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Spiegel der Gesellschaftsgeschichte

BUTZBACH. Historiker Tobias Müller stellte im Butzbacher Museum dar, wie die deutsche Presse über Marilyn Monroe berichtete. Text + Foto: dt

VORTRAG – Historiker Tobias Hirschmüller in Butzbach über öffentliche Wahrnehmung von Marilyn Monroe

Butzbach (dt). Er stellte gleich eine wichtige, drastische Frage: „Was erfährt man anhand einer Lüge über den Lügner?“ Normalerweise beschäftigt sich Tobias Hirschmüller, Historiker für neue und neueste Geschichte und Lehrbeauftragter der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, mit Themen wie der Revolution von 1848, dem „Eisernen Kanzler“ Bismarck oder dem Ersten Weltkrieg. Wie er sagt, sei er im Kollegenkreis darum auch schon einmal belächelt worden dafür, dass er sich intensiv mit dem Mythos um die amerikanische Schauspielerin Marilyn Monroe befasst habe und befasse. Das habe dann meist einiger Erläuterungen bedurft. 

Das tut Hirschmüller, nach dem die stellvertretende Museumsleiterin Antje Sauerbier ihn vorgestellt hatte, auch zu Beginn seines Vortrages in der Industriehalle des Butzbacher Museums. Ihm geht es nicht etwa vordergründig und simpel um die eigentliche Kunstfigur Monroe. Ziel seiner historischen Forschung und seines Vortrages sei es vielmehr zu zeigen, wie aus einer Untersuchung der Wahrnehmung und Erinnerung an Monroe Erkenntnisse für die deutsch-deutsche Gesellschaftsgeschichte gezogen werden können. 

Angefangen bei der gehobenen Tagespresse über die Boulevardpresse bis hin zu Kirchen- und Parteizeitungen – alle hätten sich von den Lebzeiten der Monroe bis zum heutigen Tage immer wieder mit der Schauspielerin und Sängerin beschäftigt. Für die sogenannten „Klatschblätter“ sei Monroe von Beginn der 50er Jahre an ein Thema gewesen. „Erstaunlicherweise wurde sie in diesen frühen Berichten als selbstbewusst, talentiert und von erotischer Unschuld beschrieben“, betonte Hirschmüller. In Artikeln über ihre gescheiterten Ehen sei sie als „leidende Persönlichkeit“ dargestellt worden, die „in einer harten Geschäftswelt“ nicht habe bestehen können.  

Schärfer und deutlich härter sei schon damals die gehobene Tagespresse und die kirchliche Filmkritik mit der Monroe und ihren Filmen umgegangen, wobei ihr oftmals jegliches schauspielerische Talent abgesprochen worden sei. Der abwertend gemeinte Begriff „Sexbombe“, eine damit verbundene „Dummheit“ und eine gestörte Psyche kennzeichneten die Schlagworte und Unterstellungen. 

Hirschmüller hat sich zum Thema Monroe auch in der DDR-Presse umgesehen. Dort habe man sofort die ideologische Karte gezogen. Monroe war aus Sicht der DDR-Medien eine „Verkörperung der kapitalistischen und ausbeuterischen Filmindustrie“ in Hollywood. Das kapitalistische Amerika präsentiere dem Volk ein solches Idol, um von seinen Schandtaten – etwa dem Koreakrieg, der totalen Vereinnahmung Westdeutschlands oder der Aufrüstung der Bundesrepublik abzulenken. Erst nach Marilyns Tod habe die DDR-Presse die Schauspielerin positiver gesehen.  

Generell habe sich die Sicht auf Monroe mit ihrem Tod verändert. Ihre Filme wurden zu Klassikern, sie selbst zur begabten Komödiantin. Zudem begann die Gerüchteküche rund um ihren mysteriösen Tod zu brodeln, die Kennedy-Brüder und die Geheimdienste kamen ins Spiel; interessanterweise habe das Ganze seinen Ursprung in einem Artikel der sowjetischen Parteizeitung „Prawda“ gehabt. Bisher habe niemand irgendeinen Beweis für die zahlreichen Verschwörungstheorien vorlegen können, konstatierte der Referent. Als Historiker könne er nun lediglich Rückschlüsse auf die Personen und Medien ziehen, die ein Interesse daran hätten, beispielsweise die Kennedyfamilie zu verunglimpfen. 

In der Erinnerung sähen viele Institutionen, Menschen und Medien in Marilyn das, was sie in ihr sehen wollten. Sie werde somit instrumentalisiert negativ als „falsches Vorbild“, positiv als selbstbewusste Kämpferin für den Feminismus, als „Person, die in der amerikanischen Gesellschaft gegen Klassenschranken“ und den Rassismus gekämpft habe. Hirschmüller zog als Fazit, dass sich „aus kulturgeschichtlicher Sicht“ nach Marilyns Tod „ein fester Mythoskern“ entwickelt habe, „mit jeweils vom Standpunkt des Betrachters wandelbaren Facetten“. Der Umgang mit Monroe in Deutschland sei ein Spiegel deutsch-deutscher Gesellschaftsgeschichte.  

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