Mit dem Fahrrad einmal um die Welt OPEN-AIR-KINO Independent-Film „Besser Welt als nie“ /Regisseur war anwesend 

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Mit dem Fahrrad einmal um die Welt OPEN-AIR-KINO Independent-Film „Besser Welt als nie“ /Regisseur war anwesend 

BUTZBACH. Mit diesem Fahrrad (linkes Foto) ist der Gelnhäuser Dennis Kailing 43 600 Kilometer durch 41 Länder in 761 Tagen gefahren. Text + Fotos: win

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BUTZBACH (win). Ein Sprichwort besagt: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!“ – oder am besten gleich einen Film darüber drehen. Das dachte sich wohl auch der Gelnhäuser Bauingenieur Dennis Kailing, als er seinen Traum von einer Weltreise verwirklichte. Herausgekommen ist ein sehenswerter Independent-Film über Freiheit, Begegnungen und die Sprache des Lächelns. Einmal mit dem Fahrrad um die Welt, allein; immer Richtung Osten in der sicheren Annahme, irgendwann im Westen wieder rauszukommen. 

350 Zuschauer sahen im Open-Air-Kino atemberaubende Landschaftsaufnahmen und erlebten mit „Besser Welt als nie“ auf 43 600 Kilometern durch 41 Länder in 761 Tagen außergewöhnliche Perspektiven und Eindrücke. Aber warum ausgerechnet mit dem Rad? Abgesehen von der Lust auf diese Art der Fortbewegung, war es für den Gelnhäuser anfangs eher der finanzielle Aspekt. Inspiriert durch Recherchen im Internet dachte er sich „feine Sache“ und beschloss, seinen Traum endlich in die Tat umzusetzen. 

Auf fünf Monate langes Träumen folgten anderthalb Monate effektive Vorbereitung und das Abarbeiten der To-Do-Liste; angefangen von einem Beratungsbesuch beim Tropenarzt, über den Abschluss einer Langzeit-Auslandskrankenversicherung bis hin zum Kauf eines geeigneten Expedition Bikes mit 30 Gängen inklusive Zubehör. Bis zu diesem Moment war Kailing keineswegs ein geübter Fahrradfahrer. „Am Anfang hatte ich ziemlich Schmerzen, aber man gewöhnt sich dran“, erklärt er ganz pragmatisch. 100 km täglich waren keine Seltenheit. Um seine Erlebnisse zu dokumentieren, hatte er eine Spiegelreflexkamera, ein Stativ, eine Actionkamera und eine Drohne im Gepäck. Da allein filmen mitunter schwierig war bzw. ihm eintönig erschien, hat er unterwegs einfach Passanten als Tonassistenten oder Kameraleute „eingespannt“. Er war zwar meistens allein unterwegs, aber so wirklich alleine war er nur selten. 

Viele Begegnungen mit interessanten, verrückten oder auch „ganz normalen“ Menschen gewährten ihm Einblicke, die einem gewöhnlichen Touristen vorenthalten bleiben. Eine Reise ins Ungewisse, voller Abenteuer und wunderbarer Begegnungen mit Menschen. Kailing zeigte aber auch die unangenehmen Seiten des unendlichen Roadtrips: Nicht enden wollender Regen in den Anden Südamerikas, Krankheit zwischen goldenen Pagoden in Myanmar und Einsamkeit in den unendlichen Weiten des Australischen Outbacks. Zu den vielen schönen Begegnungen zählte für Dennis Kailing der Aufenthalt in Armenien bei einer Kleinfamilie, bei der er übernachten durfte. Stets im Zwiespalt, gerne ein wenig länger bei netten Menschen bleiben zu wollen, zog es ihn dennoch auch hier unaufhaltsam weiter.

Beachtlich, was er – abgesehen von der Tour an sich – alles geleistet hat, um diesen Film möglich zu machen. Zwei Jahre hat der Hesse an seinem Film gearbeitet. Als es in diesem Jahr endlich soweit war, ihn rauszubringen, kam Corona. Nach den ersten Lockerungen war er zunächst in den Autokinos zu sehen. Jetzt geht Dennis Kailing damit wieder auf Freiluftkino-Tour. Das Publikum zeigte größten Respekt vor dieser Leistung und applaudierte am Filmende langanhaltend. 

Aus dem Hobby Film, Fotografie, Bildbearbeitung entwickelte sich während der Reise die Passion als Kameramann, Regisseur und Produzent. Dazu hat er noch das gleichnamige Buch geschrieben. Gut zwei Jahre hat es gedauert, bis alles fertig war. Gefördert wurde die Postproduktion von der hessischen Filmförderung, was Kailing ermöglichte, Profis an Bord zu holen und einen professionellen Kinofilm zu machen, mit individuellem Soundtrack, 5.1 Tonmischung, Color Grading, Animationen, und allem, was dazugehört. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine Erkenntnis lässt sich daraus ableiten: Eine berufliche Zukunft als Bauingenieur kann sich der Filmemacher nicht mehr vorstellen.

Großes Lob verdient übrigens das Publikum, das sich nach wie vor unglaublich diszipliniert und konsequent an die Hygieneregeln hält und den Kinobetreibern damit den Rücken stärkt. „Ich erlebe das Publikum jeden Abend sehr verständnis- und rücksichtsvoll, was Abstand halten, Maske tragen und Hände desinfizieren angeht“, bestätigt Michael Krause vom Open-Air-Kino. Auf Verständnis stieß auch der Umstand, dass die Kinobetreiber wegen der Hygienevorschriften bewusst auf einen Büchertisch verzichtet haben. Umso mehr freute es die Kinogäste, dass der Regisseur am Ende des Films – es war bereits nach Mitternacht – die handsignierten Bücher persönlich „ausgeliefert“ hat, die sie zuvor an ihrem Platz bestellen konnten. Das krönende Highlight war, dass es auch noch der 30. Geburtstag des sympathischen Weltenbummlers war. Gerne hätte das Publikum ihm ein Geburtstagsständchen gesungen. Stattdessen wurde coronakonform geklatscht und mit den Füßen getrampelt.

Nach 43 600 Kilometern in 41 Ländern auf 6 Kontinenten kehrte Dennis aus dem Westen kommend an den Ort zurück, von dem er gut zwei Jahre zuvor Richtung Osten aufgebrochen war. Zwei Erkenntnisse haben sich in ihm tief verankert: Erstens – man sollte mit einem Lächeln durchs Leben laufen, damit kann man sich mit Unbekannten anfreunden und zweitens – es geht immer weiter. „Die Reise hat mir gezeigt, dass es immer eine Lösung gibt, wenn es an der Zeit ist.“ 

So etwas geschafft zu haben, macht unheimlich stolz. Neue persönliche Grenzen zu setzen und Dinge einfach zu machen bzw. sie auszuprobieren, verschafft ein gutes Gefühl. Sein Fazit: „Fahrt Fahrrad – macht Spaß“. In Zeiten von Corona empfiehlt er, einfach mal eine längere Radtour zu machen und Deutschland zu entdecken – „zum Beispiel mit dem Rad von Butzbach nach Rügen“, lautet sein Vorschlag. Wer mit einem Fahrrad reist, lernt unfassbar viele Leute kennen. Unterwegs kann man viel erleben und hat seinen Freunden mehr zu erzählen, als wenn man den ganzen Urlaub am Strand in der Sonne liegt. 

Dennis Kailing signierte seine Bücher, bevor er sie nach der Vorstellung im Weidekörbchen jedem Käufer persönlich an den Platz brachte.

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