„Staatlich geprüfter“ Deutscher

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„Staatlich geprüfter“ Deutscher

Kabarett Saison-Eröffnung „Live in Butzbach“ im Kino mit Integrations-Gedanken von Mushin Omurca

BUTZBACH (ff). Wenn Kriege, politische Verfolgung und Nöte die Menschen zur Flucht zwingen, dann sehen sich westliche Länder wie Deutschland mit einer großen Integrationsaufgabe konfrontiert. Doch wie kann eine gelingende Integration genau funktionieren? Alles halb so schlimm, meinte der Kabarettist und Cartoonist Mushin Omurca bei „Live in Butzbach“: Deutschland habe doch Experten der ersten Stunde im eigenen Land. Die türkischen Mitmenschen seien die „ewigen Integrationsfahrschüler“, heißt es in seiner Programankündigung. Also, warum nicht von den Profis lernen?

Für traditionelles Kabarett war „KuschelTürk – Integration à la IKEA“ eine durchaus neue Herangehensweise. Omurca bebilderte sein Programm mit erheiternden Zeichnungen, die fortführten was er verbalisierte. Dafür war das Capitol-Kino genau die richtige Location: große Leinwand und gemütliche Kinositze. Die Multidimensionalität des Programms war es, die nicht nur zum Lachen und Schmunzeln einlud, sondern eben auch zum Nachdenken.

Omurca nahm am Mittwochabend nur selten ein Blatt vor den Mund, wenn er über Integration, die türkische oder die deutsche Kultur sprach. Dabei spielte er mit den Stereotypen ganz unbeschwert und hielt seinem Publikum gekonnt den Spiegel vor. So sei beispielsweise ein Unterschied zwischen Deutschen und Türken, dass erstere eine Versicherung abschlössen, bevor etwas passiere; die Türken danach. Was der Deutsche vielleicht als spitzfindig verstehe, sei für Türken eine Frage der Abwägung und Kreativität.

Apropos Kreativität: Den Deutschen werde oft Erfindergeist nachgesagt. Das wollte Omurca nicht ganz unkommentiert im Raum stehen lassen. Zwar besitze er selbst die deutsche Staatsbürgerschaft, doch die türkische Kultur sei alles andere als erfindungslos. Der Erfindergeist konzentriere sich eben auf das pragmatische, wie beispielsweise das Handy an der Fernbedienung festzukleben, um es später anklingeln zu können, wenn man die Fernbedienung wieder verlegt hat.

Ein weiterer Unterschied sei das jeweilige Lieblingsgetränk: Türken präferieren Tee, Deutsche eher den schwarzen Kaffee. Hierbei stellte Omurca die These auf, dass das Getränk den Charakter beeinflusse. Die Türken seien Teeisten, die Deutschen A-Teeisten. Grundsätzlich seien Deutsche sicherheitsliebend und vergötterten Tiere, besonders Hunde. Gerade die deutsche Sprache spiegele das wider: Man werde „hundemüde“, „gehe mit den Hühnern ins Bett“ oder lasse einmal im Jahr die „Sau raus“. Deutschland sei auch das einzige Land, in dem die Menschen „Ernst“ heißen.

Abseits der deutschen und türkischen Eigenheiten ist Omurca das Thema Integration eine Herzensangelegenheit. Das Pochen auf die Nationalität sei kurios, schließlich könne der Deutsche nichts dafür, dass er Deutscher sei und der Türke nicht, dass er Türkei sei. Der Kabarettist hebt die Willkür eines solchen Nationaldenkens hervor und zeigt die Widersprüche auf: „Ich bin ‚staatlich geprüfter’ Deutscher.“ Das bedeute für ihn, dass besonders er darauf stolz sein dürfe, „Deutscher zu sein“. Schließlich habe er dafür hart gearbeitet.

Für Omurca sollte Integration kein bedingungsloses Assimilieren bedeuten, sondern das intelligente Bewahren von Vielfalt auf einer friedlichen, gegenseitig respektierenden und freilich integrierten Basis. Andere Ansätze liefen Gefahr, zum „Einheitsbrei“ zu werden, wie er anschaulich mit einem Flaschen-Cartoon zu zeigen vermochte.

Der Vater des deutschen Mi-
grantenkabaretts, wie sich Omurca selbst bezeichnet, greift das Thema Integration und Kultur auf seine ganz eigene Art auf. Dabei ist sein Programm keines, das sich dem Mainstream zuordnen lässt, sondern verlangt von seinem Publikum einiges an „Eigenleistung“ ab. Das macht Omurca auch deutlich, indem er gelegentlich in einen Dialog mit seinen Zuschauern eintritt. Nicht einfach konsumieren, sondern mitdiskutieren, könnte man diesen Ansatz nennen. Manche Zuschauer erwiesen sich aber als leicht „scheu“, was für Omurca sichtbar Ansporn war. Insgesamt übernahmen Cartoon und Gesagtes ein gewisses Eigenleben, was das Programm sehr vielschichtig und die Berichterstattung allenfalls zu einer bescheidenen Annährung macht. Gepaart mit türkischem Humor, kamen alle Gäste auf ihre Kosten.

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