diese Konflikte eigentlich weit weg von uns sind, sind sie uns doch nah, wie vor der eigenen Haustüre“. Kartmann erinnerte an den Einsatz von deutschen Soldaten weltweit, sie dienten der Friedenssicherung.

Der Landtagspräsident bedauerte, dass das historische Bewusstsein heutiger Generationen sehr begrenzt sei. Dies sei eine schwerwiegende Feststellung, insbesondere wenn man aufkeimenden Nationalismus in unserem Land und in vielen Staaten Europas beobachten müsse. „Wir brauchen aber keine Wutbürger, sondern Mutbürger. Wir brauchen demokratisch gesinnte Bürgerinnen und Bürger“, rief Kartmann den Jugendlichen, jungen Erwachsenen, aber auch den älteren Generationen zu. Der Volkstrauertag sei und bliebe ein Tag der Pflicht für Deutschland. Nicht zuletzt den Opfern von Krieg, Gewalt, von Terror, Völkermord und Vertreibung der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart seien wir das schuldig.

Als Schirmherr des hessischen Landesverbands des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge betonte Kartmann die Rolle des Volksbunds. „Sie ist eine bundesweite Organisation, die sich im Auftrag der Bundesregierung um die Erhaltung deutscher Soldatenfriedhöfe in Europa und auch weltweit kümmert, ja sogar heute noch neue anlegt“. Der Volksbund bewahre mit der Anlage und Erhaltung der Friedhöfe das Gedenken an die Kriegstoten. Die riesigen Gräberfelder erinnern die Lebenden an die Vergangenheit und konfrontieren sie mit den Folgen von Krieg und Gewalt. Seit Jahrzehnten organisiere der Volksbund Jugendbegegnungen und Workcamps unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“ in ganz Europa.

Kartmann bedankte sich bei der Reservistenkameradschaft für ihren wiederkehrenden Einsatz auf der Gedenkstätte. Die Gedenken gelten den Opfer von Gewalt und Krieg, den Kindern, Frauen und Männern aller Völker, den Soldaten, die in den Weltkriegen starben, aber auch den Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren hätten: „Ich gedenke hier mit Ihnen im Namen des Hessischen Landtags und der Hessischen Landesregierung. In unserem demokratisch rechtsstaatlichen Land sind wir mit unserem Reden und Tun in besonderer Weise diesem Gedanken verpflichtet, aus dem die Erkenntnisse erwachsen, die uns Leitlinie für die Gestaltung einer freiheitlichen und toleranten Gesellschaft sein müssen“, so Kartmann.

Pfarrer Eberhard Heinz bat im Gedenken an die Opfer der beiden Weltkriege um mehr Respekt und Toleranz. Beeindruckt waren die Teilnehmer der Gedenkfeier von einem selbstgeschriebenen Gedicht des Schülers der IGS Schrenzerschule, Jarsson Schneider-Ludorff „Mein Onkel“, indem er verzweifelt die Abwesenheit eines fiktiv gefallenen Onkels symbolisch aufarbeitete. Mit der Kranzniederlegung sowie des von der Abordnung der Feuerwehrkapelle gespielten Lied „Der gute Kamerad“ sowie einem Choral endete die Gedenkfeier auf der Gedenkstätte in Nieder-Weisel.

NIEDER-WEISEL. Schülerinnen und Schüler der IGS Schrenzerschule sowie Bürgerinnen und Bürger waren zur Gedenkfeier am Volkstrauertag nach Nieder-Weisel gekommen.                                                                      Text + Fotos: mr

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