Trotz Stimmenverlusten weiter mit Veith

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Trotz Stimmenverlusten weiter mit Veith

WIEDEREINZUG CDU-Bundestagsabgeordneter gewinnt Wahlkreis/ Herrmann möchte Argumente hören

Wetteraukreis (jwn). Nach einem sehr langen, aber nicht sehr inhaltsreichen Wahlkampf zur Bundestagswahl haben die beiden großen Volksparteien CDU und SPD die Quittung erhalten. Beide verloren fast erdrutschartig an Stimmen.

Auch im Wahlkreis 177 Wetterau I konnte der bisherige Bundestags-abgeordnete und erneute Kandidat der Wetterauer CDU für das Bundestagsdirektmandat Oswin Veith mit 36,4 Prozent der Erststimmen zwar die Wahl für sich entscheiden. Aber er verlor gegenüber der Bundestagswahl 2013 deutlich an Stimmen. Und zwar fast elf Prozent

Auch seine Herausforderin Natalie Pawlik (SPD) kann mit ihren 29 Prozent nicht zufrieden sein, denn ihrem 14. Platz auf der Landesliste wird sie mit dem Stimmenergebnis ihrer Partei wohl kaum in den Bundestag einziehen können. Paw-lik: „Das Ergebnis für die SPD insgesamt ist schon enttäuschend. Entsetzlich aber finde ich, dass die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzieht. Da müssen wir mehr gegenhalten.“

Über 14 Prozent Stimmenanteil zusammen verloren CDU und SPD. Profitiert haben davon die kleineren Parteien. Vor allem die AfD  kann sich bei ihrem Einzug in den Bundestag über 13,5 Prozent Stimmenanteil freuen. Deshalb ist auch der Jubel in der Wetterauer AfD-Fraktion recht groß, zumal für deren Kandidaten der Einzug in den Bundestag in greifbare Nähe gerückt ist: Klaus Herrmann (Butzbach): „Ich freue mich über das Ergebnis, ärgere mich aber immer noch, dass man uns nicht mit Argumenten entgegentritt, sondern mit Beleidigungen.“

Bereits im Vorfeld war die Zuversicht auf ein gutes Abschneiden der kleineren Parteien bei der Wahl insgesamt recht groß. Denn nachdem das Rennen zwischen den beiden großen Volksparteien nach dem schnellen Abschwellen des Hypes um den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz schon frühzeitig als entschieden angesehen wurde, standen sie im Mittelpunkt des Interesses. Kontinuität oder Protestpartei – das war auch im Wetteraukreis die große Frage. Deshalb war man allseits gespannt auf das Abschneiden der AfD mit dem inzwischen pensionierten Kripobeamten Herrmann an der Spitze. Denn die AfD gilt als typische Protestpartei, der 2015 und 2016 die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung unter Angela Merkel sehr stark zugutegekommen ist. Sie war ziemlich die einzige Partei, die sich offen gegen weitere Flüchtlingsaufnahme ausgesprochen hat. Und das wurde von vielen  Wählern bei ihrer Entscheidung offensichtlich berücksichtigt.

Außerdem stellten fast alle Parteien in dem zurückliegenden Wahlkampf nicht Inhalte in den Mittelpunkt, sondern eher Wohlfühlargumente, ob FDP-Spitzenmann Christian Lindner mit Fünftagebart, SPD-Herausforderer Martin Schulz mit Geschichten aus Würselen oder Angela Merkels Werbung für ein Land, in dem man gut und gern lebt.

Ähnliches passierte auch auf regionalen Ebene. Veith warb mit den Erfolgen der Bundesregierung und in Maßen mit einem „Weiter so“. Paw-lik, die als Sechsjährige mit ihren Eltern von Sibirien nach Deutschland kam, setzte vor allem auf die jungen Wähler und forderte hauptsächlich mehr Chancengleichheit bei der Bildungspolitik. An den beiden Kandidaten wurde auch deutlich, dass eine große Koalition in Berlin mittlerweile ein ungeliebtes Kind ist, denn allzu viel Konsens zwischen den Parteien schadet im allgemeinen dem demokratischen Ringen um den besten Weg.

Auch Peter Heidt, FDP-Spitzenkandidat, warb wenig konkret nur für die Entlastung des Mittelstandes, für die Abschaffung des Solis und die Begrenzung der kalten Progression. Doch besteht bei ihm wegen des guten Abschneidens der FDP die Möglichkeit, mittels Überhang- und Ausgleichsmandate doch noch den Sprung in den Bundestag zu schaffen.

Diese Chance besteht für die 34-jährige Grünen-Kandidatin Kath-rin Anders aus Bad Vilbel, die mit dem Versprechen, das Land gerechter, ökologischer und nachhaltiger gestalten zu wollen angetreten war, nicht mehr. Auch für die  Kandidaten der Linken und der FWG, für den 18-jährigen Schüler Julian Eder und den 35-jährigen Thorsten Schwellnus, stehen die Chancen für einen Umzug nach Berlin gleich Null.

Da die kleineren Parteien alle recht eng zusammen lagen, war die spannendste Frage zum Schluss, wie sie abschneiden werden. Ausschlaggebend waren da wohl die vielen Unentschlossenen. Sie haben mit ihrer Stimme darüber entschieden, wer mit der Union die nächste Regierung bildet. Nach dem vorliegenden Ergebnis kommt jetzt nur noch die Wiederholung der  großen Koalition oder eine „Jamaika“-Koalition aus Union, FDP und Grünen in Frage. Womöglich wird daher die Regierungsbildung nun mindestens so spannend wie die Wahl selber.

BZ-Kommentar

Aussagekraft

Die Freude bei der AfD ist groß. Das Erschrecken bei den anderen Parteien anscheinend aber größer. Auch wenn es zu erwarten war, dass die selbsternannte Alternative zu den bisherigen Bundestagsparteien locker ein zweistelliges Wahlergebnis einfährt, hatten die dagegen arbeitenden Wahlkämpfer keine Rezepte, um dies noch umzubiegen. Immerhin haben 87 Prozent der Wähler aber nicht für die AfD gestimmt. Und bei dieser Wahl liegt ja auch die Beteiligung recht hoch, um die aussagekräftigen 80 Prozent in der Nordwest-Wetterau. Insofern wird man sich in Berlin in das – wenn auch neu sortierte – Parteienspektrum einordnen müssen. Thorsten Grusdat

 

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