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„Vom Antisemitismus infiziert“

BUTZBACH. Die Zeitzeugen hatten in der ersten Reihe Platz genommen und berichteten aus eigenem Erleben über das Geschehen des Zweiten Weltkrieges in Butzbach. Anlässlich des 80. Jahrestags des Kriegsbeginns fand am Sonntagnachmittag eine Veranstaltung im Museum statt. Text + Foto: dt

ZEITZEUGEN – Erinnerungen an Kriegsbeginn vor 80 Jahren und Kriegsauswirkungen in Butzbach 

BUTZBACH (dt). Es mussten noch zusätzlich Sitzgelegenheiten herbeigeschafft werden. So unerwartet groß war die Zahl der Zuhörer am Sonntagnachmittag in der Industriehalle des Butzbacher Museums, als im Rahmen eines Bild-Vortrags von Museumsleiter Dr. Dieter Wolf über den Verlauf und die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs heimische Zeit- und Augenzeugen – über zwei Stunden lang – von ihren Erlebnissen zu Kriegszeiten in Butzbach berichteten. Anlass für die Veranstaltung war die Erinnerung an den Beginn des Krieges am 1. September 1939 – vor 80 Jahren.  

Bürgermeister Michael Merle hatte von Seiten des Magistrats Dr. Wolf für die Organisation und sein Engagement gedankt und gleichzeitig festgestellt, dass solche Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen notwendig seien, um einer um sich greifenden „Geschichtsdemenz“ und Geschichtsvergessenheit entgegenzuwirken. Authentisch, hautnah, gesehen mit Kinderaugen erfuhren die Zuhörer von den Zeitzeugen vom Kriegsgeschehen in der Stadt. Wolfs Vortrag – unter anderem auch mit Bildern aus privaten Fotoalben – wurde immer wieder direkt ergänzt von jenen, die aus eigenem Erleben erzählen konnten. „Wir waren kleine Jungen, wir waren kleine Bestien“, stellte Zeitzeuge Günter Simon fest, als er sich an die eigene kindliche Kriegsbegeisterung im Zusammenhang mit den ersten eintreffenden Siegesmeldungen erinnerte.  

Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags waren Deutschland während der Zeit der Weimarer Republik ganz enge Grenzen gesetzt worden hinsichtlich einer eigenen militärischen Bewaffnung. Erst 1935, so Wolf, sei Butzbach wieder Garnisonsstadt geworden mit Soldaten in der Schlosskaserne und in Baracken am Schrenzer, der späteren Schrenzer-Kaserne. Zeitgenössische Fotoaufnahmen von SA-Aufmärschen 1938 in der Bismarckstraße und 1939 in der Taunusstraße, die in „Hindenburgallee“ umbenannt worden war, legten Zeugnis ab von der Machtergreifung der Nationalsozialisten auch in Butzbach. 

Gertrud Ebner von Eschenbach erzählte vom letzten Abtransport jüdischer Mitbürger, die sich am 14. September 1942 am Viehmarktplatz einfinden mussten, und danach auf offenen Lastwagen nach Friedberg in die Augustinerschule und weiter unter anderem nach Theresienstadt und in die Vernichtungslager gebracht worden seien. „Die Menschen waren vom Antisemitismus infiziert, es war wie ein Gift“, stellte Günter Simon fest. 

Weitere Ergänzungen zu Einzeldetails machten Bodo Heil und weitere Zeitzeugen. Mit musikalischer Begleitung und großer Begeisterung seien die jungen Soldaten am Bahnhof verabschiedet worden. Das Alltagsleben in Butzbach sei danach zunehmend vom Kriegsgeschehen beeinträchtigt gewesen. Frauen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene mussten die Arbeitsplätze der eingezogenen Männer übernehmen. Die Wochenschauen hätten Kriegsgefangene in der Weise gezeigt, dass sie nur „Untermenschen“ seien, die jetzt für das deutsche Volk arbeiten müssten.  

Im Rahmen der Kriegsbewirtschaftung wurden Karten zum Bezug von Brot, Mehl, Fleisch, Fett, Schuhen und Bekleidung eingeführt. Dazu sei die „Kellerwirtschaft“ gekommen, jedes Stück Garten wurde nutzbringend verwendet für den Anbau von Kartoffeln, Gemüse und Obst. Zu Propagandazwecken habe in der Schlosskaserne für die Öffentlichkeit 1943 ein „Tag der Wehrmacht“ stattgefunden. Wolf betonte, dass der Schrecken des Krieges sich vielen Butzbachern erst an der Front gezeigt habe, mit der steigenden Zahl der Gefallenen und dann in der Heimat bei den feindlichen Bombenabwürfen über der Stadt. „Die ersten Bomben auf Butzbach fielen am Totensonntag, dem 26. November 1944, töteten 43 Menschen und zerstörten 33 Häuser total und 15 schwer,“ unterstrich Wolf. Weitere zerstörerische Angriffe auf Butzbach seien am 22. Februar und 9. März 1945 erfolgt. Zwischenzeitlich wurden Weidigschüler als Flakhelfer eingesetzt.

Am 11. März erfolgte der Aufruf zum Volkssturm. „Greise und HJ-Buben“ seien als letztes Aufgebot an der Panzerfaust ausgebildet und „zum Bau von Panzersperren“ eingesetzt worden – unter anderem in der Hoch-Weiseler Straße,  informierte Wolf. Vom Einmarsch der Amerikaner nach Butzbach am 29. März 1945, der über die Hoch-Weiseler Straße erfolgte, weil die Weiseler Straße wegen der Bombenabwürfe verschüttet gewesen sei, sei kein Filmmaterial vorhanden, stellte Wolf fest. Er zeigte stellvertretend eine Filmsequenz über den Einzug der amerikanischen Panzer in Lich. Die NS-Größen der Stadt Butzbach seien zuvor geflohen. Die Butzbacher Bevölkerung hätte sich  in Sorge vor den Amerikanern in die Nachbardörfer und den Wald geflüchtet. Eine konspirative „Widerstandsgruppe“, die sich rund um den Arzt Dr. Mansfeld, Erich Melchior und Bruno Wittig in Butzbach gebildet hatte, trug dazu bei, dass die Stadt Butzbach kampflos und ohne Blutvergießen an die Amerikaner übergeben wurde.

     

            

Last Updated on 8. September 2019 by Simone Jüngel

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