Meerjungfrau schmückt wieder als Türklopfer das Barockhaus Weide

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Meerjungfrau schmückt wieder als Türklopfer das Barockhaus Weide

BUTZBACH. Mit einem kleinen Fest wurde am Samstag am Haus der Fa­milie Weide in der Färbgasse 5 wieder eine Replik des 1981 gestohlenen Türklopfers in Gestalt einer Meerjungfrau anmontiert.

BUTZBACH (pi). Fast 300 Jahre lang schmückte ein einzigartiger Türklopfer in Gestalt einer Meerjungfrau das Barockhaus Weide in der Färbgasse 5 in Butzbach, bevor er 1981 gestohlen wurde. Am Samstag konnte nun in Anwesenheit des Künstlers Gerhard Wolf eine gelungene Replik montiert werden. Das regnerische Wetter störte die Wassergöttin wenig und hielt auch über 30 Besucher nicht davon ab, dieses kleine kulturelle Event mit zu erleben. Nach einem Sektempfang nahmen alle Gäste die einmalige Gelegenheit wahr, das ganze Haus und Anwesen, das als „Kulturdenkmal“ eingetragen ist, persönlich in Augenschein zu nehmen.

Auf die Frage, warum wohl seinerzeit ein Türklopfer in Form einer Meerjungfrau gestaltet wurde, erläutert Johannes Weide: „Seit der Renaissance fanden in der Kunst die alten Naturgottheiten wieder Aufmerksamkeit. Die ‚Nixe‘ gilt allerdings als eher ‚böswillig‘: Mit tödlich-verführerischem Zauber zieht sie – bevorzugt junge Männer – auf den Grund trüber Gewässer. Psychologisch gesehen schwingt da natürlich eine Portion ‚Projektion‘ mit, d.h. ‚Schuldzuweisung‘ an die Frau. Deshalb sehe ich in unserem Türklopfer lieber die ‚Meerjungfrau‘: Auch da ist die erotische Dimension klar. Aber traditionell ist sie auf ‚Erlösung‘ angewiesen und zwar durch die reine Liebe eines menschlichen Wesens. Bei der ‚Kleinen Meerjungfrau‘ von Hans-Christian Andersen löst sich die ‚Unterwasser-Göttin‘ in ‚Schaum‘ auf und wird so zur ‚Luftgöttin‘. Jetzt muss sie nicht mehr am trüben Grund des Meeres leben, sondern kann Klänge, Musik, Düfte und Licht der ‚oberen Welt‘ wahrnehmen. Und dass die Liebe eines Menschen ‚befreien‘ kann, ist eine Lebenserfahrung. Religiös weitergedacht könnte man sagen: Wenn die Liebe von Mensch zu Mensch ihren Ursprung in Gott hat, wirkt diese Liebe Gottes befreiend auf seine Geschöpfe. Deshalb mag unser Türklopfer lieber eine ‚Meerjungfrau‘ und keine ‚Nixe‘ darstellen! Übrigens: Wer den Künstler Gerhard Wolf erleben möchte, hat dazu die Gelegenheit am 7. und 8. September im Rahmen der Veranstaltung ‚Kunst in Licher Scheunen‘ – sehr empfehlenswert!“

Seit 1981 sind Dr. Karin und Johannes Weide intensiv mit Sanierungsarbeiten am Elternhaus befasst. Johannes Weide hat daneben eine Reihe alter Möbelstücke restauriert sowie die Haus und Familiengeschichte recherchiert. Die Geschichte des Hauses lässt sich bis zurück auf 1724 mit Dokumenten belegen, bei deren Textübertragung Erika Gillmann von besonderer Hilfe war. Seit 1763 ist das Haus im Familienbesitz. Die fünf Kinder von Familie Weide sind die neunte Generation im Haus. 

Auf die Frage, wann das Haus erbaut worden sei, erläuterte Weide: „Das ist nicht eindeutig belegt. Aus dem ältesten ‚Tauschvertrag‘ geht hervor, dass 1724 der ‚Stadtphysicus‘ (städtischer Arzt) und Leibarzt der landgräflichen Familie, Johann Jacob Fabricius, das Anwesen von der Witwe Jacobina Zöller erwarb. Die Annahme, dass er ein baufälliges Haus gekauft, abgebrochen und ein neues Haus hat bauen lassen, teile ich nicht. Mit Sicherheit hat das Fachwerk ursprünglich frei gelegen. Vermutlich hat er ein bestehendes Gebäude modernisiert. Möglicherweise hat erst sein Sohn, Jacob Christian Fabricius, das Haus ‚ba-
rockisiert‘; d.h. verputzen lassen, um einen Steinbau zu imitieren. Die Stuckaturen an den Decken würde ich auf 1740 datieren. Als Baujahr tippe ich auf ca. 1690. Vielleicht erlebe ich noch, dass dereinst der Verputz der Fassade erneuert wird: Es wäre für mich sehr interessant, ob auf dem Schwellholz der 1. Etage eine Inschrift mit Jahreszahl und Erbauer zum Vorschein kommt!“

Auf jeden Fall muss das Haus mit der damals stattlichen Geschosshöhe von 3,40 m ein wohlhabender Bürger gebaut haben. Auf die Frage, wie es zum Namen „Haus Weide“ kommt, erläutert Weide: „Eigentlich müssten drei Familiennamen benannt werden. Durch Einheirat – die Erbinnen übernahmen ja den Namen der Männer – änderte sich der Familienname der Bewohner zweimal: Die Käufer von 1763 hießen ‚Heyl‘, danach ‚Rumpf‘ und seit 1879 ‚Weide‘. Mit dem Namen ‚Rumpf‘ verbinde ich vor allem den Namen von Christoph Rumpf, der als Mitstreiter von F. L. Weidig bekannt wurde. ‚Weides‘ leben seit nun 150 Jahren im Haus.“

Zurück zur Haustür: Am Haus Weide befindet sich die älteste erhaltene Haustür Butzbachs, wenn man als Baujahr 1690 annehmen darf. Jetzt schmückt sie wieder der Türklopfer in Gestalt einer Meerjungfrau. 

Das linke Bild zeigt Dr. Karin und Johannes Wei­de zusammen mit dem Künstler.

Im Anschluss stellte Johannes Weide das als Kulturdenkmal eingetragene Gebäude mit seiner reichen Geschichte vor.

 

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