Selbsthilfegruppe unterstützt bei Bewältigung einer Lebensaufgabe

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Selbsthilfegruppe unterstützt bei Bewältigung einer Lebensaufgabe

In Butzbach besteht seit acht Jahren Gesprächsangebot bei „Angst, Panikattacken und Sozialphobien“

BUTZBACH (thg). Es ist eine Gruppe von rund einem Dutzend Menschen verschiedenen Alters, die im Haus Degerfeld zusammenkommt. Zwei Männer sind darunter. Die älteste Teilnehmerin ist 83. Es wird geredet, gescherzt, gelacht. Aber es wird auch ernst. Einmal in der Woche trifft sich die Selbsthilfegruppe „Angst, Panikattacken und Sozialphobie“ in Butzbach. Es gibt sie seit achteinhalb Jahren.

„Die Selbsthilfegruppe ist ein Segen“, sagt die Seniorin. Denn es zeigt sich, dass die Teilnehmer einander zuhören, dass sie einander verstehen, denn das ist nicht leicht. Wer nur über eine gesunde Angst verfügt, kann sich nicht hineinversetzen in den Angst-Patienten. Das ist es, was es den Gruppenmitgliedern im Alltag zusätzlich schwierig macht. Ehepartner, Kinder, Freunde oder auch Arbeitskollegen können nicht nachvollziehen, wie viel Leid und Druck eine solche Angst, Panik oder Phobie beim Betroffenen auslösen, wie die Teilnehmer, deren Namen nicht genannt werden sollen, erklären.

Auch die Vorstellung, außerhalb des engsten Kreises von den psychischen Belastungen zu sprechen, fällt schwer. Einer der männlichen Teilnehmer hat indes festgestellt, dass es richtig gewesen sei, unter anderem am Arbeitsplatz zu sagen, woran er leidet. Nur so sei es möglich gewesen, überhaupt einen anderen Platz im Betrieb zu erhalten. Wichtig ist es, wie er sagt, ein Netzwerk zu haben, „Menschen, die einen verstehen“. So wie in der Selbsthilfegruppe.

„Ich konnte nach einem Urlaub nicht mehr ins Flugzeug steigen“, sagt eine Gesprächsteilnehmerin. Und ob Aufzugfahren, im Auto mitfahren oder auch vor anderen reden zu müssen, sind einige Beispiele für die hohen Hürden, die die von Angst Betroffenen nicht mehr meistern.

Die Folgen sind immens. Eine Gruppenangehörige berichtet, dass sie es nicht mehr schaffte, das Haus zu verlassen. Eine andere berichtet von einem Spaziergang mit dem Hund, bei dem sie im Feld plötzlich nicht mehr in der Lage war, weiterzugehen. Ein Teilnehmer berichtet davon, dass die Angst ihm regelrecht körperliche Schmerzen bereitet. Diese psychosomatischen Auswirkungen seien so stark gewesen, dass er dann sogar nachvollziehen konnte, dass Betroffene auch Suizidgedanken entwickeln könnten.

„Die Angst ist ein Gedanke. Sie geht über in Gefühle. Und dann geht sie in den Körper“, ergänzt eine der weiblichen Gesprächspartner. Dass Frauen die Mehrzahl in der Gruppe bilden, ist kein Zufall. Meist sei das Verhältnis in Hilfsangeboten etwa drei Männer zu sieben Frauen. Die Krankheitsrate sei nach Auskunft von Experten 50:50, Männer würden sich die Krankheit aber nicht eingestehen.

Die Selbsthilfegruppe ist nicht die erste Anlaufstelle. Oberstes Prinzip ist, dass ein Teilnehmer eine Psychotherapie absolviert oder zumindest begonnen hat. Auch Klinik-Aufenthalte schildern die Betroffenen, die ihnen geholfen hätten. Die Berufstätigen, die aber meist, wie eine jüngere Teilnehmerin bereits seit dem Jahr 2015, nicht mehr arbeiten können, absolvierten teils auch Reha-Maßnahmen. Doch damit mache jeder unterschiedliche Erfahrungen, ob sie helfen oder nicht. Ähnliches gilt für Tageskliniken. Wichtig ist dabei stets auch das Gespräch mit einem Therapeuten.

Dass aber der Gedankenaustausch von Betroffenen untereinander einen besonders hohen Wert hat, bestätigt die Gruppe. Dabei war es für die allermeisten nicht leicht, den Schritt zu tun, manche fasste jahrelang nicht den Mut, hinzugehen. Kontakt ist möglich über die Diakonie in Butzbach unter Tel. 06033/966690 bei Petra Seeger oder über die Selbsthilfe-Kontaktstelle beim Wetteraukreis, Tel. 06031/83-2345, die Anette Obleser leitet.

„Die Gruppe ist für mich das Netz, ich kann alles sagen oder tun, es bleibt in diesen vier Wänden“, schildert eine Teilnehmerin den Grundsatz. Der Zusammenhalt sei „wie in einer Familie. „Ich werde einfach verstanden.“ Eine Ergänzung kommt: „Jeder weiß, wie man sich fühlt, wie es einem geht.“ Man komme zusammen „wie Freunde“, nicht wie eine Selbsthilfegruppe. Dagegen werde man von anderen oft abgestempelt nach dem Motto „Was Du Dir einbildest“. Und: „Das ist doch nicht normal.“

„Hier sitzen alle im selben Boot“, sagt die Gruppenleiterin, die sich aber nicht als solche sieht. Gleichwohl ist sie erste Ansprechpartnerin, nimmt sich Zeit, wenn jemand Kontakt aufnimmt und weiß als selbst Betroffene, wie es dem Gegenüber geht. In den Gruppenstunden achtet sie auf gewisse Regeln. So lässt man einander ausreden, wobei jeder fünf Minuten Zeit bekommt. Und wenn es einmal schwierig wird, kann auch ein Scherz dazu beitragen, eine andere Sicht auf das Problem zu erhalten.

Dass die Teilnehmer auch außerhalb der wöchentlichen Treffen jederzeit füreinander da sind, hilft allen sehr. Oft reichen schon liebe Worte oder eine Nachricht per Smartphone, wenn jemand etwas hat. Und dass die Gruppe mit der Gesprächsmöglichkeit etwas bewirkt, bestätigen durchweg alle. Neben dem, was in der Therapie gelernt wurde, sich wieder „in die Spur zu bringen“, ist der Austausch wichtig. „Reden, reden, reden, alles rauslassen, was einen bewegt“, empfiehlt einer der Teilnehmer. „Die Leute hier sind sehr ehrlich. Und ich sehe, so exotisch bin ich gar nicht“, erlebt eine Gesprächspartnerin zu berichten.

Die Bewältigung der Angst ist laut einer Teilnehmerin eine „Lebensaufgabe“. Ich muss daran arbeiten, arbeiten, arbeiten.“

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