Susanne Zorn – Ortsvorsteherin von Bodenrod

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Susanne Zorn – Ortsvorsteherin von Bodenrod

Hin und wieder sind meine Porträtgespräche für mich auch kleine Zeitreisen in meine eigene Vergangenheit. Heute zum Beispiel fallen Namen und Begebenheiten, die mich schlagartig in meine Jugend zurückversetzen und Erinnerungen wecken, die lange verschüttet waren. 

Als meine heutige Interviewpartnerin vom rothaarigen Busfahrer Heinrich sprach, bekam ich sofort leise Beklemmungen, denn ich weiß genau, wie mich meine Mutter als Kindergartenkind erstmals runter an den Münsterer „Turnerplatz“ gebracht hat, wo ich dann als kleiner Stöpsel in den riesigen Linienbus nach Fauerbach zum Kindergarten steigen sollte. Allein, ohne meine Mama, krass. Das ist heutigen Kindern, die teils bis zur Mittelstufe täglich im SUV bis vor das Klassenzimmer geshuttelt werden, gar nicht mehr zu vermitteln. Heutigen Helikoptereltern aber auch nicht, denn meine Mutter vertraute ihren einzigen Sohn einem ihr völlig fremden, rothaarigen Busfahrer an. Aber es ging gut, mehr noch, fortan waren Heinrich und ich gute Freunde, ich durfte immer direkt hinter ihm Platz nehmen und wollte später auch Busfahrer werden. Aber nicht nur Heinrich wirft mich im Gespräch um Jahre zurück, auch erste Skilanglaufversuche verbinde ich heute noch unabdingbar mit Bodenrod. Als begeisterter alpiner Abfahrer, fand ich allerdings immer nur die Bergrunter-Passage cool und suchte dann im Bodenroder Wald vergeblich nach Schleppliften für den Weg wieder hinauf zum Parkplatz. Diese von Interview-gesprächen ausgelösten Flashbacks in meine Jugend sind stets Momente, in denen ich die Arbeit an dieser Reihe genieße und die mich ermutigen, weiter auf der Suche nach Gesichtern und Geschichten dieser Stadt zu sein, seit nunmehr 175 Folgen. Folge 176 steht heute ganz im Zeichen der Bodenroder Ortsvorsteherin Susanne, Zorn, mit der ich mich bei ihr zu Hause auf einen Abstands-Kaffee-Talk treffe.

Liebe Susanne, Du bist seit Jahrzehnten mit Leib und Seele Bodenroderin, stammst gebürtig aber nicht einmal aus Hessen, nicht wahr?

Susanne Zorn: Stimmt. Ich bin im Juni 1961 in Hamm in Westfalen geboren und im Alter von 14 Jahren mit meinen Eltern hier nach Bodenrod gezogen. 

Mit 14 sein vertrautes Umfeld verlassen zu müssen, stelle ich mir sehr schwierig vor. Warum sind Deine Eltern eigentlich hier hergezogen?

Zorn: Dass wir hier gelandet sind, hatte zwei Gründe. Zum einen hatten wir zwei Jahre zuvor hier – mehr zufällig – Urlaub gemacht bei Kurt Wissig und seiner Familie. Uns allen hatte Bodenrod von Beginn an extrem gut gefallen, Wissigs waren überaus herzlich und liebenswert zu uns und so manch geselliger Urlaubsabend klang in der damaligen Gaststätte „Waldeslust“ feuchtfröhlich aus. Obwohl ich damals, als ich als Zwölfjährige erstmals die Treppe zur „Waldeslust“ hinab schritt, schon dachte: „Oha, was hat es denn hier geschlagen?“ Das war durchaus ein Kulturschock für jemanden, der in der Innenstadt einer Kreisstadt aufgewachsen ist. Aber Bodenrod hat uns mit seiner Natur und seinen Menschen von Beginn an irgendwie verzaubert. Ich habe es geliebt, in den Urlauben hier auf Kurts Traktor mitzufahren und konnte mir damals sogar vorstellen, später mal einen Landwirt mit Hof zu heiraten. Der zweite Grund war, dass mein Vater beruflich ohnehin überwiegend hier in der Region arbeitete. Tja, und als Kurt Wissig Ostern 1975 bei uns anrief und von einem Haus berichtete, das  kurzfristig frei werden würde, zögerten wir nicht lange und zogen schon zum 1. Juli ’75 hier her. Klar musste ich die eine oder andere Schulkameradin zurücklassen, aber ich weiß noch ziemlich gut, dass ich diesen Umzug und das damit verbundene Landleben unbedingt wollte.

Wie bist Du als Heranwachsende hier in Bodenrod aufgenommen worden?

Zorn: Ich habe da nur gute Erinnerungen, vielleicht auch deswegen, weil ich es so sehr genoss, nun hier in Bodenrod zu leben. Klar gab es ein paar Momente der Eingewöhnung, zum Beispiel als dann im August 1975 unsere erste Dorfkirmes anstand, etwas, das ich zuvor nicht kannte und mich ziemlich beeindruckte, auch was die Trinkfestigkeit einiger Halbstarken anging (lacht). Da hat man schon gemerkt, dass man von den Dorfmädels beäugt wurde, ob die Neue wohl in abgesteckten Jungs-Revieren wildern würde. Wirklich putzig, wenn man da heute dran zurückdenkt. Schon kurz nach meiner Ankunft hier, fand ich meine erste beste Freundin, die es über all die Jahre bis heute geblieben ist. Wir haben als Familie schnell gemerkt und erfahren, wie intensiv hier in Bodenrod die Dorfgemeinschaft gelebt wird und wie bereichernd das sein kann.

Beleuchten wir noch kurz Deine Schulzeit, Du bist zur 8. Klasse an die Schrenzerschule gekommen, was waren dort Deine Lieblingsfächer?

Zorn: Geschichte und Deutsch und wenn Du mich nun nach einer Lieblingslehrerin fragst, ist das natürlich Frau Sommer, die ich ab und zu in der Stadt treffe und begrüße. Dass sie sich noch an mich erinnert, ist nicht selbstverständlich, denn ich bin schon nach einem Jahr auf die kaufmännische Berufsfachschule gewechselt, dorthin, wo meine ein Jahr ältere Freundin Bettina auch hinging. Die Schule war damals noch ein Vierteljahr in Friedberg, ehe wir dann allesamt nach Bad Nauheim umgezogen sind. Nach der Berufsfachschule hatte ich dann zwei Optionen, zum einen die Möglichkeit, mein Abitur zu machen und zum anderen eine Ausbildungsstelle in einem Steuerfachbüro zu beginnen. Obwohl mein Papa für mich immer DAS große Vorbild und der beste Ratgeber war, lag er mit seinem Ratschlag, die Lehre zu machen, leider daneben, denn die Ausbildung war knüppelhart und hat mich alles andere als glücklich gemacht. Ich habe im Anschluss auch nur noch ein Jahr lang in diesem Bereich gearbeitet. Nach einem Intermezzo bei der Butzbacher Firma FLÄKT, ergab sich dann die Möglichkeit eines Wechsels zum Kreisbaumt in Bad Homburg als Verwaltungsfach-angestellte. Das war beruflich gesehen die beste Zeit meines Lebens. Ich war mobil mit eigenem Auto und Motorradführerschein und habe dort gearbeitet, bis unser erstes Kind geboren wurde.

Nochmal einen Schritt zurück. Wie sind denn die beiden Bodenroder Freundinnen zur Schule nach Bad Nauheim gekommen?  Bodenrod war und ist ja nicht unbedingt ein Verkehrsknotenpunkt …

Zorn: Ja, das war sicher etwas mühselig und oft eine Mischung aus Mama-Shuttle, Bekannten-Fahrservice oder dem Linienbus, der allerdings damals nur dienstags und freitags fuhr. Oft half uns auch der Schulbus, vor allem Busfahrer Heinrich (der lockige, rothaarige Heinrich), der immer, wenn er irgendwie konnte, auf uns gewartet hat, wenn unser Zug aus Bad Nauheim Verspätung hatte. Häufig ging die Linie aber nur bis Münster, sodass wir von dort dann geholt werden mussten oder hin und wieder auch liefen. Die für Butzbacher Verhältnisse alpine Lage Bodenrods haben wir manchmal allerdings auch etwas zu unseren Gunsten ausgelegt, sprich, wir haben uns die Straßen etwas glatter und den Schnee etwas höher geredet als er wirklich war, was uns den einen oder anderen Tag mehr schulfrei eingebracht hat (lacht).

Du hast vorhin von Deinem Mann gesprochen, ich gehe mal davon aus, dass Du ihn auch hier in Bodenrod kennengelernt hast, oder?

Zorn: Richtig, ich habe ihn schon während meiner Urlaube hier wahrgenommen, weil er immer mit einem coolen Bonanza-Rad durch die Gegend gefahren ist. Damals war er aber für mich nur einer der Dorfjungs. Verfestigt hat sich das erst später, als ich hier lebte. Wir haben dann geheiratet und zunächst in der Reichweinstraße gelebt, wo meine Schwiegereltern noch ein Haus gebaut hatten. Später, als die ersten beiden Kinder schon da waren, haben wir dann mit viel Eigenleistung das Haus hier oben am Kalkofen gebaut. Das war damals eine sehr anstrengende Phase. Zum Baustress und den noch jungen Kindern, hatte ich zu dieser Zeit mit höllischen Kopfschmerzen zu kämpfen, als deren Ursprung Zysten zwischen den Hirnkammern diagnostiziert wurden. Ich musste mich dann vier schweren Kopf-OPs innerhalb von acht Wochen unterziehen, bei denen es durchaus auf der Kippe stand. Als dies überstanden war, stellte sich dann doch noch das von einigen Bekannten herbeigeredete „Baukind“ ein (lacht), das 1994 zur Welt kam. Aber noch einmal zurück zum „Bonanza-Rad“ meines späteren Mannes: Er war es auch, der mich mit seiner Leidenschaft fürs Motorradfahren angesteckt hat. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass mir das Hintendraufsitzen zu wenig war. Ich wollte selbst fahren, also habe ich auch den Motorradführerschein gemacht und wir waren in den Folgejahren viel unterwegs, haben wunderbare Touren mit Freunden gemacht, bis runter an den Rhein. Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass ich immer mehr Respekt, ja Angst, bekam. Dies war sicherlich auch bedingt durch ein immer größer werdendes Verantwortungsbewusstsein gegenüber den drei Kindern.  Schließlich habe ich das Motorrad dann zur Seite gestellt und bin nicht mehr gefahren, bis heute nicht. Eigentlich schade, aber wer weiß, ob ich nicht doch irgendwann mal wieder ’ne Runde drehe, das Motorrad dazu ist jedenfalls noch da. 

Widmen wir uns nun Deinem langjährigen Ehrenamt im Ortsbeirat bzw. als Ortsvorsteherin. Alles begann 1993, nicht wahr? 

Zorn: Stimmt. Zu dieser Zeit gab es hier eine ganze Amtsperiode (damals noch vier statt heute fünf Jahre) keinen Ortsbeirat. Robert Werner, der heutige Vorsitzende des Vereinsrings Butzbach, trieb dann die Reaktivierung voran und regte auch mich an, mich bei der Kommunalwahl aufstellen zu lassen. Das habe ich auch getan, allerdings als parteilose Kandidatin. Die Kommunalwahl fiel dann just in die Zeit, als ich mit meiner Kopfsache in Gießen in der Neurochirurgie lag. Ich weiß noch gut, wie Robert am Montag nach der Wahl, ganz früh morgens, zu mir ins Krankenhaus kam und mir mitteilte, dass ich in den Ortsbeirat gewählt wurde. Ein Motivationsgrund mehr, wieder fit zu werden. Die ersten vier Jahre meiner Zeit im Ortsbeirat war Gerhardt Haag Ortsvorsteher, anschließend Kurt Wissig, der ja zuvor viele Jahre hier Bürgermeister war. Dann übernahm ich das Amt als Ortsvorsteherin und ich kann voller Überzeugung sagen, dass diese Arbeit – mit allen Höhen und Tiefen – zu meinem großen Hobby geworden ist, dem ich mit großer Energie nachgehe. So versuche ich zum Beispiel auch, regelmäßig die Stadtverordnetenversammlungen zu besuchen, weil mich nicht nur Bodenroder Themen, sondern auch die Belange der gesamten Stadt Butzbach interessieren. Ich will mitbekommen, wie es um Butzbach steht, wie es mit Butzbach vorangeht. Und das geht nur über Teilhabe. Wenn ich aber beobachte, wie Bürger*innen fluchtartig Sitzungen verlassen, wenn ihr eigener Tagesordnungspunkt abgehandelt ist, schüttele ich dann doch mal innerlich leise den Kopf. 

Du wünscht Dir mehr Teilhabe am Ganzen?

Zorn: Ja. Ich finde es wichtig, sich nicht nur für sein Thema, für seinen eigenen Stadtteil zu interessieren, sondern auch das Ganze im Blick zu haben.  Zum Meckern und Kritisieren kommen viele dann aber plötzlich aus ihren Schlupflöchern, gerne auch über die sozialen Medien. Solche Beiträge zeugen dann leider häufig von einer Respektlosigkeit gegenüber denjenigen, die sich, welcher politischen Richtung auch angehörend, für unsere Stadt engagieren. Als parteilose Ortvorsteherin kann ich zum Beispiel guten Gewissens sagen, mit allen drei Bürgermeistern meiner bisherigen Amtszeiten, also Fricke, Veith und Merle, wirklich gut zusammengearbeitet zu haben. Mit allen dreien konnten wir hier in Bodenrod wichtige Projekte umsetzen, z.B. Backhausrenovierung, Bau der Trauerhalle oder die DGH-Renovierung. Aktuell stehen bei uns die neuen Baugebiete auf der Agenda, auch da möchte ich weiter engagiert mitarbeiten.

Wie viele Bodenroder kommen denn eigentlich zu so einer öffentlichen Ortsbeiratssitzung?

Zorn: So zwischen zehn und 20 Bürger. Damit liegen wir  mit knapp 350 Einwohner prozentual gesehen sicher über den Werten manch eines anderen Stadtteils. Noch wichtiger ist mir aber, dass unser Vereinsleben so extrem gut aufgestellt ist und das Dorf entscheidend prägt. Egal um was es geht, ob Feste, Feiern oder Arbeitseinsätze mit Eigenleistung, da wird nicht lange gezögert, da packt jeder mit an. Dabei haben wir hier nur drei Vereine, die Feuerwehr, den Bürgerverein und den Gesangverein. Ich glaube, es gibt kaum Bodenroder, die nicht mindestens in einem Verein Mitglied sind. Allen voran ist die Freiwillige Feuerwehr zu nennen, aus der die beiden anderen Vereine einst hervorgegangen sind. Auch wir als Familie sind dort komplett verortet und engagiert. Fundament des Vereins ist seit jeher die gute Nachwuchsarbeit.

Zurück zur Ortsvorsteherin Zorn. Gab es nie die Überlegung, Dich einer bestimmten Partei anzuschließen?

Zorn: Es gab über die Jahre hinweg immer wieder Anfragen, von allen Seiten übrigens. Mir war und ist es aber wichtig, völlig frei und ohne Parteizwänge agieren und urteilen zu können, gerade bei schwierigen, ambivalenten Reizthemen wie z.B. Windkraft oder Waldwirtschaft.

Bodenrod besticht seit jeher durch seine Natur-Landschaft.Nun aber sind auch hier die Waldschäden eklatant sichtbar. Mit welchen Gedanken schaust Du diesbezüglich in die Zukunft?

Zorn: Das beobachte ich, wie viele andere auch, mit sorgenvoller Miene. Die Kombination aus Borkenkäfer und Trockenheit setzt dem Wald enorm zu, das wird leider immer offensichtlicher und dramatischer. Umso wichtiger ist es, dagegenzuhalten, zum Beispiel mit großangelegten, von der Stadt Butzbach ausgehenden Aufforstungs-Pflanzaktionen, die leider durch Corona ausgebremst wurden, aber sicher demnächst in Angriff genommen werden. Auch die Bodenroder Feuerwehr, insbesondere die Jugendfeuerwehr, wollte sich diesbezüglich engagieren. Vom Wald mal abgesehen, ist es ebenso offensichtlich, dass auch hier oben bei uns die Winter-Wochenendtage, an denen die Menschen mit ihren Kindern zum Rodeln kommen, immer seltener werden. Früher waren das oft kleine Volksfeste mit Grillwürsten und Glühwein, weil man sich auf den Winter einfach verlassen konnte.  Diese Zeiten sind leider vorbei, ebenso wie das Loipe-Spuren für die Ski-Langläufer.

Bitte vervollständige noch folgende Sätze: Einen frei verfügbaren größeren Geldbetrag würde ich in Butzbach verwenden für …

Zorn: … eine noch bessere und seniorenfreundlichere Wegegestaltung am Marktplatz, Stichwort Kopfsteinpflaster. Das ist aber nur ein spontanes Beispiel, sicher gäbe es noch viele andere Projekte, wo das Geld gut investiert wäre.

Mein Lieblingsplatz in und um Butzbach ist …

Zorn: … bei uns in Bodenrod der „Steumel“ und die „Sankert“. In Butzbach der Schrenzer und der Marktplatz.

Für diese Reihe empfehle ich …

Zorn: … meinen Neffen Kevin, der nach seiner Lehre als Weltenbummler unterwegs war (z.B. in Neuseeland und Kanada.) und sich seinen Lebensunterhalt und seine Reisekosten immer vor Ort verdient. Er hätte sicher viel zu erzählen. Empfehlenswert wäre aber auch Jutta Schneider, die vielfältig in Butzbach engagiert ist oder jemand von unserer Bodenroder Feuerwehr.

Ich höre immer gern Musik von …

Zorn: …Herbert Grönemeyer oder Reinhard Mey. 

Gute Laune macht mir …

Zorn: … wenn es in der Familie stimmt und harmonisch zugeht. Ist die Familie glücklich, bin ich es auch.

Schade finde ich …

Zorn: …, dass in diesem Jahr unser zentrales und stets bestens besuchtes „Großereignis“, unsere Kirmes, coronabedingt leider ausfallen muss. Umso wichtiger, dass nun zumindest nach und nach wieder das gepflegt werden kann, was uns hier in Bodenrod ausmacht und zusammenschweißt: der persönliche Kontakt untereinander, das Schwätzchen auf der Straße oder auch die Ortsbeiratssitzung im DGH, wenn auch unter Abstandsauflagen. 

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