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„Nimm die Chance und mach was draus“

ROCKENBERG. In einer kleinen Feierstunde wurden den jungen Strafgefangenen ihre Urkunden überreicht (v.r.) Anstaltsleiter Klaus Ernst, Frits van Dedem (Vorsitzender Rockenberg-Verein) und Schulleiter Robert Thiel. Text + Foto: win

Rockenberg-Verein fördert Lerntraining für Gefangene in der JVA Rockenberg

ROCKENBERG (win). Hinter den hohen Zäunen der Justizvollzugsanstalt Rockenberg sorgt ein Dreieicher Verein dafür, dass lernwillige Häftlinge gefördert werden. Seit 1977 erhalten zweimal im Jahr zehn junge Männer die Chance, sechs Monate lang für ihren Schulabschluss oder ihre Lehrzeit im Gefängnis besondere Unterstützung zu bekommen. Zu verdanken haben sie das den ca. 100 Mitgliedern des Rockenberg-Vereins, der sich mit seinem Projekt „Klick – Bildung im Knast“ für die 14- bis 21-jährigen Gefangenen mit Förderbedarf einsetzt. Der Jahresabschluss wird dann mit den Zeugnissen und einem gemeinsamen Essen gefeiert. Für die beiden Besten gibt es eine besondere Prämie: 125 Euro und einen Gutschein für Lehrmaterialien über denselben Betrag. 

Am vergangenen Donnerstag nun war es wieder soweit. Zehn Insassen wurden für ihre Leistungen und ihr Durchhaltevermögen belohnt. Die Freude stand allen ins Gesicht geschrieben, als ihnen in einer kleinen Feierstunde vom ersten Vorsitzenden des Rockenberg-Vereins, Frits Baron van Dedem, die Urkunden überreicht wurden. „Ihr habt eine Leistung erbracht, auf die ihr stolz sein könnt“, beglückwünschte er die Absolventen. Das Lob sowie die offizielle Anerkennung und Belohnung für den positiven Einsatz verschlug so manchem die Sprache oder ließ ihn rot werden. 

Auch Anstaltsleiter Klaus Ernst lobte den „guten Jahrgang“. Einer der jungen Männer, der bereits entlassen wurde, habe seinen Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 2,2 abgeschlossen und mache nun draußen weiter, um seinen mittleren Bildungsabschluss zu erreichen. Ein anderer habe seinen Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 2,3 erreicht. Außergewöhnlich in diesem Fall sei, dass der Gefangene eigentlich vier Wochen vor der Prüfung hätte entlassen werden sollen. Er habe aber freiwillig „verlängert“, um seine Ausbildungszeit beenden und die Abschlussprüfung machen zu können. 

Ein Gefangener, der sich bereits im offenen Vollzug befindet, erreichte als Bester den qualifizierten Hauptschulabschluss und erhielt somit auch die begehrte Prämie. „Er war super fleißig“, lobte Schulleiter Robert Thiel seinen Schützling, der bereits einen Praktikumsplatz gefunden hat und hofft, dort im Anschluss auch eine Lehre machen zu können. Zwei junge Männer haben die erste Zwischenprüfung zum Maler erfolgreich abgelegt. Einer davon wird in Kürze entlassen. Mit der Zwischenprüfung in der Tasche erhöhen sich seine Chancen deutlich, seine Lehre draußen in Freiheit fortsetzen zu können. Einer hat sich zur Fachkraft für Metalltechnik qualifiziert. Beste Ergebnisse erzielte ein Häftling bei der Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter. Auch er konnte sich über die 125 Euro Prämie und einen Gutschein für Lehrmaterialien freuen. 

Ein weiterer Anwärter zum Hochbaufacharbeiter zeigte besonders in der praktischen Ausbildung sehr gute Ergebnisse. Für den jungen Mann, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, war es eine Herausforderung, die Theorie in einer für ihn fremden Sprache zu lernen. Aber auch das ist ihm geglückt. „Für viele ist Lernen, Durchhalten und sich am Ende noch einer Prüfung zu stellen, die Herausforderung schlechthin“, erklärte Schulleiter Thiel.

„Oberstes Ziel ist Bildung“ 

Bildung und Ausbildung sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wiedereingliederung in unsere Gesellschaft. Der Rockenberg-Verein wurde 1977 in Dreieich von Jugendschöffen und Mitgliedern der Kirchengemeinden für junge Straffällige der Jugendstrafanstalt Rockenberg gegründet. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Wiedereingliederung junger Gefangener (14- bis 21-Jährige) in die Gesellschaft durch die Förderung ihrer Ausbildung während der Haftzeit zu unterstützen. Dazu stellt der Verein ein umfangreiches Angebot an Nachhilfe- und Zusatzunterricht zur Verfügung. Junge Gefangene erhalten somit die Chance, die Hauptschule, eine Lehre oder Ausbildungsmodule erfolgreich abzuschließen.

Es sind „schwere Jungs“, die in Rockenberg einsitzen. „Diese Zielgruppe ist nicht attraktiv und nicht spannend“, sagt Frits Baron van Dedem. Dennoch engagiert sich der Buchschlager seit 2003 als Vorsitzender des Rockenberg-Vereins. „Einige der jungen Straftäter haben noch nie eine Schule von innen gesehen.“ Im Knast lernen sie zum ersten Mal eine Struktur, einen Regelablauf kennen. Der Verein bezahlt Lerntrainer, die die 14- bis 21-jährigen Gefangenen bei schulischen Defiziten im Einzelunterricht unterstützen. Die Nachhilfe des Rockenberg-Vereins ist inzwischen bei den Inhaftierten, die beschult werden oder sich in einer handwerklich-technischen Ausbildung befinden, hoch angesehen und sehr begehrt.

„Wir investieren rund 40 000 Euro pro Jahr“, sagt van Dedem, der auch Kassenwart ist. Er rekrutiert die Summe zum einen aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden und zum anderen aus Ausschüttungen von Stiftungen. Manchmal erhält der Verein auch Bußgelder, die Verurteilte zu bezahlen haben. „Natürlich ist das viel Geld. Aber ein Gefangener, der den Rest seines Lebens straffällig ist, kostet den Steuerzahler eine Million Euro – ganz abgesehen vom Schaden, den er anrichtet“, betont van Dedem. Weniger Täter bedeuteten auch weniger Opfer. Er sei sich bewusst, dass es nicht alle Jugendlichen schaffen, die der Verein unterstützt hat. „Aber jeder Einzelne, der es schafft, ist es wert.“ Es sei fatal, die Zeit im Gefängnis als verlorene Zeit zu betrachten. „Für manchen ist es sogar gut, wenn er im Gefängnis weg von dem alten Umfeld ist, und manch ein junger Mann erlebt das erste Mal klare Strukturen und Regeln.“ So gesehen ist die Zeit im Knast eine Chance.

Seine Motivation ist geprägt von Nächstenliebe und der persönlichen Überzeugung, dass jeder eine zweite oder dritte Chance verdient hat. „Nehmt die Chance und macht was draus!“, gibt er den Jungs mit auf den Weg. Bereits zum 29. Mal kam van Dedem nach Rockenberg, um die Urkunden zu überreichen. Noch nie hat er eine Feierstunde verpasst. Im Januar beginnt die 30. Lerneinheit, und der Rockenberg-Verein begeht sein 15-jähriges Jubiläum. Dann ist er wieder dabei, um die Urkunden zu überreichen, hat er versprochen.

 

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