Nicht alle Nitratbelastungen kommen aus der Landwirtschaft

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Nicht alle Nitratbelastungen kommen aus der Landwirtschaft

GAMBACH/OBER-HÖRGERN. Die Grafik zeigt die Entwicklung der Nitratgehalte (Jahresmittelwert) der Trinkwassergewinnungsanlage Gambach/Ober-Hörgern. Die Grafik stammt vom Ingenieurbüro SCHNITTSTELLE BODEN in Ober-Mörlen. Foto: Peter

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Sachverständiger Dr. Matthias Peter zu Messergebnissen des VSR Gewässerschutz

GAMBACH (pd). Gambacher Landwirte haben die Nitratwerte in den Trinkwasserbrunnen bereits nachhaltig gesenkt – extreme Messwerte des VSR kommen wahrscheinlich aus dem direkten Umfeld der beprobten Brunnen (Kleingartennutzung) und nicht von den Äckern. Das ist die Auffassung von Dr. Matthias Peter vom Ingenieurbüro Schnittstelle Boden in Ober-Mörlen. Dr. Peter ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger Fachgebiet Bodenkunde und Bodenschutz.  

Alle Jahre wieder kommt der VSR Gewässerschutz mit seinem Informationsstand auch nach Butzbach und bietet die Untersuchung von Wasserproben aus privaten Brunnen in Gärten und Höfen an. Hierbei werden häufig auch Nitratgehalte mit Überschreitungen des Grenzwertes der Trinkwasserverordnung von 50 mg Nitrat/Liter Wasser gemessen. In einem Bericht der Butzbacher Zeitung vom 24.7.2020 listete der Verein Beispiele mit 276 mg Nitrat/l aus Hoch-Weisel, 110 mg/l aus Gambach, 119 mg/l aus Griedel und weitere auf. Die Werte wurden im mitgebrachten Brunnenwasser gemessen und sind bei einer sorgfältigen Probenahme durch die Eigentümer*innen (Leerpumpen bzw. langes Pumpen des Brunnens und Beprobung des dann frisch zugelaufenen Wassers) auch in diesem oberflächennahen Grundwasser im Kleingarten oder in der Hofreite vorhanden. Nicht korrekt ist laut Dr. Peter die Schlussfolgerung des VSR, der die Schuld für diese in den privaten Brunnen gemessenen hohen Nitratgehalte, allein den in der Umgebung/Region wirtschaftenden Landwirten zuschreibt.  

Zweifelsohne sei die Landwirtschaft schon allein durch ihre große Flächenausdehnung für die Hauptlast der Nitratbelastungen im Grundwasser verantwortlich, allerdings darf hier nicht einfach pauschal verurteilt werden, sondern es muss regional geschaut werden, wo die gemessenen Belastungen im Grundwasser herrühren, so Dr. Peter.  

Ein Beispiel seien die Trinkwasserbrunnen im Münzenberger Stadtteil Ober-Hörgern. Fast das komplette Einzugsgebiet, in dem das geförderte Grundwasser neu gebildet wird, sei in landwirtschaftlicher Nutzung mit dem Anbau von Getreide, Raps, Mais und Kartoffeln. Hier überschritten Ende der 1980er Jahre die Nitratwerte den Grenzwert von 50 mg/l, nachdem sie von Werten über 10 mg/l in den 1970er Jahren soweit angestiegen waren. Dies sei der abgedruckten Grafik, die die Jahresmittelwerte der Nitratgehalte der Brunnen in Ober-Hörgern für den Zeitraum 1973 bis 2019 darstellt, zu entnehmen.  

Über ein Pilotprojekt des hessischen Umweltministeriums wurde von der Universität Gießen ab 1993 nach den Ursachen des Anstieges geforscht und in Zusammenarbeit der Stadt Münzenberg mit den Landwirten und dem Ingenieurbüro Schnittstelle Boden aus Ober-Mörlen eine freiwillige Kooperation zum Schutz des Grundwassers in Ober-Hörgern gegründet. Dies wurde im Januar 1996 auch mit schriftlichen Verträgen zwischen Stadt und jedem Landwirt besiegelt. Seitdem wirtschaften die Landwirte hier nach Vorgaben des Gewässerschutzes und werden zur Unterstützung vom Ingenieurbüro beraten. 

Gut in der Grafik zu erkennen ist, dass die Nitratgehalte in den Brunnen, die ebenfalls nur in einigen Metern Tiefe ihr Wasser fördern, mittlerweile auf einem Niveau knapp über 30 mg Nitrat/l liegen. Diese 30 bis 37 mg Nitrat/l sind also die Nitratbelastungen, die die landwirtschaftliche Nutzung zum Beispiel im Bereich Gambach durch langjährige Anstrengungen zum Wasserschutz erreicht hat und für die sie verantwortlich ist, erläutert Peter. 

Zu den Messergebnissen des VSR Gewässerschutz, die für Gambach einen Wert von 110 mg Nitrat/l ausweisen, ist Dr. Peter der Auffassung: Nach dem oben gezeigten Beispiel der Trinkwassergewinnung in Ober-Hörgern scheint es nun eher unwahrscheinlich, dass die hohen Werte aus der Landwirtschaft herrühren. Die wahrscheinlichsten Quellen dieser Messwerte in Garten- und Hofbrunnen, seien in der Düngung dieser Gärten und evtl. in undichten Jauchegruben unweit von Brunnen in den Höfen zu suchen. Die Brunnenbesitzer mit diesen hohen Nitratgehalten sollten sich deshalb in jedem Fall Gedanken darüber machen, ob ihre Gartennutzung und dabei vor allem die Düngung reduziert werden muss, um das Brunnenwasser „sauberer“ zu machen. 

Der VSR Gewässerschutz sollte laut Dr. Peter in seinen Schuldzuweisungen nicht pauschal alle Landwirte anklagen, sondern auch die Brunnenbesitzer*innen selbst zum Nachdenken anregen, wie sie ihren Garten grundwasserschonend bewirtschaften können. Die Landwirte in der Region jedenfalls hätten schon lange damit begonnen mit Unterstützung der Kommunen und Wasserschutzberatern in Kooperationsprojekten wie in Gambach, Trais und Münzenberg sowie mit Unterstützung des Landes Hessen durch Wasserschutzberatung im Wetteraukreis ihre Bewirtschaftung immer grundwasserschonender zu gestalten. Sie sind noch nicht überall am Ziel angelangt, aber die meisten sind bereits auf dem Weg dahin, erklärt Dr. Peter abschließend. 

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