Langgönser soll Freund und Ex- Freundin mit Absicht umgefahren haben

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Langgönser soll Freund und Ex- Freundin mit Absicht umgefahren haben

Richter vermisste Schuldbewusstsein / Zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt

LANGGÖNS (wiß). Eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr, unerlaubtem Entfernen vom Unfallort und fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr – so lautete am Dienstag das Urteil des Gießener Schöffengerichts gegen einen 25-jährigen Langgönser. Er hatte im April vergangenen Jahres in einem Langgönser Ortsteil den gleichaltrigen Freund seiner Ex-Freundin auf seinem Golf VI GTI aufgeladen, nachdem sich dieser vor sein Auto gestellt hatte. Eine weitere Konsequenz ist, dass er für die Dauer von drei Jahren keine Fahrerlaubnis bekommen darf. 

Richter Dr. Dietrich Claus Becker blieb damit am dritten Prozesstag unter dem von Staatsanwalt Thomas Hauburger beantragten Strafmaß. Dieser hatte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren sowie die Entziehung der Fahrerlaubnis und Sperrung für zwei Jahre gefordert. Hauburger meinte mit Blick auf die Schwere der Tat, dass diese nicht mehr bewährungsfähig sei. Sein Plädoyer hatte er mit „Fehlentscheidung und ihre Folgen“ betitelt. Das begann damit, dass der 25-Jährige nach erheblichem Alkoholkonsum in sein Fahrzeug gestiegen war und dem Auto des Opfers in gefährdender Art und Weise hinterherfuhr. Bei der eigentlichen Tat habe auch das Opfer eine Fehlentscheidung getroffen und sei auf die Fahrbahn gestürmt. 

Der Angeklagte sei jedoch nicht ausgewichen oder habe angehalten, „Nichts haben Sie getan“, leitete Hauburger zum „Momentversagen“ über, denn als das Opfer nicht zur Seite ging, sei der Angeklagte mit 20 bis 25 Stundenkilometer auf ihn zugefahren. Als der Mann auf Motorhaube und Windschutzscheibe knallte, folgte die nächste Fehlentscheidung. „Sie stoppen nicht, sondern geben Gas. Wir wissen nicht, weshalb Sie das gemacht haben. Im Zweifel für den Angeklagten müssen wir zu Ihren Gunsten davon ausgehen, dass Sie es nicht getan haben, um ihn zu verletzen. Das Video hat mich schockiert“, meinte der Staatsanwalt zu den Szenen, die die Überwachungskamera eines benachbarten Firmengeländes aufgezeichnet hatte. 

„Es folgte der nächste Fehler: Sie sind weitergefahren, haben Unfallflucht begangen. Und dann machen Sie etwas, was man auch nicht verstehen kann. Ein Notruf, der kein Notruf ist, sondern eine Strafanzeige gegen das Opfer, eine falsche Verdächtigung. Das ist eine erneute Straftat. Wie Sie sich dort verhalten haben, das ist maximal schlecht. Ich als Staatsanwalt bin ratlos“, meinte Hauburger. 

Während der drei Prozesstage war es nicht gelungen, die „Geschichte hinter der Geschichte“ zu ergründen. Zwar sei der Beklagte mehr oder weniger geständig, habe aber auch nur das zugegeben, was sowieso bekannt sei und lasse das Opfer als Aggressor dastehen. Hauburger räumte ein, dass es ihm noch nie so schwergefallen sei, eine gerechte Strafe zu finden, und verwies auf die körperlichen Folgen beim Opfer, der mehrfach an Hüfte und Hand operiert worden war. Seine rechte Hand kann er nur eingeschränkt nutzen. 

Der Mann war Nebenkläger im Verfahren. Sein Rechtsanwalt Olaf Wolff äußerte in Richtung des Angeklagten „ein ungutes Gefühl, denn Sie haben uns nichts gesagt“. Mit der Höhe der Strafe sei der Angeklagte „gut bedient“. Der Anwalt vermisste ein „richtiges Schuldbewusstsein“. 

Verteidiger Peter Hilgers unterstrich, dass es „kein planvolles Handeln“ gegeben habe. Sein Mandant habe keine Absicht gehabt, einen Unglücksfall herbeizuführen. Doch nach seiner Fahrt durch den Wendehammer habe sich eine Situation ergeben, die nicht zu erwarten war. „Es war Fehlversagen.“ 

Wie schwer der Fall zu entscheiden sei, machte Richter Becker deutlich: „Wir im Rechtssystem sind auf der Suche nach der richtigen Sanktion auch überfordert“. Das Gericht habe die Schwere der Körperverletzung anders beurteilt, weshalb das Strafmaß auch geringer ist als beantragt. „Trotz drei Tagen Hauptverhandlung bleibt es ein Rätsel, was Sie geritten und zur Tat veranlasst hat. Wir haben es nicht verstanden“, erklärte der Richter, der vor allem auf „für ein Schöffengericht merkwürdige Sätze“ einging, hatte doch der Angeklagte beteuert, dass alles nicht in seinem Ermessen gestanden habe. 

„Doch, es stand in Ihrem Ermessen. Sie haben es schon falsch begonnen mit dem Trinken. Sie wollten Ihrer Ex-Freundin Angst machen. Das alles war schon eine krasse Nummer“, meinte der Richter. 

Das Opfer habe Größe gezeigt, als es die Entschuldigung des Täters akzeptiert habe. „Du hast mir viel im Leben kaputtgemacht mit der Aktion. Ich hatte keinen Hass auf Dich. Es ist scheiße gelaufen. Aber Du hast mir hier etwa in meinem Leben genommen, was mir sehr wichtig war. Das ist der Sport. Meine Mutter hat mich Barmherzigkeit gelehrt. Ich verzeihe Dir, aber ich vergesse nicht“, erklärte der 25-Jährige, der einst als Handball- und Fußballtorwart aktiv war.

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