Umjubelte Erstaufführung mit dem Konzertchor Butzbach

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Umjubelte Erstaufführung mit dem Konzertchor Butzbach

BUTZBACH. Im krassen Gegensatz zum zeitgenössischen Tango stand die Barockmesse von Johann Adolf Hasse, in der sowohl die Solistinnenals auch Chor und Instrumentalisten unter der Leitung von Andreas Ziegler glänzten. Fotos: Hanna von Prosch

Tango-Messe in Anwesenheit des Komponisten und „Missa Ultima in g“ in der St. Gottfriedskirche

BUTZBACH. Im krassen Gegensatz zum zeitgenössischen Tango stand die Barockmesse von Johann Adolf Hasse, in der sowohl die Solistinnenals auch Chor und Instrumentalisten unter der Leitung von Andreas Ziegler glänzten. Fotos: Hanna von Prosch

BUTZBACH. Es sind die Raritäten, die Musizierenden und Publikum ganz besondere Freude schenken. Die deutsche Erstaufführung der Misa Tango des in Italien lebenden Argentiniers Alberto Bustos mit dem Konzertchor am Sonntag in der Sankt Gottfriedskirche Butzbach war ein solch beglückendes Erlebnis. Als zweites Werk hatte Dirigent Andreas Ziegler die selten aufgeführte Missa Ultima des spätbarocken Komponisten Johann Adolf Hasse gewählt.

Vor knapp zehn Jahren hatte Ziegler Bustos bei einem Konzert mit seinem Schüler-Chor in Perugia kennengelernt. Als er von der Misa Tango hörte, war seine Neugier geweckt. Dieses Werk musste er mit dem Konzertchor aufführen. Bustos war eigens dafür nach Butzbach gekommen. Am Ende sah man einen strahlenden Komponisten, der sich überwältigt für die großartige Aufführung mit dem Cuarteto Todos Vientos und dem Tenor Shawn Mlynek bedankte.

Das Quarteto mit Violine (Claudia Lou Weigand), Bandoneon (Jankoen de Haan), Klavier (Judith Herrmann) und Kontrabass (Tis Marang) führte mit einem Instrumentalstück in die Klang- und Rhythmikwelten des Tangos ein. Einige Teile der zehnsätzigen Messe besang der Tenor ausschließlich mit Vokalmalerei, was eine sehr intime Beziehung zwischen der ärmlichen Welt des Tangos und dem liturgischen Anliegen herstellte. Die rhythmischen und harmonischen Herausforderungen in Candombe, Milonga oder Tango fugato meisterte der Chor mit Bravour. Ein mitreißendes Gloria, das jubelnde Hosanna oder die Trinität des Sanctus im Dreiertakt bewegten das Publikum.

Instrumentale Ruhepunkte setzten Offertorio und Elevacion. Das Unaussprechliche im Messgesang, die Verbreitung des Glaubens, kraftvolle Verheißungen und die Bitte um Frieden finden in dieser Messe gesanglichen Raum. Tenor Mlynek legte sich tief bewegt, fast schmachtend in die Tangorhythmen, war jedoch akustisch kaum zu verstehen. Unbedingt müssen die beiden Sopranistinnen Julia Kopp und Sibylle Kost mit ihren klaren, hellen Stimmen genannt werden, die kurzfristig aus dem Chor heraus Solopartien übernahmen.

Denn wieder einmal hatte Ziegler Pech mit krankheitsbedingten Ausfällen der geplanten Solobesetzung im Alt und Sopran. In der Tangomesse übernahm auch der Tenor ein dem Sopran zugedachtes Solo. In der folgenden Missa Ultima in g von Johann Adolf Hasse sprang zwei Tage zuvor die Altistin Ayano Matsui ein. Erst 20 Stunden vor der Aufführung sah die Sopranistin Naroa Intxausti die Noten ihrer anspruchsvollen Arien zum ersten Mal.


BUTZBACH. Quasi über Nacht sprangen die beiden Chorsängerinnen Julia Kopp und Sibylle Kost in den Solo-Sopranpassagen der Tangomesse ein.

Dass dieser Ersatz zu einem absoluten Glücksfall wurde, war sicher auch der Verbundenheit der beiden Sängerinnen zu verdanken, die sich vom Stadttheater Gießen her kennen. Sie harmonierten wunderbar in Ausdruck und Stimmfärbung. Bedenkt man, dass Hasse diese Messe im Gedenken an seine verstorbene Frau Faustina, eine der besten Sopranistinnen ihrer Zeit, schrieb, wurde Intxausti in ihren Arien nahezu Unmögliches abverlangt. Doch keine Spur davon, dass sie das Werk noch nie gesungen und keine Zeit zum Einstudieren hatte. In seinen kurzen Partien überzeugte Bariton Tomi Wendt mit dunkler Stimmkraft.

Die Missa forderte erneut dem Chor großes Können ab durch sich stets verändernde schnelle Läufe, fast instrumentalen Gesang und stark rhythmische Passagen. Bemerkenswert, dass die Sängerinnen und Sänger eine weitere gute Stunde konzentriert blieben und ihren ausgewogenen Chorklang bewahren konnten.

Das Orchester, die Sinfonietta Frankfurt, trug die Stimmen im überwiegenden forte als auch in den lieblichen Duetten von Alt und Sopran und dem Quartett über insgesamt 16, bisweilen ausgedehnte Teile mit absoluter Souveränität.

Der in Venedig lebende Hasse hatte die Missa ultima hochbetagt in großer Dankbarkeit „seinem“, dem Dresdner Hof gewidmet. An vielen Stellen war diese Dankbarkeit nachvollziehbar.

Der abschließende Applaus würdigte zu Recht alle Mitwirkenden in höchstem Maß, wurden sie doch bis an die Grenzen des Machbaren gefordert. Jedes der beiden Werke hätte gut einen eigenen Konzertnachmittag gefüllt, empfanden doch viele Zuhörende die Länge und Wucht der beiden Werke nacheinander als anstrengend. Gern wäre man beschwingt von den tanzenden Tangoklängen hinaus in den Abend gegangen. Doch die waren dann schon wieder im traditionellen Barock zerronnen. Hanna von

Prosch

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