„Verfolgung und Morde nie vergessen“

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„Verfolgung und Morde nie vergessen“

BUTZBACH. Der frühere Ortsvorsteher der Kernstadt Butzbach, Fritz Grimminger, reinigte Stolpersteine gegen das Vergessen. 

Fritz Grimminger reinigt Stolpersteine in Butzbach / Folgen der Reichspogromnacht als Fünfjähriger erlebt

BUTZBACH (pi). „Die Verfolgung und Ermordung unschuldiger Butzbacher Bürger darf niemals vergessen werden!“ Das sagte Fritz Grimminger als SPD-Vertreter im Jahr 2008, als er für die Verlegung von Stolpersteinen in Butzbach als Zeichen der Erinnerung warb. Als Zeitzeuge aus der Zeit des Holocaust hat Grimminger nun Stolpersteine in der Stadt gereinigt und erinnert in der BZ unter anderem an die Pogromnacht 1938. 

„Die Stolperstein-Reinigung ist ein bescheidener Versuch, ein Zeichen zu setzen gegen den wieder aufkeimenden Antisemitismus und Rassenwahn in unserer demokratischen Gesellschaft, aber auch den antisemitischen und rassistischen Unrat im eigenen Kopf zu bewältigen“, erklärt Grimminger. Zugleich soll die Aktion auch als ein Appell an die Jüngeren verstanden werden, niemals mehr Nationalisten und Rassisten in Wahlen an die Macht kommen zu lassen. „Es ist schon schlimm genug, dass ein prominenter Vertreter einer alternativen Gruppierung den Nationalismus und industriellen Massenmord als Vogelschiss in der deutschen Geschichte ungestraft bezeichnen darf“, erklärt der Butzbacher.

Grimminger wurde im Jahr 1933 geboren, war also am 9. November 1938 fünf Jahre alt und am Kriegsende, 8. Mai 1945, noch nicht zwölf Jahre alt. Bis zu seinem achten Lebensjahr lebte er in Frankfurt im großelterlichen Haus.

Im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht erinnert er sich an einen Spaziergang mit seinem Vater über die Zeil zum Café Hauptwache in Frankfurt: „Überall in den Eingängen der großen Geschäfte lagen zusammengekehrte Schaufensterscheiben. Auf meine Fragen antwortete mein Vater mir nicht.“

Eines Tages ging ich mit meinen Großeltern durch eine Anlage. „Wir überholten auffällige, schwarz gekleidete Frauen, die sich leise unterhielten. Ich fragte meine Großmutter: ‚Was sind das für Leute?‘ – ‚Mit denen darf man nicht reden!‘, bekam ich als Antwort. Es waren – wie ich später erfuhr – jüdische Frauen.“

Grimmingers Großmutter litt an Anämie und bekam regelmäßig eine Spritze von einem Arzt, der ins Haus kam. Eines Tages verabschiedete er sich mit den Worten: „Ich darf Sie nun nicht mehr behandeln.“ Erst „Jahrzehnte später erfuhr ich die politischen und grausamen Zusammenhänge“.

Im Jahr 1942 „kam ich zu meinen Großeltern väterlicherseits nach Peine auf einen Bauernhof. Dort wurde ich in das Jungvolk eingezogen. Von Schule und Jungvolk wurde ich – wie alle Kinder – im nationalsozialistischen Sinn beeinflusst. Deshalb war ich natürlich ein überzeugter Hitlerverehrer“, bekennt Grimminger. „Es war Krieg. Von den nationalsozialistischen Gräueltaten wusste ich nichts. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ließ mich ein bei einer alten Nachbarin einquartierter amerikanischer Offizier zu sich rufen und befragte mich nach meinen Einstellungen und ich vertrat stolz das Hitlerregime. Am Ende zog er aus seiner Brieftasche ein paar Bilder von Leichenbergen in Bergen-Belsen. Meine Antwort: ‚Wenn Hitler das gewusst hätte, hätte er das verhindert.‘“

Erst während des Studiums von 1958 bis 1963 habe er begonnen, diesen Abschnitt der deutschen Geschichte aufzuarbeiten. „Auf dem Gymnasium hatte ich kein Wort dazu erfahren.“ Die ersten und wichtigsten Abhandlungen zu der Thematik der industriellen Vernichtung von Menschen, vor allem von Juden seien für ihn Kogons „Der SS-Staat“ und Mitscherlichs „Medizin ohne Menschlichkeit“ gewesen. 

„Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen: Mit meiner Familie und mit meinen Schülern besuchte ich mehrere Konzentrationslager, um mir ein Bild vor Ort zu machen und den Ermordeten meine Ehre zu erweisen; Dachau, Bergen-Belsen, Ravensbrück, Buchenwald, manche mehrmals. Von Buchenwald war ich so erschüttert, dass ich es mir nicht mehr zutraute, Auschwitz zu besuchen“, berichtet Grimminger.

„Die Stolpersteine sind meiner Meinung nach ein hervorragendes Mittel, die Erinnerung an die geschändeten Butzbacher Bürger nachhaltig wach zu halten und darüber hinaus unsere Abwehrkräfte gegen totalitäre Gesinnung zu stärken“, sagte Grimminger 2008. „Ich glaube, dass wir damit einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, den guten Namen Butzbachs und seiner Stadtteile zu festigen und ein unübersehbares Zeichen gegen das Aufkeimen neonazistischer Aktivitäten in unserer von friedlicher und demokratischer Tradition geprägten Stadt setzen zu können.“ 

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