Rasanter „Mann“ umarmt das Chaos

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Rasanter „Mann“ umarmt das Chaos

BUTZBACH. Temporeich und mit intelligentem Witz trat Tobias Mann in der Kleinkunst-Reihe „Live in Butzbach“ auf. Text + Foto: win

LIVE — Mainzer Kabarettist begeistert in Bürgerhaus Butzbach mit Gedankensprüngen und Gefühlsausbrüchen

BUTZBACH (win). Im Rahmen der Kleinkunstreihe „Live in Butzbach“ war der Mainzer Kabarettist Tobias Mann mit seinem Bühnenprogramm „Chaos“ zu Gast im Bürgerhaus. Er bot dem Publikum ein rund zweistündiges Power-Kabarett erster Güte mit einem Feuerwerk an feinsinnigen Gedankensprüngen, ausgefeilter Wortakrobatik und launigen Songs. Dabei spannte er den Bogen von Comedy zum politischen Kabarett bis hin zu musikalischem Entertainment.
In seinem sechsten Bühnenprogramm beschäftigte sich der Satiriker, Stand-up-Kabarettist und Musiker mit einem Herzensthema: dem Chaos. Denn das regiere die Welt, glaubt er. Hochleistungssport für die grauen Zellen musste betreiben, wer den schnellen Gedankensprüngen dieses kabarettistischen Feuerwerkers folgen wollte. In seiner rasanten Art gelang es ihm, ernste Themen humorvoll anzupacken, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Im Rausch der Geschwindigkeit redete er, schnitt Grimassen oder parodierte Stimmen; wenn er nicht gerade sang, dazu Gitarre spielte oder gekonnt das Klavier traktierte. Das Publikum geriet zusehends völlig aus dem Häuschen, denn nicht nur der Kabarettist, sondern auch der Musiker Mann ist absolut hörenswert.
Wie er so energiegeladen über die Bühne sprang, erinnerte er an einen Flummi, jenen bunten Gummiball aus Kindertagen. Das Wechselspiel zwischen Mimik und Körpersprache war mindestens so rasant wie seine tiefgründigen und scharfsinnigen Gedankenausflüge. Das Multitalent regte sich köstlich über Gott und die Welt auf. Seine Gefühlsausbrüche brachten das Publikum immer wieder zum Lachen. Er echauffierte sich über die Dauererregung der Gesellschaft und das Chaos, das sich in unserem Alltag breit macht. Auf humorvolle Weise setzte er sich mit den menschlichen Schwächen und Vorurteilen auseinander, und nahm sich da in keiner Weise aus.
Grandios waren die acht Eskalationsstufen einer fiktiven Online-Diskussion zum Thema „Subventionierung von Kakao“, in der ein Shitstorm gepaart mit nervigem Whataboutism seinen Lauf nahm. Jeder, der in den sozialen Medien unterwegs ist, hat vermutlich schon einmal erlebt, wie eine an sich harmlose Aussage einen Sturm der Entrüstung entfachen kann. Die Zuschauer amüsierten sich köstlich. Im Stillen mochte der eine oder andere sich aber gefragt haben, wie man sich das alles ausdenken und erst recht im Hinterstübchen behalten kann. Nun, Mann kann!

Scharfzüngig war auch sein Song über die „Meinungsbulimie“ eines verhärmten Rechtspopulisten namens Hilmar. Geschickt integrierte er das Publikum. Und so sangen die Damen im Chor „Hilmar, chill mal“ während die Herren mit „Ommm“ antworteten. In bester Louis-de-Funès-Manier erklärte er mit drei Worten den Brexit: „Ja, nein, oh!“ Er hielt ein Playdoyer für die Wespen: Wer möchte schon gerne von einer Wespe terrorisiert werden? Aber andererseits, wie sähe unsere Welt ohne Wespen aus, die bekanntermaßen wichtige Aufgaben erfüllen.
Er kalauerte über elchartige Rehe und rehartige Elche und begeisterte die Zuschauer im nächsten Moment wieder mit geistreichen Witzen, treffenden Pointen und unglaublicher Bühnenpräsenz. Zwischendrin immer wieder kleine Botschaften und Beispiele, wie dem Wahnsinn des Alltags zu begegnen sei. So lautet letztlich seine Botschaft: „Umarme das Chaos, sonst umarmt es dich!“ Das Publikum war restlos begeistert, bedankte sich stehend mit lang anhaltendem Applaus und ließ den Tausendsassa erst nach zwei Zugaben von der Bühne.

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