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Liebe zur Heimat nie sterben lassen

BUTZBACH. Das Goldene Ehrenzeichen des Heimatkreises Tepl Petschau erhielt Butzbachs Bürgermeister Michal Merle aus den Händen von Heimatkreisbetreuerin Hildrun Barthlme. Einen Blumenstrauß für ihr großes Engagement übergab Bürgermeister Merle der langjährigen Heimatkreisbetreuerin Hildrun Barthlme anlässlich des 65-jährigen Jubiläums der Patenschaft zwischen Tepl und Butzbach. Text + Fotos: mr

FEIER – Seit 65 Jahren besteht Patenschaft Butzbach – Tepl / Bürgermeister Merle sagt Fortsetzung zu

BUTZBACH (mr). Rund 100 Gäste und Aktive waren der Einladung der Städte Butzbach und Bad Vilbel sowie des Heimatkreises Tepl-Petschau zum Jubiläumsbundestreffen am Samstagabend in die Alte Turnhalle in Butzbach gefolgt, just in jene Halle, in der 1954 die Partnerschaft zwischen Tepl und Butzbach geschlossen worden war. Stefan Hörtler vom Bund der Sudentendeutschen Landsmannschaft hielt die Festrede (s. weiteren Bericht).

Am 12. September 1954, so Heimatkreisbetreuerin Hildrun Barthlme, sei die Patenschaft zwischen Butzbach und Tepl geschlossen worden. Seit dieser Zeit habe die Stadt, nicht nur mit der Einrichtung der Heimatstube in der Wendelinskapelle, die Patenschaft nachhaltig unterstützt. Dafür sei man sehr dankbar. Barthlme zeichnete aber auch ein großes Bild der Hoffnung über die jüngsten Entwicklungen im Verhältnis zwischen der tschechischen Bevölkerung und den vertriebenen Sudendeutschen. Ein reger Austausch auf dem Weg der Aussöhnung sei dabei der Schlüssel. Gerade die tschechische Jugend interessiere sich immer mehr für die Geschichte der Jahre 1945/46. 

Bürgermeister Michael Merle hob die Parallelität des Ablaufs der Patenschaftsschließlung 1954 und den in diesem Jahr stattfindenden Veranstaltungen hervor: „Als Magistrat versprechen wir Ihnen auch, dass wir die Verpflichtung aus der Patenschaftserklärung auch in Zukunft weiter fortführen möchten.“ Merle zitierte mit einem Ausspruch des letzten Prilats des Stifts Tepl, Petrus Möhler, der 1954 auch in Butzbach bei der Schließung der Partnerschaft zugegen war: „Dass die Liebe zur verlorenen Heimat niemals sterben möge.“ Die Anwesenheit der vielen Gäste an diesem Abend bewiesen, dass die Worte des Prilats damals wie heute Gültigkeit haben und mit dem ehemaligen Butzbacher Bürgermeister Dr. Heinz Scheller trage die Partnerschaftsurkunde jene Unterschrift, die Fundament auch für das Glaubensbekenntnis der Sudetendeutschen geworden sei: die alte Heimat nicht vergessen, aber in der neuen Heimat Fuß zu fassen. 

Für sein besonderes Engagement erhielt Merle aus den Händen der Heimatkreisbetreuerin Barthlme das Goldene Ehrenzeichen des Heimatkreises Tepl-Petschau. Mit einem Tanzvortrag der aus Offenbach stammenden Egerländer Jugendgruppe erinnerten sich viele Anwesende an ihre Jugend. Grüße der Landesregierung, des Ministerpräsidenten Volker Bouffier, dessen Mutter selbst eine vertriebene Donauschwäbin gewesen sei, sowie von Innenminister Peter Beuth überbrachte Margarete Ziegler-Raschdorf als Beauftragte der Landesregierung. Sie konstatierte, dass in jeder dritten hessischen Familien Vertriebenenwurzeln enthalten seien. Ein langer, leidvoller Weg auf der Flucht, die Aufnahme in einer neuen Umgebung ohne besondere Willkommenskultur sei die Situation derjenigen gewesen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten. Aber die Vertriebenen hätten ihr Schicksal angenommen und mitgeholfen, das am Boden zerstörte Deutschland wiederaufzubauen. Heimat gebe es nur einmal, aber ein neues Zuhause hätten die Sudetendeutschen insbesondere in Hessen gefunden. 

Abwechslung zwischen den Festreden bot der Egerländer Volkstanzkreis, der sich aus Vertetern von Städten wie Braunfels, Offenbach, Dillenburg und weiteren zusammensetzt. 

Die Stadt Bad Vilbel, die 1990 nach dem Ausstieg des Wetteraukreises aus der Patenschaft mit dem Kreis Tepl-Petschau diese Patenschaft übernommen hatte, war mit Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr vertreten. Er freute sich über die wiederkehrenden Treffen. „Mit Demut und Dankbarkeit muss ich dem Patenkind und dem Paten gratulieren“, führte Stöhr aus. Die Patenaufgabe sei in dem Umfeld nach 1945/46 nicht einfach gewesen und es sei eine große Gnade, 65 Jahre eine solche Patenschaft fortzuführen. Butzbach habe sich vorbildlich verhalten und damit auch Voraussetzung geschaffen, diese Geschichte, die auch Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte sei, an die jüngere Generation weiter zu geben. Stolz sei man in Bad Vilbel auch darauf, dass man das Magistratssitzungszimmer im neuen Rathaus als Tepl-Petschau benannt habe. „Mitten im Kurpark, dem Zentrum des nächsten Hessentags, steht ein Gedenkstein für die Opfer von Vertreibung, Krieg und Gewalt und erinnert damit auch an die Vertriebenen aus dem Kreis Tepl-Petschau“, so Stöhr. 

Der stellvertretende Bürgermeister von Tepl, Martin Klepal, wies auf die Historie der Stadt Tepl nochmals eindrücklich hin: Nach dem Einmarsch der Deutschen im Oktober 1938, der Befreiung durch die rote Armee im April 1945 folgten 40 Jahre Kommunismus. Die beiden totalitären Systeme Nationalismus und Kommunismus hätten den Menschen in Tepl, sowohl Tschechen als auch Deutschen, schwer zugesetzt. Wenn auch die Deutschen ihre Heimat verloren hätten, so hätten die Tschechen aus Tepl auch keine bessere Zukunft annehmen dürfen. „Wahrheit und Liebe siegen über Wut und Hass“, zitierte Klepal den tschechischen Nationalhelden und Politiker Vaclav Havel. 

Ab dem 26. Oktober findet in Wiesental eine Veröffentlichung historischer Dokumente und Fotos vom Tepl aus den Jahren 1930 bis 1950, wie Ludwig Polaczek, ebenfalls Gast aus Tepl, bekanntgab. Der Jongleur und Artist Cašpar Klepal begeisterte mit Kunststücken. 

Der Egerländer Volkstanzkreis und das Schlusswort von Hildrun Barthlme bildeten den Abschluss der akademischen Veranstaltung. Musikalisch umrahmt wurde die gesamte Veranstaltung von der Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr Butzbach. 

BUTZBACH. Der Egerländer Volkstanzkreis begeisterte die Gäste des Jubiläumsbundestreffen 2019 am vergangenen Samstag. 

BUTZBACH. Gäste beim Jubiläumsbundestreffen des Heimatkreises Tepl-Petschau: links im Vordergrund Steffen Hörtler, Landesvorsitzender von Bayern und stellvertretender Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, neben ihm Bad Vilbels Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr, rechts die Heimatkreisbetreuerin Hildrun Barthlme.

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