Sprichwörter-Papst“ im Plauderton

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Sprichwörter-Papst“ im Plauderton

BUTZBACH. Der promovierte Germanist und Dozent Dr. Rolf Bernhard Essig brillierte am Freitag in der Alten Turnhalle beim „Stadtlesen“, als er seine Zuhörer auf sehr unterhaltsame Weise „In 80 Sprichwörtern um die Welt“ mitnahm. Text + Foto: dt

STADTLESEN – Dr. Rolf-Bernhard Essig ordnet in Alter Turnhalle in Butzbach auf Zuruf Redensarten ein

BUTZBACH (dt). Vermutlich lag es daran, dass die Veranstaltung am frühen Freitagabend im Rahmen des „Stadtlesens“ wegen des Heraufziehens eines Unwetters kurzfristig vom Marktplatz in die Alte Turnhalle verlegt werden musste. Gekommen waren so weniger Zuhörer als erwartet, als der „Sprichwörter-Papst“ Dr. Rolf-Bernhard Essig mittlerweile zum dritten Mal in Butzbach zu Gast war. Unterstützt wurde sein Gastspiel – wie Vorstandsmitglied Rainer Hachenburger unterstrich – vom Vereinsring und daneben vom Projekt „Demokratie leben“. 

Der studierte und promovierte Germanist und Historiker Essig ist auch ein Entertainer, der sein Publikum mit funkelndem Wortwitz, einem fundiertem Sprichwortschatz und dazugehörigen Geschichten aus 60 Ländern prächtig unterhielt. Mit „seinem“ Thema, den Redensarten und Sprichwörtern, tourt Essig seit 2008 durch Deutschland und erhielt dabei zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Was er dabei plaudernd abliefert, ist sogenanntes „Edutainment“, ein Begriff, der sich zusammensetzt aus den englischen Worten „education“ und „entertainment“. Essig hat mittlerweile eine große Anzahl Bücher verfasst. 

Sein vorletztes Buch trägt den Titel „Da haben wir den Salat: In 80 Sprichwörtern um die Welt“. Er veranstaltete in der Alten Turnhalle in Butzbach dazu keine Lesung, sondern plauderte – im Gespräch mit seinen Zuhörern – im ersten Teil der Veranstaltung fröhlich über die zentralen Redensarten und Sprichwörter aus Ländern, die ihm einzelne Zuhörer beliebig zurufen konnten. Da erfuhr man dann verwundert, dass die Redensart „Noch ist Polen nicht verloren“ ursprünglich aus Italien stammt. Der Wortbegriff „Gassenhauer“ komme aus der Schweiz, wenn da ein Krieger mit einem breiten Schwert ehemals in einem Dorf oder einer Stadt „der Freiheit eine Gasse“ geschlagen habe. 

Beim Stichwort Russland verweist Essig auf das urrussische Sprichwort „Trink Brüderchen, trink, unterm Tisch sehen wir uns wieder“. Nachdenklich wird es dann bei der redensartlichen Frage: „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Diese gehe auf eine Erzählung des russischen Autors Leo Tolstoi zurück, in der ein gieriger Bauer immer mehr Erde in Form von Landbesitz zusammenkaufe. Am Ende – nach seinem Tode – benötige der reiche Bauer dann nur noch zwei auf drei Meter Erde, wenn er begraben werde. 

Was man hat, das hat man oder „carpe diem“ stehe wohl gedanklich hinter dem spanischen Sprichwort „Den Tanz von gestern kann mir niemand nehmen“, stellte Essig fest. Sich selbst der beste Freund sein,  fordere die philosophische Weisheit der Japaner, etwa in der Redensart „Achte auf gute Gesellschaft, vor allem, wenn du allein bist“. 

Wichtig sind für Essig insbesondere die Geschichten hinter den Sprichwörtern. So erzählt er von der historischen Entstehung des legendären englischen „Hosenband-Ordens“. Danach sei der britische König Edward III. nach damaliger Mode in Strumpfhosen zu einem Tanzfest gegangen. Während des Tanzes habe sich bei seiner Tanzpartnerin, einer Herzogin, in ungehöriger Weise das Stumpfband gelöst und sei sichtbar herabgerutscht. Ein Skandal am Hofe, den Edward vermied, weil er das Strumpfband von der Dame nahm und sich selbst um das Bein band. „Honi soit qui mal y pense  (dt.: Ein Schuft, der Böses dabei denkt)“, habe der König gerufen, den „Hosenband-Orden“ gegründet und seinen Spruch auf das englische Staatswappen gesetzt, wo er heute noch stehe. In arabischen Ländern sei eines der markantesten Sprichwörter die Aussage: „Vertraue auf Allah, aber binde dein Kamel an“.  

In Brasilien gebe es seit der 1:7-Niederlage gegen Deutschland bei der Fußball-WM 2014 im eigenen Land die neue Redensart „Tor für Deutschland“ oder „1:7“, wenn irgendwo etwas schief laufe oder missglücke. Im zweiten Teil der Veranstaltung forderte Essig die Besucher zu einem „Sprichwort-Slam“ heraus. Dabei riefen ihm die Zuhörer bekannte Sprichwörter und Redensarten zu, die er innerhalb von 15 Sekunden aus dem Stand einordnen oder zumindest variieren musste. Ging der Punkt an einen Zuhörer, so gab es für diesen einen Preis. Tröstlich nannte am Ende Essig eines seiner Lieblingssprichwörter: „An einer gebrochenen Rippe stirbt man nicht.“  

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