„Lassen Sie uns gemeinsam mutig sein“

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„Lassen Sie uns gemeinsam mutig sein“

BUTZBACH. Pfarrer Christoph Baumann (linkes Foto) sprach bei der Gedenkveranstaltung auf dem Synagogenplatz vom „extremen Dualismus“ im menschlichen Denken und Leben. – Gedenken und Kranzniederlegung am Standort der ehemaligen Synagoge mit v.l. Pfarrer Christoph Baumann, Bürgermeister Michael Merle und Gemeindereferentin Brigitte Mackrodt (mittleres Foto). – Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der Weidigschule (rechtes Foto) verlasen die Opfer und entzündeten Kerzen. Text + Fotos: Dreut

Gedenkstunde aus Anlass des 81. Jahrestages der Pogromnacht am Synagogenplatz

BUTZBACH (dt). „Demokratie ist die Staatsform der Mutigen.“ Mit diesem Satz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schloss Butzbachs Bürgermeister Michael Merle seine Ansprache bei der Gedenkfeier am Samstagabend am Butzbacher Synagogenplatz und richtete einen Appell an die über hundert Zuhörer: „Lassen Sie uns gemeinsam mutig sein!“ An der diesjährigen Gedenkstunde zur Erinnerung an die Pogromnacht am 9./10. November 1938 nahmen Schüler der Weidigschule, der Posaunenchor und Pfarrer Christoph Baumann von der evangelischen Markusgemeinde und Gemeindereferentin Brigitte Mackrodt für die St. Gottfriedsgemeinde teil. 

Nach der musikalischen Einleitung vom Posaunenchor unter Leitung von Kantor Uwe Krause erinnerte Bürgermeister Merle in seiner Ansprache an die Nacht vom 9. auf 10. November in Butzbach vor 81 Jahren, als die Synagoge ein Raub der Flammen wurde und die herbeigerufene Feuerwehr nur zuschaute und lediglich die anliegenden Gebäude vor den Flammen schützte. Wenige Wochen später mussten die Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde David Grünbaum, Hermann Löb und Leopold Rosenblatt im KZ Buchenwald den Verkaufsvertrag für das Synagogengrundstück unterzeichnen. 

Bereits 1932 habe der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher vor der menschenverachtenden, hassgetriebenen Ideologie des Nationalsozialismus gewarnt: „Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.“ Merle weiter: Die Nationalsozialisten hätten an die niedrigsten Motive des Menschen appelliert. Die Verdammung aller „zivilisatorischen, kulturellen und menschlichen Werte“ habe die beispiellosen Gräueltaten am deutschen und europäischen Judentum möglich gemacht. 

Angesichts des Attentats auf die Synagoge in Halle müsse man feststellen, dass „wir in Deutschland heute vor einer Zeitenwende“ ständen. Der aktuelle Antisemitismus und Rassismus in Deutschland münde über gezielte Provokationen und Tabubrüche in rechtsextremistische Straftaten. Merle zitierte die Worte des Bundespräsidenten in Halle: „Wer dafür nur einen Funken Verständnis aufbringt, der macht sich mitschuldig für Taten anderer und Geschehnisse wie in Halle.“ Merle unterstrich, dass Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit von rechtsextremistischen Parteien geschürt würden, „die mit dumpfen Parolen bei Wahlen erschreckend hohe Ergebnisse erzielen“. Alle Demokraten seien nun aufgefordert, sich aktiv und für den Erhalt und Fortbestand unseres demokratischen Gemeinwesens einzusetzen. 

Im Anschluss trugen Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der Weidigschule unter Leitung von Eva Henkelmann Gedichte vor („Die Hungernden“, „Buchenwald“), riefen die Namen der jüdischen Opfer aus der Kernstadt und allen Stadtteilen einzeln auf und entzündeten dazu jeweils Kerzen. 

Pfarrer Baumann stellte in seiner Ansprache den „extremen Dualismus“ im Denken von Menschen in den Mittelpunkt. Man teile rigoros in Gut und Böse – schwarz und weiß –, ordne sich selbst bei den „Guten“ ein und bezeichne die anderen als „Böse“, verfolge sie mit Hass und Mord. Worte seien der Anfang, auf sie folgten danach die Taten. 

Gemeindereferentin Brigitte Mackrodt trug einen Text in Anlehnung an Worte des Bischofs Dr. Klaus Hemmerle vor: „Man hat meinem Gott das Haus angezündet – und die Meinen haben es getan … Man sagt: Vergessen wir’s und Schluss damit. Das Vergessene kommt unversehens, unerkannt zurück – Nein, die Meinen haben es getan … Was soll ich sagen? Gott sei mir gnädig!“ 

Die Gedenkstunde schloss mit einer stillen Minute am Gedenkstein der ehemaligen Synagoge, an dem Trauerkränze niedergelegt wurden und einem weiteren musikalischen Beitrag des Posaunenchores. 

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