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„Oben ohne“ oder doch „Oben mit“?

BUTZBACH. Alle Teilnehmer mit den Moderatoren beim knapp dreistündigen Poetry Slam am Samstag in der Buchhandlung Bindernagel. Text + Foto: dt

LITERATUR – Drei Stunden Faselmarkt-Poetry Slam in Buchhandlung Bindernagel begeistert junges Publikum

BUTZBACH (dt). Es war ein Spiel, ein großer kurzweiliger Spaß, ein fröhlicher, humorvoller, spannender und äußerst unterhaltsamer Spätnachmittag am Faselmarktsamstag in der Butzbacher Buchhandlung Bindernagel, die zu einer Bühne mit 70 Zuhörer- und Zuschauerplätzen umfunktioniert worden war. Dichter-Wettstreite gab es schon im alten Alexandria, bei den Griechen im antiken Athen, auf der Wartburg und im Mittelalter. Es ist also eine alte Tradition, die nun mit der modernen Form des „Poetry Slam“ wieder auflebt.

Neun Bewerber traten mit ihren Texten zum Wettstreit an und begeisterten ein überwiegend jugendliches und junges Publikum, dem es über die knapp drei Stunden hinweg in keiner Sekunde langweilig wurde. Das durfte auch nicht sein, denn die Juroren rekrutierten sich – quasi zufällig, freiwillig, wer sich berufen fühlte – aus der Zuhörerschaft, während die Sieger im abschließenden Dreier-Finale vom gesamten Publikum per Applaus ermittelt wurden.

Nach dem bemerkenswerten musikalischen Opening von Gießener Musikern mit poetischen, leisen Liedern („Komm“, „Stadtballade“) machten Andreas Arnold und Dominik Rinkart die Zuhörer mit dem Reglement des Wettbewerbs vertraut. Danach müssen es eigenständig verfasste Texte sein, die zu Gehör gebracht werden können. Zusätzliche Requisiten – außer dem Textblatt – sind  den Künstlern bei ihrem Vortrag untersagt, und in den sechs bis sieben Minuten langen Darbietungen gibt es keine literarischen Genre-Vorgaben, Lyrik und Prosa sind die Norm. Die Jury der Vorrunde – Einzelpersonen aus dem Publikum – wurde mit großen Tafeln ausgestattet, wobei Punkte von eins bis zehn pro Vortrag vergeben werden konnten.

Quasi als Richtwert, als Warm-Up-Test, lieferte zunächst Sophie von der Geschwister-Scholl-Schule aus Niddatal/Assenheim – eine Debütantin – einen ersten Text ab, in dem es inhaltlich um die Einsicht ging, dass wir Menschen in dieser Welt alle in einem Boot sitzen und uns um diese Welt kümmern und sorgen sollten – ein Stopp gegen herrschende Gleichgültigkeit, Vorurteile und Bequemlichkeit. Sophie erhielt dafür – außerhalb der offiziellen Wertung – von der Publikumsjury 36 Punkte. Nach der Auslosung der Reihenfolge für die neun Bewerber startete der eigentliche Wettbewerb mit der Ermittlung des ersten Finalteilnehmers aus den ersten Dreier-Gruppe. Dabei wurde es punktemäßig bereits sehr eng. Es siegte Martin mit seinem „Gedankenbiber“, für den er 42 Punkte erhielt, wobei er – ausgehend von einer Schreibblockade – auf äußerst humorvolle Weise im rhetorischen Stakkato seine Probleme vortrug, vor Annika, die die Problematik des menschlichen Wartens in dieser Welt aufgriff, mit 41 Punkten und Maria, die zwei Gedichte („Liebe“ / „Tod“) zu Gehör brachte und mit 33 Punkten verabschiedet wurde.

Im zweiten Dreier-Durchgang brillierte der Frankfurter Gax mit seinem intensiv und emotional vorgetragenen Text, dem er den Titel „Idiotendämmerung oder oben ohne“ gegeben hatte. Inhaltlich ging es darum, dass es keinen Gott gebe, der Mensch also „oben ohne“ auskommen müsse. In seiner Vorstellung versinken alle Sakralgebäude im Wasser: „Alle Tempel werden zu Tümpel.“ 43 Punkte gab es dafür. Dahinter rangierten Lea mit ihren Gedanken zu menschlichen Beziehungen („Fremde und Freunde“) bei 38 Punkten und Nicole, die für „Else Gummer aus dem Kummerland“ 33 Punkte bekam.

 Nach der Pause ging es in die dritte Runde des Vorentscheids. Hier traten drei ganz starke, etwas erfahrener wirkende Bewerber auf. Mit 44 Punkten für das Finale qualifizierte sich Klemse mit seinem humorvollen Vortrag zum Männer-Yoga, vor den 43 Punkten für den teils drastisch-humorvoll formulierenden Timmy, dessen Klage über das eigene Single-Dasein schon Comedian-Ankläge hatte. Deutlich unterbewertet von der Jury war der Drittplatzierte, Philipp, mit nur 42 Punkten, der exzellente Sprachspielereien und Sprachneuschöpfungen rund um die Geschichte über ein hässliches Entlein ablieferte, indem er in einem schnellen, schwindelerregenden, sprachlichen Stakkato Sätze vortrug mit einer bewussten Anhäufung von Substantiven auf die Endsilben -keit und -heit.

Im Finale setzte sich – mittels Beifall des Publikums nur schwer zu ermitteln – Gax durch, der nun „oben mit“ präsentierte und in seinem Vortrag die Realität von einem Gott „oben“ bejahte. In der Endabrechung Zweiter wurde Klemse, der als „asozialer Frankfurter“ in einem freien Vortrag Frankfurt und Butzbach gegenüberstellte und am Ende eingestand, dass er eigentlich Offenbacher sei. Dritter wurde Martin mit seinem Appell „Wir sind alle Menschen, wir sind alles in dieser Welt.“

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