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Menschenrechtler drohen 15 Jahre Haft

BUTZBACH. Peter Steudtner im Gespräch mit Kirchenvorstand Michael Krause. Text + Foto: win

GESPRÄCH – Peter Steudtner berichtet in Markuskirche Butzbach über Erfahrungen in türkischen Gefängnissen

BUTZBACH (win). Am Sonntag war Dokumentarfilmer, Fotograf und Menschenrechtsverteidiger Peter Steudtner im Rahmen der Veranstaltung „Markus-Forum“ zu Gast in der evangelischen Markus-Kirchengemeinde. Im Gespräch mit Kirchenvorstand Michael Krause berichtete er über seine Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen vor zwei Jahren, die Auswirkungen auf ihn und sein Umfeld und die Kraft der Solidarität. Die Veranstaltung wurde vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ unterstützt. Radio Welle West Wetterau übertrug das Gespräch live im Internet. Es soll in Kürze als Podcast abrufbar sein. 

Der Schulungsleiter wurde am 5. Juli 2017 während eines Workshops in der Türkei festgenommen. Am 18. Juli 2017 ordnete ein Gericht Untersuchungshaft gegen ihn an. Ihm wird laut Anklageschrift vorgeworfen, Terrororganisationen unterstützt zu haben. Am 25. Oktober 2017 wurde er ohne Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen und ist seitdem in Deutschland. Das Verfahren gegen ihn läuft jedoch weiter, der Prozess wurde am 31. Januar 2018 fortgesetzt. Die Abschluss-Plädoyers sind für den nächsten Mittwoch, 27. November, angesetzt. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft. 

Eindrucksvoll schilderte Steudtner in der Markuskirche vor rund 100 Gästen seine Verhaftung während des Seminars und die Zeit in Untersuchungshaft in vier verschiedenen türkischen Gefängnissen. Unter anderem war er zeitgleich mit dem Korrespondenten der „Welt“, Deniz Yücel, inhaftiert. Für die Razzia einer 30-köpfigen Antiterroreinheit habe es keine ersichtlichen Gründe gegeben. Schon in den ersten Stunden nach der Verhaftung hätten die Behörden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen, sagte Steudtner; beispielsweise wurden die Inhaftierten nicht über ihre Rechte aufgeklärt.

Er, der sich als Trainer Bereich Gewaltfreiheit auf Antidiskriminierung und die Verarbeitung von Trauma und Stress in Konflikten konzentriert, war nun selbst genau in einer solchen Situation. In seinen Workshops vermittelt er den Teilnehmern Routinen. Ihm persönlich halfen im Knast progressive Muskelentspannung und Yoga. Steudtner berichete von Isolationshaft und der Unterbringung in Antiterrorzellen. In den kleinen, überbelegten Zellen gab es kein Tageslicht. Sich um Seele und Körper zu kümmern, sei ebenso hilfreich wie Tagträume, Bücher lesen und Gespräche mit anderen Gefangenen.

Bei aller Ungewissheit, was auf ihn zukommen würde, hat er auch Positives erlebt. Steudtner erzählte, dass ihn im Gefängnis eine Welle der Solidarität getragen habe. In guter Erinnerung sei ihm beispielsweise der warmherzige Empfang der Mitinsassen, der freundliche Umgang und die große Solidarität unter den Gefangenen geblieben. In der heimischen Gethsemane-Gemeinde in Berlin wurden Fürbitten und Andachten zum Zeichen der Solidarität für ihn abgehalten. „Solidarität hat viele Gesichter, ist nicht immer bequem, aber sie trägt“, erläuterte Steudtner und verglich sie mit einer Hängematte. Er habe bei der Gelegenheit das Knüpfen gelernt und eine Hängematte mit solidarischen Botschaften geknüpft, die in einer Ausstellung zu sehen sein wird. 

Die Zeit im Gefängnis habe bei ihm auch viel Kreativität freigesetzt. So habe er angefangen, mit leeren zusammengedrückten Plastikwasserflaschen zu jonglieren oder aus den Banderolen dieser Flaschen Bändchen zu drehen – als Ersatz für Schnürsenkel und Gürtel, die ihm abgenommen wurden. 

Bei allem Ernst der Lage sei Humor im Knast wichtig, stellte er fest. Bei seinen täglichen Runden im Hof des Gefängnisses kam Steudtner der Gedanke eines Langstreckenlaufs am Tag des Berlin-Marathons. Dies blieb in Berlin nicht unbemerkt. Die Veranstalter des Berlin-Marathons machten diese Aktion öffentlich und bildeten auf einem Teilstück der Strecke in Berlin den Gefängnishof nach. 

Freiheit hat ihren Preis. Er wisse allerdings nicht, welche diplomatischen Vereinbarungen getroffen wurden, die zu seiner Freilassung führten, so Steudtner. Durch das Gerichtsverfahren sei seine Arbeit als internationaler Trainer für Nichtregierungsorganisationen „erheblich“ eingeschränkt. In einigen Ländern drohe ihm die Festnahme, wenn die türkische Justiz überraschend einen Auslieferungsantrag stellte. Die Bundesregierung habe gesagt, dass sie ihn nicht ausliefern werde. „Aber meine Mitgefangenen der Istanbul 10 kann es treffen, sollte es zu Haftstrafen kommen.“ Sie seien türkische Menschenrechtsaktivisten. Da ein Terrorverdacht gegen ihn bestehe, könnten Workshops im Ausland problematisch werden und auch gefährliche Auswirkungen auf andere kleine Menschenrechtsorganisationen haben. Von Kirchenvorstand Michael Krause nach seinen Zukunftsplänen befragt, verriet er, dass er gerne einen Dokumentarfilm über die Zeit im Gefängnis drehen würde. Am liebsten als animierten Comicfilm, denn: „Die Leute sollen was zu lachen haben.“ 

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