Starke Dialoge in zeitlosem Plädoyer

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Starke Dialoge in zeitlosem Plädoyer

Foto: dreut

LITERATUR – Schauspieler Thomas Sarbacher und Verleger Peter Graf präsentieren Fundstück im Museum

BUTZBACH (dt). Mit dem Verleger und Lektor Peter Graf und dem Schauspieler Thomas Sarbacher („Tatort“, „Polizeiruf 110“, „Die Welle“ u.a.) waren am Dienstagabend zwei prominente Akteure in die Industriehalle des Butzbacher Museums gekommen, um ein faszinierendes, 80 Jahre altes literarisches Fundstück vorzustellen. Es ging um den Roman „Der Reisende“ des deutsch-jüdischen Schriftstellers Ulrich A. Boschwitz (1915-1942) – das erste und in seiner Authentizität im Grunde einzige, zeitlos bittere Roman-Plädoyer über die November-Pogrome 1938. Sarbacher interpretierte drei ganz starke Dialogstellen mit großer Intensität und stimmiger Modulation aus dem Roman.      

Zu Beginn der Lesung, die die Stadt in Verbindung mit der Buchhandlung Bindernagel als letzte der begleitenden Veranstaltungen zu der nun beendeten Anne-Frank-Ausstellung im Museum initiiert hatte, stellte Christine Borchers-Fanslau die beiden Protagonisten Graf und Sarbacher vor und informierte über das tragische Leben und Schicksal des Autors Boschwitz. Dieser sei als Sohn eines jüdischen Kaufmannes 1935 über Schweden, Norwegen, Frankreich, Luxemburg, Belgien nach England emigriert, von wo er als „unerwünschter, feindlicher Ausländer“ in ein Internierungslager nach Australien geschickt worden sei. 1942 wurde sein Schiff, mit dem er wieder auf den Weg von Australien nach England gewesen sei, von einem deutschen U-Boot versenkt; dabei sei Boschwitz – erst 27-jährig – umgekommen. Unter Boschwitz’ Autoren-Pseudonym John Grane seien drei Romane in schwedischer, französischer und englischer Sprache in den 1930er-Jahren erschienen. Einzig „Der Reisende“ sei – nach Auffinden in dem Archiv der Frankfurter Nationalbibliothek – 80 Jahre nach der Entstehung auf deutsch erschienen.     

 Boschwitz erzählt im Roman (Originaltitel: „The man, who took trains“) die beklemmende Geschichte des ursprünglich hoch angesehenen, gutsituierten deutsch-jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann, der in der Folge der November-Pogrome über Nacht zum Verfemten und Verfolgten wird, der im Zug quer durch Deutschland ziellos auf der Flucht ist. Der Roman zieht seine große Kraft aus seiner Authentizität als Zeitdokument, Geschichte wird aus ihrer Unmittelbarkeit heraus von dem direkt Betroffenen erzählt. Silbermann war zuvor stets ein ehrbarer, gesetzestreuer, mit einer Nicht-Jüdin verheirateter Bürger, der nicht glauben mag, dass dieses „neue“ Deutschland ihm über Nacht den Krieg erklärt hat. Zweifellos hat die Romanhandlung biografischen Hintergrund, zumal Boschwitz’ Vater ein erfolgreicher Hamburger Großkaufmann war. 

Verleger Graf gab zwischen den drei längeren Lesepassagen aus dem Roman Erläuterungen zu den Handlungsübergängen und berichtet detailliert, wie er über persönliche Kontakte in Israel auf den Romantext aufmerksam wurde. Aus Unterlagen des Autors erkannte Graf, dass dieser den Roman vor der Veröffentlichung habe noch einmal überarbeiten wollen. Diese vorsichtige Überarbeitung ohne inhaltliche Veränderungen habe er übernommen: „Es ist das erste literarische Zeugnis über die Novemberpogrome, das erst nach 80 Jahren in deutscher Sprache erschienen ist.“      

In der ersten Dialogpassage, die Sarbacher stimmlich großartig, in unterschiedlichen Tempi, mit starker Modulation auf mitreißend-faszinierende Art interpretiert, geht es darum, dass Silbermann zwangsweise sein Haus verkaufen muss. Geschätzt ist es 200 000 Reichsmark wert, ein reicher Bekannter will ihm 30 000 Reichsmark zahlen. Silbermann hat keine Wahl, lässt sich auf eine Anzahlung von 10 000 Reichsmark ein und kann gerade noch aus einem Haus fliehen, ehe eine Schar SA-Leute ihn ergreifen und zusammenschlagen kann. 

Den zweiten Textabschnitt kennzeichnet ein Dialog zwischen Silbermanns ehemaligen Prokuristen Gustav Becker, der heute auf Augenhöhe Kompagnon in Silbermanns ursprünglicher Firma ist. Es geht um die „Arisierung“ der Firma, die Becker auf unverschämte Weise an sich bringt, weil Silbermann mittlerweile rechtlos ist. 

In der dritten Textpassage, die Sarbacher ausgewählt hat, nehmen die Zuhörer teil an einem Gespräch Silbermanns, dem die Flucht über die belgische Grenze misslungen ist, mit einer jungen Frau in einem Zugabteil. Es fallen dabei Sätze wie: Warum lassen sich die Juden das alles gefallen? Warum wehren sie sich nicht? Silbermanns resignierende Antwort: „Zum Leben gehört Mut, zum Selbstmord Verzweiflung.“ Boschwitz liefert ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft in jener Zeit, während Silbermann kreuz und quer mit dem Zug durch das Land unterwegs ist, Menschen begegnet, mit ihnen spricht. Dabei zeichnet er seine Figuren in vielschichtigen Facetten, niemand ist nur „gut“ oder nur „böse.“ Sarbacher liest, flüstert fast, schreit zornig auf, unterstreicht den Text mit kräftigen Handbewegungen oder zarten Gesten und erhielt langanhaltenden Applaus.

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