Unbewiesener Giftmord an Kugelherrn sorgte für Tumulte in Markuskirche

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Unbewiesener Giftmord an Kugelherrn sorgte für Tumulte in Markuskirche

1536 erster evangelischer Pfarrer in Butzbach / Dank an Künstlerkreis für Gemälde

Butzbach (dt). Es gab gleich mehrere Highlights am Dienstagabend in der vollbesetzten Industriehalle im Butzbacher Museum. Einmal vermittelte Museumsleiter Dr. Dieter Wolf mit seinem Vortrag einen detaillierten historischen Überblick über das Reformationsgeschehen insbesondere im heimischen Raum, zum anderen skizzierte Pfarrer i.R. Dieter Bertram auf sehr lebendige Weise – sogar mit stilisierten Hammerschlägen – den Lebensweg des Reformators Martin Luther und gleich beim Eintritt in den Saal wurden die Besucher überrascht von zwei Gemälden zum gesamten Reformationsgeschehen in der Größe von 180 x 160 cm, die sieben Maler des Butzbacher Künstlerkreises in vierwöchiger Arbeit beeindruckend gestaltet hatten.

Pfarrer Bertram begann seinen Vortrag mit drei dumpfen Hammerschlägen, die – obwohl nicht hundertprozentig historisch verbürgt – mit dem 31. Oktober 1517 eine deutsche, europäische, ja weltweite Bedeutung erlangen sollten. Luthers engster Mitarbeiter und Freund Philipp Melanchthon habe als Erster die gesammelten Werke Luthers herausgegeben und darin von dem Anschlag der 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg berichtet. Dies sei seinerzeit keine besondere Angelegenheit gewesen, denn die Kirchentore seien stets von der Obrigkeit als „Schwarzes Brett“ genutzt worden, um den Bürgern Anordnungen bekannt zu geben. In jedem Falle habe Luther seine 95 Vorschläge und kritischen Thesen in einem Brief an Kardinal Albrecht von Brandenburg gesandt. Dies sei ein sehr zurückhaltendes Schreiben gewesen, in dem Luther sich gegen den Missbrauch der Kirche mit den Ablassbriefen gewandt habe. Wie Bertram ausführte, sei es auch heute noch unerklärlich, dass ein solcher Brief am Ende zur weltweiten Spaltung in zwei Konfessionen geführt habe.

Bewundernswert sei die Leistung Luthers, der ohne jegliche Hilfe das Neue Testament in eine neue allgemeinverständliche deutsche Sprache übertragen habe. Bedingt durch die Erfindung des Buchdrucks hätten sich Luthers Texte „rasend schnell“ verbreitet. Bei Luthers Tod 1546 habe eine Zahl von zwei Millionen Druckschriften aus seiner Feder vorgelegen. Doch die Reformation gehe weiter – auch heute noch, gemäß dem im 18. Jahrhundert geprägten Zitat: „Ecclesia semper reformanda“ (Kirche muss stets weiter reformiert werden). Bertram konstatierte abschließend, dass bei der Luther- und Reformationsforschung mittlerweile sehr viel „wissenschaftlicher Fleiß“ geflossen sei.

Museumsleiter Dr. Wolf wies zu Anfang seines Bild-Vortrags auf die „einzigartigen, großartigen Gemälde“ hin, die der Künstlerkreis in konzentrierter vierwöchiger Arbeit erstellt habe und erläuterte die Darstellung (siehe Fotos mit Erläuterungen dort). Martin Luther habe bei der Formulierung seiner 95 Thesen in lateinischer Sprache die Tragweite seiner kritischen Gedanken und Anmerkungen nicht wirklich erkannt. Sein Ziel sei eine Erneuerung der einen katholischen Kirche gewesen und keinesfalls eine Kirchenspaltung. Am Ende sei der Reformator unfreiwillig zu einem „Medienstar“ geworden, auch wenn er in den Bauernkriegen eine kritikwürdige Rolle gespielt habe.

Ausführlich ging Dr. Wolf dann auf das Reformationsgeschehen in Butzbach im 16.Jahrhundert ein. Seit 1468 habe in Butzbach eine klosterähnliche Niederlassung der „Brüder vom gemeinsamen Leben“, der „Kugelherren“, bestanden unter Leitung des ab 1469 in Butzbach lebenden Gabriel Biel, der „der letzte große Theologe vor der Reformation“ gewesen sei; auch Luther habe die Schriften Gabriel Biels studiert. Die Gemeinschaft der Kugelherren habe die Markuskirche ausgebaut und rund um sie vom Griedeler Tor bis zur Korngasse einen festumrissenen Bezirk – mit der Nutzung von zwei Pfarrhäusern – angelegt und betrieben. Gesonderte Privilegien und Steuerfreiheit hätten ihren Reichtum begründet.

 In der Folge der Reformation seien dann in den 1520er- und 1530er-Jahren unruhige Zeiten auch über die Stadt Butzbach gekommen, wo das aufblühende Handwerk, der Woll- und Tuchhandel und die Färberei für Wohlstand gesorgt hätten. Zunächst habe der Mit-Stadtherr Landgraf Philipp von Hessen die evangelische Predigt im Stadtbereich verboten. Da somit keine Kirche dazu geöffnet wurde, predigte der Sohn eines hohen Beamten, Kaspar Göbel/Wenings von einem hohen Baum am Griedeler Tor im Sinne Luthers.

Dr. Wolf präsentierte in seinem Vortrag eine Fülle von Material, aus dem hervorging, dass der Ablass seit dem 14. Jahrhundert in Butzbach nachgewiesen wurde. 1502 habe sich der päpstliche Generallegat Raimund Peraudi eine Woche in Butzbach aufgehalten und den Ablass propagiert; später sei Peraudi von höchster Stelle sanktioniert worden, da er sich an einem Teil der Einnahmen persönlich bereichert habe. Luthers Kritik am Ablass habe ihn 1521 bis zum Reichstag nach Worms geführt; die Fakten seien bekannt. Auf dem Rückweg von Worms sei Luther allerdings nicht durch Butzbach gekommen, sondern habe den Weg durch die westliche Wetterau genommen.

Große Unruhe habe es unter den Butzbacher Kugelherren gegeben, denn früh habe ein Teil von ihnen das reformatorische Gedankengut unterstützt, während ein anderer Teil „altkatholisch“ bleiben wollte. Wohl mit Erlaubnis der Stiftsherren habe der langjährige Kugelherr Heinrich Rockenberger 1529 im Sinne Luthers gepredigt und sei danach plötzlich verstorben. Schnell machte die Vermutung eines Giftmordes die Runde und sorgte selbst noch bei der Aufbahrung und Trauerfeier in der Markuskirche für heftige Tumulte. Es gab sogar einen Prozess, der jedoch keine wirkliche Aufklärung der Vorgänge gebracht habe.

Landgraf Philipp der Großmütige habe 1527 schließlich in der Landgrafschaft Hessen die Reformation eingeführt. 1536 sei mit „Niclas Detelbach predicant zu Butzpach“ offiziell der erste evangelische Prediger beauftragt worden. Chor und Stadtkirche wurden zeitweise abgetrennt – im Chor feierten die katholisch gebliebenen Kugelherren ihre Messe, im Kirchenschiff die „reformierten“. 1555 habe mit dem Tod des letzten Kugelherrn deren Gemeinschaft in Butzbach geendet. Im ersten Butzbacher Kirchenbuch von 1560 seien die Vorgänge dokumentiert. Zu Gedenktagen habe 1617 Landgraf Philipp eine Kanzel für die Butzbacher Kirche gestiftet, 1817 sei für den „Nationalhelden“ Martin Luther am Schrenzer ein „Lutherhain“ angelegt worden und 1917 – mitten im Ersten Weltkrieg – habe man eine „Lutherlinde“ im Kirchhof gepflanzt.

 

Holde Stubenrauch (Konzeption und Malerei), Renate Radermacher-Nick (federführend in Malerei und Ausführung), Monika Philipp, Gabi Janovich, Gaby Kruschke, Karin Scholl und Armin Debus hatten in 140 Arbeitsstunden zwei Gemälde in der Größe von 160 x 180 cm zu den Vorträgen im Museum erstellt. Unterstützt wurden sie dabei von Wolfgang Meckel, Bruni Pitzinger und Otti Schrage.

Last Updated on 2. November 2018 by Simone Jüngel

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