Neun weitere Stolpersteine in Griedel

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Neun weitere Stolpersteine in Griedel

BUTZBACH-GRIEDEL. Bürgermeister Michael Merle zeigte bei der Stolperstein-Verlegung das historische Foto der Griedeler Brudergasse. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte die Stolpersteine in der Brudergasse. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, betet das hebräische „Kaddisch“, das jüdische Heiligungs- und Totengebet.Text + Fotos: dt

Künstler Gunter Demnig verlegt Erinnerungsplaketten / Griedeler Synagoge wurde 1938 in Brand gesteckt

Butzbach-Griedel (dt). Ein „geistiges Stolpern“ solle erreicht werden, sagte Bürgermeister Michael Merle am Montagmittag in der Brudergasse im Stadtteil Griedel in seinen Eingangsworten. Dort fand eine weitere Stolperstein-Aktion der Stadt Butzbach – unterstützt von der Bundesinitiative „Demokratie leben“ – statt, mit der an neun Griedeler Bürger erinnert werden soll, die im Rahmen der NS-Judenverfolgung ermordet wurden oder deren Verfolgungsschicksal bisher nicht zu ermitteln ist. Stolperstein-Initiator Gunter Demnig verlegte die Gedenkplaketten.

Historiker und Museumsleiter Dr. Dieter Wolf forscht seit 34 Jahren zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Kernstadt und den Stadtteilen und gab am Montag zu der jeweiligen Steinsetzungen historische Erläuterungen. Wie er eingangs ausführte, wird im Jahr 1464 erstmals eine jüdische Gemeinde in Griedel erwähnt, die bis 1938 bestand. Diese habe – vermutlich ab dem 19. Jahrhundert – über eine neue Synagoge, eine Judenschule und ein jüdisches Bad, eine Mikwe (Am Angerberg/Bruderstraße bzw. Kleinbachstraße 8) verfügt. Eine solche Mikwe, wie sie heute gut erhalten noch in der Kreisstadt Friedberg zu besichtigen ist, dient nach jüdischem Glauben nicht nur der Hygiene, sondern auch – durch Untertauchen – der Reinigung von ritueller Unreinheit. 1933 lebten 38 jüdische Bewohner in Griedel, 1939 waren es nur noch acht. Die Griedeler Synagoge wurde beim Novemberpogrom 1938 von SA-Leuten in Brand gesteckt.  

Erster Gedenkort zur aktuellen Verlegung der Stolpersteine war am Montag das Haus Nummer 3 in der Griedeler Brudergasse, wo die jüdische Familie Stern einst wohnte. Wie Wolf erläuterte, lebten dort der 1892 geborene Max Stern, der deportiert und im Vernichtungslager Majdanek ermordet wurde, und die 1884 geborene Paula Stern, deren Schicksal nach der Deportation bis heute ungeklärt ist. Weitere Steine wurden verlegt für Ernst (David) Stern, der 1942 im KZ Mauthausen umkam, und Hans Herrmann Stern (Jahrgang 1927), dessen Verfolgungsschicksal unbekannt ist. Mit einem fünften Stoperstein wird erinnert an die 1894 geborene Marta Stern, geborene Bär, die im Ghetto Lodz/Litzmannstadt ermordet wurde. 

Zweiter Verlegungsort war das Haus Nummer 13 in der Brudergasse, ehemals zeitweise im Besitz der alten Griedeler Familie Bär. Die ersten Stolpersteine galten der 1901 geborenen Lina (Lili) Bär, deren genaues Schicksal bisher unbekannt ist und Planka Kugelmann geborene Bär, Jahrgang 1896, die 1942 im Ghetto Lodz/Litzmannstadt ermordet wurde. Zunächst in die Heilanstalt Gießen eingewiesen worden sei der 1901 geborene Max Kugelmann, der 1940 nach Brandenburg verlegt und 1941 im Rahmen der NS-Aktion „T4“ getötet wurde. Der letzte Stolperstein wurde verlegt für Marion Malwine Kugelmann (Jahrgang 1927), die in Lodz/Litzmannstadt getötet wurde.     

Anhand von großformatigen Fotos dokumentierte Wolf die ehemalige Brudergasse, das Gebäude der einstigen Synagoge und die jüdischen Bewohner des Hauses Nummer 3 für die über 50 Teilnehmer der Stolperstein-Verlegung. Darunter waren auch Ex-Europa-Abgeordneter Willi Görlach und Oberstudienrat Klaus Jürgen Wetz, die als langjährige Griedeler Bürger die historischen Darlegungen Wolfs mit authentischen Erzählungen ergänzten. Zurückgreifen konnte Dr. Wolf auch auf die Forschungen des verstorbenen Griedeler Lehrers Werner Wagner, wie er mitteilte. 

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim Manfred de Vries erinnerte an die Geschichte seiner eigenen in Riga ermordeten Familie. „Diese Geschichten müssen immer wieder erzählt werden“, unterstrich de Vries. Sein besonderer Dank galt Historiker Wolf in seinen Forschungen und seinem Wirken in Butzbach. An beiden Verlegungsorten sprach de Vries das hebräische „Kaddisch“, das rituelle jüdische Heiligungs- und Totengebet: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde …“ Einzelne Besucherinnen legten Blumengrüße auf die verlegten Steine.

BUTZBACH-GRIEDEL. Bürgermeister Michael Merle zeigte bei der Stolperstein-Verlegung das historische Foto der Griedeler Brudergasse. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte die Stolpersteine in der Brudergasse. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, betet das hebräische „Kaddisch“, das jüdische Heiligungs- und Totengebet. Text + Fotos: dt

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