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Mit Fragen zum Nachdenken bringen

Lesung Autorin Mo Asumang in Butzbach zum Umgang mit Rechtsextremisten und Morddrohung

BUTZBACH (dt). „Wir haben hier eine Morddrohung gegen Sie. Draußen leuchtet ein rotes Schild ‚Aufnahme!‘ Ich sitze in einem ARD-Fernsehstudio, und man spielt mir den Hetzsong einer Neonazi-Band vor. Ein Tontechniker testet noch die Lautstärke, und dann höre ich es zum ersten Mal, ganz kurz. Ziemlich mies gesungen krachen die Worte scharf in den Raum hinein: ‚Die Kugel ist für dich, Mo Asumang, die Kugel ist für dich!‘ Meine Beine bewegen sich nicht mehr. Auch der Oberkörper ist vollkommen regungslos, ich halte den Atem an…“ So begann die Fernsehnmoderatorin und Autorin Mo Asumang ihre Lesung am Montagabend in der Alten Turnhalle in Butzbach in der Veranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Butzbacher Bündnisses für Demokratie und Toleranz. Und dies ist auch der erste Abschnitt ihres Buches „Mo und die Arier“.

Die spannende, packende Lesung aus ihrem Buch unterbricht Asumang immer wieder, ist offen auch für Fragen der Zuhörer, spricht Klartext. Nach dem ersten Schock im Fernsehstudio in der Sendung „ARD-Kontraste extra“ zog sie los, wobei sie die röchelnde Gesangsstimme des „Sängers“ Lars Burmeister anfangs verfolgt, wie sie eingesteht. Diese hält sie jedoch nicht davon ab, sich nun offensiv und öffentlich mit dem Rassismus in Deutschland auseinander zu setzen. Für zwei Fernsehfilme begibt sie sich mutig und furchtlos in die Neonazi-Szene und schreibt das genannte Buch zu dieser  Problematik.

Schon als Kind von Spielkameraden wegen ihrer Hautfarbe gehänselt, haben die ersten Morddrohungen für sie eine neue, erschreckende Dimension. Bereits als Studentin, so berichtet sie, sei sie in Berlin zur Finanzierung ihres Studiums Taxi gefahren und sei dabei nachts von einem rassistisch pöbelnden Fahrgast tätlich angegriffen worden. Ihre Erfahrung: Das Gefühl der Angst verändere das „Wesen“ eines Menschen, wenn er sich nicht wehre. Mutig und entschlossen suchte Asumang die offene Konfrontation mitten unter 3000 Neonazis in Berlin auf dem Alexanderplatz bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit einem Mitglied des Ku-Klux-Klans in USA. Heiterkeit beim Publikum lösen ihre Berichte aus, in denen sie von ihren Erfahrungen erzählt, die sie als „Moni aus Berlin“ auf einer Neonazi-Online-Dating-Plattform erlebte. Das ist Satire pur.

„Ich muss mit ’nem Nazi reden,“ beschließt sie. Doch die wollen offensichtlich nicht mit ihr reden. Es sei meist ganz schwierig, mit einzelnen ins Gespräch zu kommen, da sie persönliche Kontakte vermieden. Sie erzählt davon, dass es ihr schließlich gelungen sei, mit dem bekannten, 2009  verstorbenen Rechtsanwalt und führenden NPD-Funktionär Jürgen Rieger zu noch dessen Lebzeiten ein Gespräch zu führen. Er habe aus seiner Sicht von den verschiedenen Rassen der Menschheit und von einer vorhandenen unterschiedlichen „Rassenseele“ gesprochen. Auch von einer Begegnung mit dem US-Neonazi Tom Metzger berichtet sie.

Für die Auseinadersetzung mit Neonazis empfiehlt sie, ihnen Fragen zu stellen. Diskussionen seien kaum sinnvoll und brächten kein Ergebnis. „Man muss ihnen Fragen stellen, weil sie ihr eigenes Denken und Tun selbst nicht hinterfragen“, ist ihre – wie sie bekundet – recht erfolgreiche Devise. Man müsse das Gegenüber mit direkten Fragen aus dem Gleichgewicht und zum Nachdenken bringen. Das Bild von den Neonazis in Springerstiefeln und mit Baseballschlägern bewaffnet sei eine antiquierte Vorstellung: „Diese Leute leben wie du und ich mitten in unserer Gesellschaft.“ Beispielsweise seien 35 Prozent aller studentischen Burschenschaften rechtsextrem.
Mit begeistertem, langanhaltendem Beifall wurde Mo Asumang am späten Montagabend in der Alten Turnhalle vom Publikum verabschiedet.

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