Mit dem Pflastertheater wandelte man wieder auf den Spuren Weidigs

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Mit dem Pflastertheater wandelte man wieder auf den Spuren Weidigs

BUTZBACH (hwp). In das Butzbach des Jahres 1834 und damit in die politisch wie gesellschaftlich brisante Zeit des revolutionären Vormärz entführte ihre Zuschauer eine ganz besondere Veranstaltung. „Flördütrottwar“ – das 2013 ins Leben gerufene Butzbacher Pflastertheater, überzeugte am Samstag mit einer bemerkenswerten Premiere zur Spielzeit 2017 und wird im September/Oktober weitere Vorstellungen anbieten.

„Auf den Spuren von Weidig“, dem Butzbacher Freiheitskämpfer, lautet auch dieses Jahr das Motto der Inszenierung unter der versierten Regie von Tanja Marcotte (u.a. „Büchner-Bühne“ in Riedstadt). Die Stammzuschauer merkten es gleich zur Premierenvorstellung – einige Dialoge wurden wie einzelne Szenenabläufe auch im Detail weiter überarbeitet, was der bewährten Art der Präsentation der in loser Folge gezeigten Auftritte keineswegs schadete.

Kreuz und quer führten die „Hurdy Gurdy-Girls“ die Premierengäste aus der Region durch Butzbachs Altstadt – und immer auf der Suche nach Friedrich-Ludwig Weidig. Was man auf den Kopfsteinen der Plätze und Gassen dann traf, waren honorige Bürger, die Familie und Weggefährten Weidigs, aber man wurde auch auf teils amüsante, teils bitterernste Weise konfrontiert mit seinen unerbittlichen wie gnadenlosen Häschern, die den vermeintlichen Revolutionär im Auftrag der staatlichen Obrigkeit dingfest machen wollten. Die etwa 60-minütige Theatertour offenbarte wie das Leben in Butzbach des Jahres 1834 eine gewiss nicht einfache Sache für die Menschen war. Forderungen nach demokratischen Regeln oder gar  nach dem Wahlrecht für Frauen stellten auch bei einst liberalen Menschen die „ …von Gott gegebene Ordnung“ auf den Kopf.

Heutzutage undenkbar, aber allein der 1813 von Weidig auf dem Butzbacher Schrenzer eröffnete erste Turnplatz in ganz Hessen für das gewöhnliche Volk, galt bereits als Angriff auf den Staat. Unter ständiger Beobachtung willfähriger Günstlinge und Informanten der Staatsgewalt stehend, musste man es sich wohl überlegen, wo, wann und gegenüber wem man freiheitliche Gedanken äußerte oder kritische Lieder anstimmte, wie die Hurdy Gurdy-Girls es taten in Begleitung von Otto Wanke (Gitarre) vor und während der Aufführung.

Johann Carl Christoph Steinberger (Neidhard Dahlen) als damaliger 1. Pfarrer und Schulinspektor Butzbachs war so ein gelehrter Zweifler – er sah und lobte den perfekten Pädagogen und Lehrer und Rektor der Butzbacher Lateinschule Weidig, der mit Schülern wie kein anderer umzugehen wusste. Aber mit dessen Thesen zu Freiheit, Staat und Gesellschaft mochte er sich dann doch nicht so recht anfreunden. Oder der interne Zwist zwischen Ludwig Christian und Ehefrau Wilhelmine Christine Weidig (geb. Liebknecht), den Eltern des aufrührerisch gestimmten Weidig (Renate und Michael Schröter). Der Vater mit dem Wunsch, sich in der seiner Meinung nach weiter sicheren Mittelschicht zu bewegen und ja nicht unangenehm aufzufallen in diesen unsicheren, Leib, Leben und Existenz bedrohenden Zeiten und gegensätzlich eingestellt die Mutter, ganz der Hilfe für minderbemittelte Mitmenschen verpflichtet. Weidigs Ehefrau Amalie (Sabine Schleicher), die in der Langgasse vom entbehrungsreichen Familienleben berichtete – floss doch so manches verdiente Geld nicht in die eigene Familie, sondern in Ausgaben für arme Menschen. Aber die vergrämt wirkende, perfekt in Szene gesetzte Revolutionärsgattin, stand überzeugt zum Handeln ihres „Fritz“ – zu groß waren zu jener Zeit die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsschichten.

Recht freizügig und zunächst locker berichtete August Becker (Patrick Kempf) von seinen demokratischen Gedanken, was als Schüler Weidigs und Kommilitone wie Freund von Georg Büchner nicht verwunderte – doch auch er in ständiger Angst vor politischer Verfolgung. Als dann die berüchtigten französischen Soldaten in die Nähe kamen, zog er die schnelle Flucht dem weiteren Verbleib vor.

Wenn die mobilen Theaterzuschauer zwischen den ja unbekannten aber als Novum tatsächlichen, historischen Originalschauplätzen all dieser Begegnungen hin und her wechselten, sorgten die armen, ihre Federbüschel zum Verkauf anpreisenden, aber stets aufmerksamen wie redegewandten Hurdy-Gurdy-Girls (u.a.: Claudia Kroll, Chrissi Rauber, Erika Kempf, Angela Blotta, Renate Klement) teils barfuß unterwegs, genau für dieses Angstgefühl in jenen, schlimmen Zeiten. Blieben die Damen und Herren an den herrlichen Altstadthäusern mal bewundernd stehen, wurden sie sofort aufgefordert, zusammen zu bleiben und weiter zu gehen „Butzbach sei ein gefährlicher Ort…!“ hieß es da leise flüsternd und es war in Wirklichkeit wohl auch so gewesen.

Die im landgräflichen Schloss einstmals durch Großherzog Ludwig II. (…dieser übertrug zum Amtsantritt erst einmal alle seine privaten Schulden auf das Land und die Bevölkerung – ein Einstand nicht ohne ideelle Sprengkraft) stationierten französischen Kavallerie-Truppen „Cheveaux Lègères“ (u.a.: Harry Weimar, Patrick Kempf, Georg Neundorfer) hatten kein Problem mit Alkohol, Tänzerinnen und Freiheitsliedern. Nur wenn der eiskalte und von seinem Tun und Handeln restlos überzeugte „Weidig-Jäger“ Konrad Georgi (Roland Kluger), Hofgerichtsrat und Untersuchungsrichter in Butzbach auftauchte, standen sie stramm und wurden zu gnadenlosen Erfüllungsgehilfen staatlicher Willkür gegenüber den bis dahin absolut gegenüber der Obrigkeit zur Unterwerfung erzogenen Bürgern. So metzelten diese Truppen einst bei Södel brutal eine Truppe aufbegehrender Bauern nieder und machten ihrem schrecklichen Ruf alle blutige Ehre und am Samstagabend, da wurde man Zeuge von radikalen Hausdurchsuchungen in der Gulden- bzw. Hirschgasse –  damals in Butzbach üblich.

Diese Szenen zeigten eindrucksvoll wie unfrei die Menschen zum Zeitpunkt der gerade beginnenden deutschen Revolution waren und wie unendlich schwer es gewesen sein musste, sich allein nur rein gedanklich dem inneren Schritt zu völlig neuartigen, freiheitlichen Themen zu widmen. Weidig und Büchner vertraten ihre Thesen im „Hessischen Landboten“ landesweit unter Todesgefahr verbreitet wurde. Ohne Wegezoll ging dereinst nichts und wenn man wie Butzbach an den bedeutendsten Handelsstraßen des Landes lag, sowieso nicht. Olaf Bauer in der Rolle eines schlecht bezahlten Zöllners komplettierte die Schauspieltruppe und avancierte zu einem „lästigen“ ständigen Begleiter. Kaum hatte man zwei Straßenzüge hinter sich gebracht, stand er mit seinem Schlagbaum schon wieder da und wollte bare Münzen sehen –heute nennt man es auf den Straßen wohl Maut.

Mit einem Begrüßungstrunk in der Michaeliskirche (Griedeler Straße) hatte „Flördütrottwar“ seine Zuschauer historisch stimmig vor der Zeitreise rund um das Leben und Wirken von Ludwig Weidig willkommen geheißen. Am Ende des Episodenspiels ließen die Akteure gemeinsam mit dem Publikum erneut in der Michaeliskirche das soeben Erlebte in geselliger Runde Revue passieren bei einem Abschiedsimbiss.  Weitere Aufführungen des Pflastertheaters gibt es Ende September und im Oktober – Einlass in der Michaeliskirche ist jeweils 30 Minuten vorher. Karten sind ausschließlich in der Buchhandlung Bindernagel (Wetzlarer Straße) erhältlich und weitere Infos zu den genauen Spieltagen dort und unter www.floerduetrottwar.de.

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