„Per Zufall habe ich überlebt“

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„Per Zufall habe ich überlebt“

WÖLFERSHEIM. Das Foto zeigt (v.l.) Eike See, Vorsitzender des Fördervereins der Singbergschule, Ersten Kreisbeigeordneten Jan Weckler, Uwe Hartwig Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer, Beate Klüber, Fachsprecherin Geschichte, Fachbereichsleiter Uwe Müller und Oberstufenleiter Franz Wild zusammen mit Anita Lasker-Wallfisch vor der Lesung in Wölfersheim. Foto: Elsass

Zeitzeugin „Cellistin von Auschwitz“ zu Gast in Singbergschule / „Menschen starben wie die Fliegen“

wölfersheim (pdw). Vor gut 100 Schülern der Singbergschule Wölfersheim hat Anita Lasker-Wallfisch, die Cellistin von Auschwitz, über ihre Kindheit im Nationalsozialismus, ihre Zeit im Gefängnis und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen-Belsen gesprochen. Ermöglicht wurde das Zeitzeugengespräch mit der heute in London lebenden Musikerin durch die Zusammenarbeit von Wetteraukreis, Singbergschule und Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer e.V..

Nach der Begrüßung durch Fach-bereichsleiter Uwe Müller betonte Erster Kreisbeigeordneter und Schuldezernent Jan Weckler die Bedeutung von Zeitzeugengesprächen. „Lasker-Wallfisch kann über Erfahrungen aus eigenem Erleben authentisch berichten. Das ist etwas anderes als in einem Buch zu lesen. Denn während der massenhafte Mord der Nazis nur fassungslos macht, ist es das einzelne Schicksal, das uns betroffen macht.“

Lasker-Wallfisch wurde 1925 als jüngste von drei Töchtern eines Juristen und einer Musikerin in Breslau geboren. Sie entstammt einer typisch jüdisch assimilierten deutschen Familie, die nur an hohen Feiertagen die Synagoge besuchte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann Stück für Stück die Ausgrenzung. Der 9. November 1938, so die Einschätzung von Lasker-Wallfisch, war ein Test, wie weit man in Deutschland gehen könne. Die Erfahrung zeigte, man konnte sehr weit gehen. Im April 1942 wurden die Eltern von Lasker-Wallfisch deportiert. „Ich war damals 16 Jahre alt und habe nie wieder etwas von ihnen gehört.“

Sie und ihre ein Jahr ältere Schwester wurden in ein Kinderheim gesteckt. Statt in die Schule musste sie in einer Papierfabrik arbeiten. Durch ihre guten Französischkenntnisse gelang ihr der Kontakt zu französischen Kriegsgefangenen. Diesen verhalf sie durch gefälschte Pässe zur Flucht. Die „Karriere als Passfälscherin“ endete schließlich im Gefängnis und im November 1943 in Auschwitz, wo sie ein Jahr bleiben sollte. Bellende Hunde, ein ständiges Geschrei und ein unbeschreiblicher Gestank, das waren ihre ersten Eindrücke von Auschwitz.

Ich war nur eine „Nummer!“

69 388, diese Nummer trägt Anita Lasker-Wallfisch noch heute auf ihrem Unterarm. „Ich war, wie die anderen Häftlinge auch, eine Nummer, der Persönlichkeit beraubt.“ Sie hatte aber viel Glück. Im Lager gab es eine Kapelle, die morgens und abends mit Märschen aufspielte, wenn die Masse der Häftlinge zur Arbeit ging oder von der Arbeit kam. „In der Kapelle fehlte eine Cellistin, dieser Zufall hat mir letzten Endes das Leben gerettet. Trotz der miserablen Haftbedingungen, des ständigen Hungers, des Lärms, des Geruchs nach Leichen gab es immer noch eine ‚Art von Leben‘. Die Gedanken drehten sich nur um das Überleben.“

Im Oktober 1944 wurde Lasker-Wallfisch schließlich mit 3000 anderen Häftlingen nach Bergen-Belsen. „Wir verbrachten die ersten Nächte in eiskalten Zelten auf dem nackten Boden. Die Menschen starben wie die Fliegen.“ So war es noch im April 1945, ein außergewöhnlich heißer Monat, wo tausende Häftlinge auf die Befreiung durch die Engländer warteten. Am 15. des Monats war es endlich so weit, die Engländer kamen. „Wir schauten nur stumm auf unsere Befreier, zum Jubeln fehlte uns einfach die Kraft.“

Nach dem Krieg ging Lasker-Wallfisch nach England, wo sie als Berufsmusikerin im renommierten English Chamber Orchestra Karriere machte.

„Lange Zeit habe ich mich geweigert, nach Deutschland zu kommen, aber ich wollte noch einmal den Ort Bergen-Belsen sehen, und meine Begegnungen mit Deutschen haben, die  mich davon überzeugten, dass es wichtig ist, etwas von dem weiterzugeben, was ich erlebt habe. Es wäre beruhigend zu wissen, dass die Nazis Teufel waren. Sie waren es nicht, sie waren ganz normale Menschen!“

„Frieden und gegenseitiger Respekt sind nötiger als je zuvor. Sie, als junge Menschen, haben dafür eine besondere Verantwortung“, sagte die 91-Jährige den Schülern.

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