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Meine Flucht aus Neuseeland

BUTZBACH. Das Foto zeigt Kyra Engel mit ihren Freunden in Neuseeland beim Abschied vor ihrem Rückflug nach Deutschland. 

corona-geschichten 17-jährige Butzbacher Schülerin Kyra Engel verließ Land kurz vor „Lockdown“

BUTZBACH (bz). Die Butzbacher Zeitung – Wetterauer Bote bittet ihre Leser darum, ihre Corona-Geschichten zu erzählen und an die Redaktion zu senden. Ausgewählte Beiträge über Erlebnisse, Begebenheiten und Erfahrungen erscheinen dann in der BZ. Die 17-jährige Kyra Engel aus Butzbach war als Schülerin für ein halbes Jahr in Neuseeland, wo sie von der Coronavirus-Pandemie überrascht wurde. 

„Meinen Aufenthalt musste ich wegen des Coronavirus leider früher beenden. Die Situation hat sich stündlich geändert und ich wusste nicht auf welcher Seite der Erde ich in den nächsten Tagen und Wochen sein werde. 

14. März – Ich war mit meiner Gastfamilie über das Wochenende an den Strand gefahren. Kein Internetempfang, kein Wlan, gar nichts. Morgens habe ich mir den Sonnenaufgang am Meer angeschaut und plötzlich Nachrichten empfangen. Eine Nachricht meiner Freundin, dass die Schulen in Deutschland ab sofort geschlossen werden und eine E-Mail, dass mein Rückflug storniert wurde und ich bis auf Weiteres keinen Ersatzflug bekommen würde. Ich habe versucht meine Eltern in Deutschland zu erreichen, aber vergeblich – ich hatte keine Chance. 

15. März – Ich kam spät abends nach Hause und habe sofort meine Eltern angerufen, um eine Lösung zu finden. Da Neuseeland bis dato nur einen Infizierten hatte, sollte ich bis auf Weiteres dort bleiben. 

18. März – Da die Situation sich in allen Ländern verschlimmert hatte und auch die Zahl der Infizierten in Neuseeland stark angestiegen war, wussten wir, dass wir einen Ausweg suchen müssen. Alle Veranstaltungen wurden abgesagt und meine Lehrer haben mir täglich mehrfach gesagt, dass die Schule jede Sekunde geschlossen wird. 

19. März – Diese Ungewissheit war schlimm! Ich wusste nicht mehr, was ich tun soll. Einmal um die Welt nach Deutschland mit vielen Infizierten fliegen, um bei meiner Familie zu sein? Oder doch lieber im vermeintlich sicheren Neuseeland bleiben, aber wie würde die Situation da ausgehen!? Ich habe mir jeden Tag Gedanken darüber gemacht, was wohl passieren wird. Ich habe jeden Tag die Nachrichten über Deutschland und Neuseeland gecheckt. Ich habe jeden Tag darüber nachgedacht, wie ich am besten handeln sollte. 

21. März – Nach Stunden und unzähligen Versuchen hat es meine Familie endlich geschafft, mich auf die Rückholliste der Bundesregierung einzutragen. Ich wusste, dass die Regierung Neuseeland nicht anfliegt. Aber ich wusste auch, dass ich nach Hause, nach Deutschland, zu meiner Familie wollte. Somit haben meine Familie und ich alles dafür gegeben, dass ich es schaffe, wieder nach Hause zu kommen. 

22. März – Ich habe den ganzen Abend bis Mitternacht mit meiner Familie, die gleichzeitig nach Flügen gesucht hat, telefoniert. Es war kein Flug zu kriegen. Viele Länder hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Grenzen schon geschlossen, also durfte ich mich dort nicht einmal für einen Zwischenstopp aufhalten. Australien schließt seine Grenzen in zwei Tagen, hieß es. Wir wussten alle, dass ein Flug über Australien meine letzte Chance ist. 

23. März – Morgens um halb sieben bin ich aufgewacht. Von einem erholsamen Schlaf konnte nicht die Rede sein. Ich habe gesehen, dass meine Mutter versucht hat, mich anzurufen, natürlich habe ich sofort zurück gerufen. Sie hat mir erzählt, wie viele Flüge sie schon gebucht haben, die allerdings direkt danach wieder storniert wurden. Wie durch ein Wunder haben sie in dem Moment einen Flug gefunden. Wellington – Sydney – Doha – München. Das war die Flugroute und der Abflug war schon in 18 Stunden. Mit dem Auto braucht man von dem Ort, in dem ich gelebt habe, dreieinhalb Stunden bis nach Wellington. Zum Glück hat sich meine Gastfamilie direkt dazu bereit erklärt, mich mitten in der Nacht zum Flughafen zu fahren, obwohl meine Gasteltern am nächsten Tag arbeiten mussten. 

Was macht man schon, wenn man nicht mal mehr 18 Stunden hat, um sich von seinem neu aufgebauten Leben zu verabschieden? Genau das habe ich mich auch gefragt. Ich habe so schnell wie möglich meine Sachen gepackt und meinen Freunden gesagt, dass ich in dieser Nacht nach Hause fliegen werde. Ich habe es geschafft, mich von ein paar wenigen zu verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich den Rest meiner Freunde jemals wieder sehen werde, aber die Zeit lief gegen mich, ich hatte keine Zeit, mich von allen zu verabschieden. Dieser Flug war meine letzte Chance. 

Am Flughafen angekommen, kamen weitere Probleme auf mich zu. Australien hatte an diesem Morgen entschieden, dass kein Zwischenstopp länger als acht Stunden dauern darf. Meiner dauerte allerdings acht Stunden und zehn Minuten, zehn Minuten zu lang. Mein letzter Ausweg stand grade auf der Kippe. Ein paar Sorgen später, hat mir der Flughafenmitarbeiter gesagt, er habe die australische Regierung angerufen und ich darf mich zehn Minuten länger dort aufhalten. Somit war der erste Flug gesichert, trotzdem musste ich dauerhaft damit rechnen, dass einer der anderen Flüge gestrichen wird und ich ganz alleine irgendwo auf der Welt feststecke. Während meiner Wartezeit in Sydney bekam ich eine Nachricht von meinem Gastvater, dass ich alles richtig gemacht habe. Neuseeland hatte gerade bekannt gegeben, alles zu schließen und dass sie sich jetzt im Lockdown befinden.

Der nächste Flug brachte das nächste Problem mit sich. Ich wollte in Sydney in mein Anschlussflugzeug einchecken, aber es funktionierte nicht. Die Mitarbeiter wussten was das Problem war, aber wollten mich nicht aufklären. Somit mussten auch die australischen Mitarbeiter die Regierung anrufen, damit ich endlich als vorletzte Person ins Flugzeug nach Doha einstieg, das wegen mir und einer Handvoll anderer Personen 45 Minuten später abheben konnte. Da ich ununterbrochen meine Maske tragen musste, war ich wegen des Sauerstoffmangels unendlich müde und konnte keinen klaren Gedanken fassen. 

24. März – Endlich bin ich in München angekommen und kann mit meiner Familie nach Hause, nach Butzbach, fahren. Ich war so unendlich glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein, obwohl ich weder meine neuseeländischen noch meine deutschen Freunde sehen konnte.“

So machen Sie mit: Schreiben Sie Ihre Geschichte auf und schicken Sie den Text (gern mit einem passenden Foto) per E-Mail an mail@
butzbacher-zeitung.de mit dem Betreff Corona-Geschichte.  

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