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Skurriler Hausbau mit Hindernissen

Lesung: Gerhard Matzig stellte im Bauzentrum Gerhardt sein Buch vor

Butzbach (dt). „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ So formulierte es 1808 Johann Wolfgang von Goethe im „Vorspiel auf dem Theater“ in seinem Klassiker „Faust“ sehr weise. Nach diesem Motto stellt die Buchhandlung Bindernagel in Butzbach alljährlich ihr vielfältiges Programm mit Autorenlesungen zusammen. Zur letzten Lesung vor der Sommerpause kam am Freitagabend in die Veranstaltung mit dem Journalisten Gerhard Matzig im neuen Bauzentrum Gerhardt größtenteils ein deutlich anderes Publikum als sonst bei Lesungen in der Buchhandlung. Bei Häppchen, Sekt und Orangensaft vor der Lesung und in der Pause erlebten die Zuhörer einen sehr unterhaltsamen Abend mit dem aus der Nähe von München angereisten Autor.

In einem „Warm Up“ berichtete Matzig – seines Zeichens leitender Redakteur und Architektur-Kritiker bei der „Süddeutschen Zeitung“ – den Zuhörern gleich von seiner Ankunft am Butzbacher Bahnhof, denn er war mit der Bahn in die Perle der Wetterau gekommen. Er habe seiner Frau gleich ein Foto von seiner Ankunft gemailt, auf dem der Bahnhof zu sehen gewesen sei. Ihre Antwort sei postwendend gekommen mit der Vermutung, dass Butzbach mit diesem Bahnhofsgebäude wohl „in Fichtelgebirge“ liegen müsse. Nach diesem Schock bei der Ankunft sei er zum Marktplatz und darob ins Schwärmen gekommen: „Sie haben den schönsten Marktplatz in Deutschland.“ Viele Plätze in Deutschland seien ansonsten eine vorwiegend triste Angelegenheit; so habe es auch der Schauspieler Matthias Brandt – Sohn des ehemaligen Bundeskanzler – empfunden, als er ihn auf Wunsch zum Willy-Brandt-Platz in München geführt habe. Brandt habe einen Schock erlitten. Nach einem „dicken“ Lob für den Veranstaltungsort ging es anschließend zur Lesung aus den beiden Büchern „Meine Frau will einen Garten“ und „Nettelbeck und Familie: Vom Abenteuer, heute Vater zu sein“, nach denen es demnächst noch ein weiteres geben werde, da er das Ganze als „Trilogie“ angelegt habe.

Im „Garten“-Buch erzählt der Journalist die turbulente Geschichte, wie er als leidenschaftlicher Stadtmensch von seiner Frau Pia davon überzeugt wurde, am grünen Stadtrand von München ein nur hier zu findendes bezahlbares Grundstück zu erwerben, um dort ein Familiendomizil zu bauen. Und das ist dann schon eine umwerfend skurrile Angelegenheit, denn es entsteht – bedingt durch die vorhandene schmal-lange Grundstücksgröße – ein schwarzes unterkellertes Holzhaus mit weißen Fenstern und einer Wohnfläche von 4,80m x 16m, das ihm anfangs vorkommt „wie ein gewaschener, zu enger Pullover“. Um Geld zu sparen plant er zunächst viel „Eigenleistung“ ein, muss sich dabei mutig mit haarsträubenden Hindernissen und Widrigkeiten auseinandersetzen und kapituliert fast.

Zunächst kauft sich Matzig im Gartencenter/Baumarkt völlig ahnungslos eine Kettensäge und beginnt – anfangs fast kläglich scheiternd und schließlich nur mit Hilfe eines erfahrenen Nachbarn – die Bäume zu roden. Ein Baumarkt sei aus seiner Sicht „eine Therapieform der modernen Gesellschaft“. Zur Erheiterung der Zuhörer spitzt er bei seiner Darstellung die abenteuerlichen Geschehnisse ironisch-satirisch zu, wobei er darauf verweist, dass ein Großteil der Abläufe real so passiert sind: „Dem Leben abempfunden und etwas zugespitzt.“ Am Ende, als das Haus steht, ruft er es in die Welt hinaus: „I did it!“

Nach der Pause gesteht der Journalist dann ein, dass sein „Low-Budget-Haus“ schließlich „vorgefertigt“ geliefert worden sei. Erste vernichtende Kommentare der ob des Anblicks und der schwarzen Farbe erschrockenen Nachbarn: „Kein Geld, kein Geschmack, aber Familie.“ Anschließend liest Gerhard Matzig aus seinem zweiten Buch, in dem er sich ironisch zugespitzt mit seiner Vaterrolle beschäftigt. Während seine Tochter Julia Taekwondo betreibe („Das habe ich erst googeln müssen.“), seien die beiden Söhne Anton und Max leidenschaftliche Fußballer beim TSV Waldrudering. Hier hatte der Autor die Lacher auf seiner Seite, als er den schier endlosen, meist nächtlichen E-Mail-Verkehr besorgter „Helikopter“-Eltern schildert, weil der Trainer der D2-Junioren ein Geschenk erhalten soll, das von den Eltern finanziert werden soll.

Ein weiteres Thema ist der letzte Schultag der Sprösslinge und die anschließend stattfindende chaotische Urlaubsfahrt mit dem Pkw nach Sardinien, wobei der fahrende Vater und das eingeschaltete Navi nicht überein kommen, nicht recht miteinander kommunizieren. Das ist beste, kurzweilige Unterhaltung und wurde von den Zuhörern amüsiert aufgenommen. Das noch ausstehende dritte Buch werde sich – gesteht Gerhard Matzig augenzwinkernd, verschmitzt – müsse nach der Beschäftigung mit Hausbau und
Familienleben mit den Kindern dann ein „Scheidungsbuch“ sein. Das allerdings hätten er und seine Frau erst einmal auf irgendwann später verschoben.

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