Nicht in allen Covid-19-Fällen vollständige Heilung der Lunge

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Nicht in allen Covid-19-Fällen vollständige Heilung der Lunge

Fachvorträge zu „Long Covid“ aus mehreren Fachrichtungen am Gesundheitszentrum Wetterau

BAD NAUHEIM (HR). „Long Covid“ bezeichnet ein Phänomen, das seit Monaten Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen beschäftigt: die anhaltende gesundheitliche Beeinträchtigung von an Covid-19 erkrankten Menschen durch Spätfolgen. Auf große Resonanz mit 160 Anmeldungen stieß die von dem GZW-Internisten Professor Dr. Robert Voswinckel im Rahmen der „Akademie am GZW“ organisierte digitale Fortbildung „Covid-19 und Long Covid – ein multidisziplinäres Problem“.
Radiologe Dr. Andreas Breithecker zeigte Aufnahmen der typischen Veränderungen der Lunge im Verlauf einer Sars CoV2-Infektion, von den anfänglichen zarten Milchglasinfiltraten über den diffusen Alveolarschaden bis hin zur Abheilung oder chronischen Vernarbung, die in einigen Fällen eintritt. Auffällig an der Covid-19-Pneumonie sei die langsame Abheilungstendenz sowohl in der akuten Krankheitsphase, was zu langen Beatmungszeiten und Intensivstationsaufenthalten führen kann, als auch in der nachfolgenden Rekonvaleszensphase.
Über die kardiovaskulären Veränderungen der Covid-19 Erkrankung referierte Notfallmediziner Dr. Achim Jäckel. Besonders häufig seien Blutgerinnungsphänomene mit der Entstehung von Venenthrombosen und Lungenembolien sowie der „Vor Ort“-Gerinnung des Blutes in kleinen Blutgefäßen vor allem der Lunge festzustellen. Unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung wiesen Studien nicht selten Herzmuskelentzündungen mit Beschwerden noch nach Wochen nach. Als Risikofaktoren für einen schweren Verlauf nannte Jäckel in erster Linie das Alter, aber auch Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Herzinsuffizienz. Er riet zur Thromboseprophylaxe während der Sars CoV2-Infektion sowie zur Behandlung von Pneumonie-Patienten mit Kortisonpräparaten. Eine Blutdruckbehandlung mit ACE-Hemmern solle nicht verändert werden.

Dr. Anika Rifi schilderte die Veränderungen, die die Pandemie der Geburtshilfe auferlegt hat. Eine Virusübertragung von der Mutter auf das Kind werde bisher ausgeschlossen, auch durchlebe der Großteil der Schwangeren die Sars CoV2-Infektion symptomfrei. Im Vergleich zu gleichaltrigen nicht schwangeren Frauen hätten Schwangere im Fall einer Erkrankung allerdings ein sechsfach erhöhtes Risiko für intensivmedizinische Behandlung und ein 20-fach erhöhtes Risiko, beatmet zu werden; die Frühgeburtlichkeit sei unter Covid-19-Patientinnen um den Faktor 1,8 erhöht.
Unter den neurologischen Folgen der Sars CoV2-Infektion hob Professor Tibo Gerriets den Geruchs- und Geschmacksverlust hervor, der monatelang anhalten könne. Stärker einschränkend sei jedoch das Langzeitsymptom der starken Erschöpfung bei kleiner Anstrengung. Es werde bei mehr als der Hälfte der anfangs im Krankenhaus versorgten Patienten noch ein halbes Jahr nach der Erkrankung beobachtet. Häufig seien Kopfschmerzen und Merkstörungen. Überzeugend erklärt werden könnten diese Symptome noch nicht, vermutet werde eine anhaltende Entzündungsreaktion im Gehirn.
Dr. Michael Putzke berichtete aus Sicht des Psychiaters über die Belastung der Menschen nach Covid-19-Infektion. Aktuell zeige sich eine deutlich höhere Rate an Angststörungen und Depression im Vergleich zu vergleichbaren Erkrankungen wie Influenza oder schwerer Lungenentzündung. Psychisch kranke Menschen hätten ein deutlich erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu erkranken und daran zu sterben; sie sollten als Risikopatienten gelten.

Voswinckel beschrieb den Ablauf der Virusinfektion in der Lunge, den hervorgerufenen diffusen Alveolarschaden und die Abheilungsstrategien der Lunge, die in einer vollständigen Heilung, aber auch in einer fehlgeleiteten Entwicklung mit überschießender Entzündung oder Vernarbung münden könne. Das zur Behandlung der Covid-19-Pneumonie zugelassene Kortisonpräparat Dexamethason könne Entzündung und Vernarbung deutlich dämpfen. Erste kontrollierte Studien zur Abheilungstendenz der Lungenveränderungen anfangs schwer kranker Patienten zeigten einen langsamen Abheilungsverlauf mit unvollständiger Besserung über 60 bis 100 Tage Nachbeobachtung. Danach ab es noch sichtbare Veränderungen in 50 Prozent der Fälle. Eine große Zahl der Post-Covid-Patienten mit Luftnot bei Belastung zeige keine Auffälligkeiten im Lungen-CT oder in der Lungenfunktion; nur sieben Prozent anfangs hospitalisierter Patienten wiesen deutliche Vernarbungstendenzen auf, die eventuell mit kurzfristiger Kortisongabe gebessert werden könnten. Weitere Forschungen seien notwendig.

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