Mödlareuth im Norden von Butzbach? 

Integrationsarbeit steht im Mittelpunkt
8. März 2018
Ferdinand Reich
8. März 2018

Mödlareuth im Norden von Butzbach? 

Betr.: „Gerätehaus: Kirch-Gönser Wehr droht mit Niederlegung der Tätigkeit“, (vgl. BZ vom 6. März 2018)

Liebe Kirch-Gönser,

frei heraus und direkt gefragt: Sind wir Pohl-Gönser denn wirklich so schlimm? Sind wir derart unausstehlich? Sind wir von solch entsetzlich unsympathischem Naturell, völlig unzumutbar für jeden, der uns zum Nachbarn hat? Liest man den betreffenden Artikel, scheint es genau so zu sein – wenn nicht sogar noch viel schlimmer! Keinen anderen Eindruck vermittelt die scharfe Rhetorik dem unbeteiligten Leser. Keine andere Erklärung würde diese bittere und unvorstellbare Androhung der Feuerwehrleute rechtfertigen können. Die Ortsgrenze zwischen Pohl- und Kirch-Göns, ein „unüberwindbares Hindernis“! Eine (Verzeihung!) krasse Vorstellung! Mödlareuth im Norden von Butzbach? Starker Tobak! Oder etwa nicht?

Der ach so geliebte Nachbar, was würde man nur ohne ihn machen? Eine ewige Hassliebe! Oder doch Feindschaft bis ins Mark, die Generationen überdauernd weitergetragen wird? Bis zwei Generationen vor mir war das wohl so. Auf dem Handballfeld wurden die Kämpfe ausgetragen und in den Wirtshäusern fortgesetzt. Flogen die Fäuste, waren die Lager eindeutig. Es sei denn ein „Ami“ mischt mit. Dann konnte es schon mal vorkommen, dass man sich mit einem aus dem anderen Ort verbündete.

Und heute? Wie schaut es da aus, im „geteilten Göns“? Im 45. Jahr spielt man nun schon gemeinsam Handball. Was für viele unvorstellbar schien und auch in den 1970er Jahren noch Widerstände hervorrief (sonst wäre die Spielgemeinschaft schon drei Jahre älter), ist heute gelebte Normalität – gerade und insbesondere für die Jugend! Seit 54 Jahren drücken Pohl- und Kirch-Gönser Kinder gemeinsam die Schulbank. Bis vor kurzem – dem Ende der MPS – manche sogar ihr gesamtes Schulleben lang.

Zum Dorfparkfest an Christi Himmelfahrt freuen sich die Pohl-Gönser alljährlich über die zahlreichen Besucher aus Kirch-Göns. Am 1. Mai wiederum machen die gerne Station bei der Feier am Kirch-Gönser Sportplatz. „Das Café“ ist den einen wie den anderen ein geschätzter Ort und auch für einige Pohl-Gönser ein zweites Wohnzimmer. Ihr habt eine klasse Metzgerei, dafür bieten wir euch einen Bäcker mit eigener Backstube vor Ort. Der Weihnachtsmarkt rund um das Backhaus ist selbstverständlich auch für uns aus dem anderen Dorf ein fester Termin im Kalender. Und gemeinsam feiern wir ausgiebig „Fassenacht“ zwischen den Ortschaften in unser aller Mehrzweckhalle. Eine Halle für beide Dörfer! Eine super Sache und anders gar nicht denkbar. Die Welt hört eben nicht jenseits der Mzh auf!

Natürlich reibt man sich nach wie vor aneinander. Eine gesunde Rivalität schadet nicht. Ein ernsthaftes Gegeneinander jedoch schon! Leider gibt es das mitunter noch – und zwar ausgehend von beiden Seiten. Doch entspricht es längst nicht mehr der gelebten Realität, sondern ist schon lange aus der Zeit gefallen. Egal welcher Auffassung man in der Feuerwehrthematik in „Göns“ ist, Grenzen zu errichten – wo Gott sei Dank keine sind – ist unvernünftig. Diese Art der Rhetorik und Symbolik scheint mir eindeutig überzogen.  Vielleicht kann das „Raiffeisen-Jahr 2018“ auch in Kirch-/Pohl-Göns Anlass sein, über Gemeinsamkeiten nachzudenken. „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“. Das ist keine Binsenweisheit, sondern Raiffeisens Motto. Im Miteinander liegt die Stärke.

Martin Jung, Pohl-Göns

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