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Rockenberger wollten keine Eisenbahn

BZ-Leser Berthold Eiermann: Landwirte wollten kein wertvolles Ackerland zur Verfügung stellen

ROCKENBERG (dt). In der BZ-Rubrik „Herrlich hessisch“ erwähnten wir am 19. Mai den massiven Widerstand der Landwirte in den Dörfern Mitte des 19. Jahrhunderts beim Bau der ersten Eisenbahn. Nicht nur von Seiten der Bauern bezog man seinerzeit klar Position gegen den Fortschritt und die befürchtete Industrialisierung durch die Eisenbahn. Einmal war man nicht bereit, wertvolles Agrarland für die Verlegung der Schienen zur Verfügung zu stellen und zum anderen gab es Bedenken über Ernteschäden, hervorgerufen durch die vermuteten schädlichen Dampfwolken der Lokomotiven. 

Berthold Eiermann aus Rockenberg – aufmerksamer Leser der BZ-Rubrik „Herrlich hessisch“ – sandte uns dazu genauere Unterlagen. Seine Quelle war dabei das „Heimatbuch 800 Jahre Rockenberg“ zur 800-Jahrfeier der Gemeinde aus dem Jahr 1950, seinerzeit initiiert und verfasst von den Lehrern J. J. Gesser und K. Weckler. Wir zitieren daraus: „Noch unverständlicher als der Abbruch des Rathauses in Rockenberg erscheint uns – durch unsere heutige Brille gesehen – eine Unterlassungssünde unserer Vorfahren. In die Zeit von 1846 – 1850 fällt der Bau der Main-Weser-Bahn, die am 11.3.1850 dem Verkehr übergeben wurde. Bahnverbindung Friedberg – Frankfurt besteht seit dem 11.3.1850. Am 19. August 1847 war der Schlußstein im letzten Bogen des Friedberger Viadukts eingesetzt worden.  

Die Anlage dieser Bahn hatte gradlinig von Bad Nauheim nach Gießen geführt werden sollen und musste zu diesem Zwecke unsere Gemarkung durchschneiden. Gemeinde und Bürger wehrten sich gegen die Abgabe ihres guten Geländes und hintertrieben jede Enteignung und alle Pläne dieser Art. Mehrmals wurden die Markierungspfähle, mit denen die Anlage abgesteckt war, ausgerissen. Stark gefördert wurden die Bahngegner in ihren Ideengängen durch den damaligen Direktor des Landeszuchthauses, der in der Bahnanlage und dem starken Zugverkehr eine Gefahr für seine Sträflinge erblickte, da „die Ruhe der Gefangenen gestört und Fluchtversuche durch die Nähe der Bahn gefördert würden“. Niemand hätte wohl geahnt, dass 60 Jahre danach die Söhne und Enkel zum Bau der Kleinbahn schreiten mussten.“ 

Auch in der Festschrift des Rockenberger Gesangvereins „Immergrün“ von 1974 findet sich dazu eine Anmerkung unter der Jahresangabe 1847. Man stelle sich vor, dass seinerzeit die Führung der Main-Weser-Bahn – wie geplant von Bad Nauheim direkt durch die Rockenberger Gemarkung bis nach Gießen geführt worden wäre. Läge dann beispielsweise die Stadt Butzbach heute nicht an der Main-Weser-Bahn und Rockenberg wäre – anstelle von Butzbach – zu einer industriellen Kleinstadt erblüht?      

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