Mutter Rothschild und der „gute Stern“

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Mutter Rothschild und der „gute Stern“

BUTZBACH. „Gutle“ Rothschild, die zu ihrer Zeit reichste Frau der Welt, erzählte am Montagabend im Ratsherrensaal des Butzbacher Rathauses von der beeindruckenden Familien- und Firmengeschichte der Rothschilds. Text + Foto: dt

GESCHICHTE — Sabine Mannel porträtiert im historischen Rathaus Butzbach Frankfurter Bankiers-Familie

Butzbach (dt). Die 50 Zuhörer, die am Montagabend in den Ratsherrensaal des Butzbacher Rathauses – den einstigen Gebetssaal der jüdischen Gemeinde – gekommen waren, erlebten an historischer Stätte eine beeindruckende Geschichtsstunde. Schauspielerin Sabine Mannel von der Kulturothek Frankfurt – stilecht im Kostüm – brillierte als 94-jährige Mutter Gudula („Gutle“) Rothschild (1753 – 1849), die einstmals reichste Frau ihrer Zeit und „Stammmutter“ der legendären Rothschild-Bankiersfamilie. Dazu hatte sie in der Vorstellungspause koschere Speisen (Matzen mit Käse, Heringsalat) und koscherem Wein aus Israel mitgebracht. Der Initiator der Veranstaltung Aaron Löwenbein von der NachSchule Wetterau gab dazu fachkundige Erläuterungen. 

Gutle Rothschild – bescheiden auftretend als „nur eine Mutter“ – begann ihren authentischen Zeitzeugenbericht in Frankfurter Dialekt mit dem Jahr 1845 und berichtete, dass sie gerade unterwegs sei von Kassel über Butzbach nach Frankfurt, zurück in ihr Haus in „de Juddegass“, das sie niemals verlassen werde, damit weiter „der gute Stern“ über ihrer Familie stehe. Da sie „dess neumodische Ding, die Eisebahn“ strikt ablehne, habe sie für diese Nacht – mit der Postkutsche gerade angekommen – in Butzbach Station gemacht. 

Ihre Familie habe anfangs, wie alle Frankfurter Juden, Wohnpflicht in der Judengasse gehabt, die – mit 200 engen Wohnhäusern bebaut – über 500 Meter lang von der Konstabler Wache zum Main führte. Dort lebten vorwiegend arme Juden, die quasi „Eigentum“ des Frankfurter Rates gewesen seien und ohne Bürgerrecht Geld für ihren „Schutz“ hätten zahlen müssen. 

Ausführlich und farbig erzählte sie von ihrem Leben vor der Ehe als geborene Gudula Schappes und dem ihres späteren Ehegatten Mayer Amschel Rothschild, den sie mit 17 Jahren 1770 geheiratet hatte und dessen Nachname sich von seinem Elternhaus „Zum Roten Schild“ herleitet. Detailliert ging sie im Weiteren auf die hochspannende Familien- und sehr erfolgreiche Firmengeschichte Rothschild ein.  

Mit Münzhandel, Geldverleih und Geldwechsel, fürstlicher Vermögensverwaltung und –beratung, später Tuch- und Kolonialwarenhandel stieg Mayer Amschel Rothschild (1744 –1812) zu einem reichen Bankier auf, dem der fürstliche Ehrentitel „Hoffaktor“ verliehen wurde. Besonders in Kriegszeiten, so Gudula Rothschild, habe das Geschäft geblüht. Dabei habe die Firma Rothschild – beispielsweise durch Geldgeschäfte mit den jeweiligen Kriegsherren, europäischen Fürstenhäusern und dem Kaiser – auch politischen Einfluss ausgeübt. So konnte sich die Familie in der Judengasse 1780 ein größeres Haus leisten – mit „emm eichene Brunne“ und einem „Comptoir“. Sie sei in ihrem mütterlichen Leben „30 Jahr schwanger gewese“, habe zwanzig Geburten gehabt, wobei aber nur fünf Buben und fünf Mädchen das Erwachsenalter erreicht hätten. 

1802 habe die Familie ein Patent des Kaisers erhalten, in dem festgelegt wurde, dass man auf Reisen an den einzelnen Orten keinen Leibzoll mehr habe bezahlen müssen. Darum sei sie auf Butzbach nicht gut zu sprechen. Hier habe in einem Fall ein Wächter am Stadttor bei der Einreise ihres Mannes das kaiserliche Patent nicht akzeptiert und ihren Mayer Amschel, der sich geweigert hatte zu bezahlen, kurzzeitig eingesperrt.  

1711 und 1721 sei die Frankfurter Judengasse von französischen Truppen zweimal komplett in Brand gesteckt und 1796 beschossen worden. Die Geschäfte der Firma mit englischen Tuchfirmen in Manchester, wo Sohn Nathan die Firma erfolgreich vertreten hatte, seien anfangs von Napoleons Kontinentalsperre beeinträchtigt worden. Man habe andere Wege gefunden und daneben die finanziell wertvollen Obligationen des von den Franzosen bedrängten hessischen Landgrafen sicher versteckt. „Mir hawwe unner Napoleon gelidde unn an ihm verdient“, stellte die reichste Frau der Welt, die ihren Mann um 47 Jahre überlebte, fest. 

Familienpolitik sei es, untereinander zwischen „Kinner unn Kinneskinner“ (Cousins und Cousinen) zu heiraten, damit – so Gutle Rothschild augenzwinkernd – das Vermögen möglichst in der Familie bleibe. Ihre Söhne, Enkel und Urenkel hätten die Geschäfte mittlerweile über ganz Europa (Wien, Neapel, London, Paris) ausgedehnt. Für sie selbst gelte: „Isch bleib in de Juddegass.“

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