Vor 170 Jahren Revolution in Butzbach

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Vor 170 Jahren Revolution in Butzbach

Der deutsche Michel wird zur politischen Figur. Unter den Karikaturen taucht häufig die Figur des „deutschen Michels" auf. Der deutsche Michel gilt seit dem 16. Jahrhundert als bäuerisch-derbe, mit Kniehosen und einer Zipfelmütze bekleidete Symbolfigur des einfältigen und gutmütigen Deutschen. Zu einer politischen Figur wird der deutsche Michel aber erst im Vormärz, seit etwa 1840, um von nun an im Zentrum politischer Auseinandersetzungen zu stehen.

Graphiksammlung von A.W. Heil ist in Sonderausstellung im Museum zu sehen

BUTBZBACH (dt). Eine – trotz tropischer Temperaturen – recht ansehnliche Anzahl an Besuchern und Zuhörern war am Dienstagabend zur Eröffnung der Ausstellung zur Graphiksammlung A.W.Heil ins Butzbacher Museum gekommen. Nach der einleitenden Begrüßung von Museumsleiter Dr. Dieter Wolf gab die stellvertretende Museumsleiterin Antje Sauerbier mit fachkundigen Erläuterungen einen Einblick in die neue Sonderausstellung im Museum. „Mit mehr als 1000 Druckgraphiken zur Vormärzzeit und zur deutschen Revolution 1848/49 gilt die Sammlung als eine der größten und gleichsam wichtigsten ihrer Art,“ unterstrich Sauerbier. Die Butzbacher Ausstellung könne dazu nur eine kleine Auswahl präsentieren. 

In seiner Begrüßung verwies Dr. Wolf auf die verpflichtende Butzbacher Tradition im Sinne Friedrich Ludwig Weidigs, eine solche Ausstellung zu initiieren. Das Revolutionsjahr 1848 sei für das heimische Museum ein „Dauerbrenner“. Die private Graphiksammlung von A.W. Heil habe die Stadt Butzbach 1989 mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse Wetterau und der Hessischen Kulturstiftung von den Enkeln des Bäckers, Nudelfabrikanten und Politikers A.W. Heil erworben. 

In ihren anschließenden detaillierten Erläuterungen rückte Antje Sauerbier zwei Themenbereiche in den Fokus. Einmal gehe es um die historischen Fakten des Revolutionsgeschehens im damaligen Deutschland von 1848/49 und zum anderen – „mit einer Portion Lokalstolz“ – um die Bedeutung und den Umfang der Sammlung von Alexander Wilhelm Heil. Diese enthalte zum einen „nüchtern-sachliche Portraitdarstellungen der damaligen Protagonisten aus dem politischen Tagesgeschehen“ und zum anderen „eine Fülle von Ereignis- und Erinnerungsbildern mit dokumentarischem Charakter.“ 

BUTZBACH. Die stellvertretende Museumsleiterin Antje Sauerbier gab vor der Ausstellungseröffnung den Besuchern zur „Sammlung A. W. Heil“ detaillierte Erläuterungen und einen historischen Überblick über das Geschehen von
170 Jahren. Text + Fotos: dt

Daneben gebe es die Karikaturen, die schon damals ein beliebtes Mittel gewesen seien, um „die Regierungsarbeit auf die Schippe zu nehmen, humoristisch zu kommentieren und bisweilen spöttisch und boshaft zu kommentieren.“ In der internationalen Fachwelt gelte die Butzbacher Bibliotheks- und Graphiksammlung als „eine der bedeutendsten Bestände politischer Druckgrafik zum deutschen Vormärz und zur Revolution 1848/49.“  

Sauerbier gab den eindringlichen Rat, dass sich die Besucher der Ausstellung die gezeigten Exponate nicht nur im Vorbeigehen anschauen sollten, sondern sie müssten sich „mit diesen Graphiken auseinandersetzen, um ihren Inhalt und den oft beißenden Hintersinn zu erfassen.“ Dazu gebe es in der Ausstellung „Schützenhilfe“ in der Form von textlichen Erläuterungen und zur jeder Graphik eine Erklärung. Karikaturen damals und heute seien nicht dasselbe. Die einfachen Leute seinerzeit hätten meist weder lesen noch schreiben können und seien politisch wenig interessiert oder gar engagiert gewesen. Die Karikaturen hätten sich somit eher an das halbwegs „aufgeklärte“ Bildungsbürgertum gerichtet. 

Während man heute eine politische Karikatur in der Zeitung überfliege und bestenfalls darüber einmal kurz schmunzele, sei die Karikatur damals eine „Bildinformation mit vielen kleine versteckten Botschaften“ gewesen, mit der sich der Betrachter wirklich beschäftigt habe. Solche Karikaturen seien als lose Blätter verkauft oder der Zeitung beigelegt worden. Die Satire sei heute ein erlaubtes, legales Mittel, um das politische Tagesgeschehen und die Regierungsarbeit kritisch begleitend zu kommentieren. Was heute als selbstverständlich erscheine, so Sauerbier, sei zu Zeiten des Vormärz – vom Wiener Kongress 1815 bis zum Ausbruch der Revolution 1848 – verboten und gefährlich gewesen, sei von der Obrigkeit als „Demagogie“ und Volksverhetzung verfolgt und geahndet worden. 

Erst die von den Aufständischen geforderte – und zur Besänftigung der Unruhen erfolgte – Aufhebung der Pressezensur brachte neue Freiheit und eine Flut von neuen Presseerzeugnissen. Davon sei leider nur wenig überliefert, darum sei eben die Sammlung A.W. Heil etwas ganz Besonderes, die nun bis zum 26. August im Museum zu sehen sei. Heil habe sich früh und intensiv mit Leben und Wirken Friedrich Ludwig Weidigs beschäftigt und sich für die „politisch fortschrittlichen Ideen im Vormärz und der Paulskirchendemokratie“ begeistert. 

Damals wie heute, so Sauerbier, stehe Butzbach mit dem überzeugten Verfechter der Freiheit Friedrich Ludwig Weidig – von Beginn der demokratischen Bestrebungen in Deutschland an – im Mittelpunkt des oppositionellen Aufbegehrens. „Hier in Oberhessen wurzelt geographisch das frühe Demokratiebewusstsein und in der druckgraphischen Sammlung A.W. Heil findet eben diese Epoche – heute – ihren bildlichen Niederschlag.“ 

Im Anschluss gab Antje Sauerbier einen kurzen historischen Überblick über das Revolutionsgeschehen vor 170 Jahren, an dessen Ende mit der Auflösung des Frankfurter Paulskirchenparlaments die Gegenrevolution gesiegt habe. Preußen, Österreich und die meisten deutschen Kleinstaaten hätten sich wieder etablieren und das alte System erneut festigen können. Dennoch könne man festhalten, dass das heutige Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in wesentlichen Zügen Bestandteile der damals formulierten Richtsätze enthalte. Ehe Bürgermeister Michael Merle im Anschluss die Ausstellung eröffnete, wies Antje Sauerbier auf die weiteren Vorträge und Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung hin. 

Robert Blum war als Führer der gemäßigten Linken auf Grund seiner auffälligen Erscheinung (untersetzte Figur, Stupsnase, Bart) eine beliebte Zielscheibe des Spotts linker Abgeordneter. Der Zeichner Boddien verhöhnt 1848 Blum als „Genius der Wahrheit“ und zeigt ihn entsprechend als geflügelten Genius mit der Fackel der Aufklärung in der einen und dem Spiegel der Wahrheit in der anderen Hand. Bekleidet ist Bl_um mit einem Schurz, bestehend aus verschiedenen Reichstagszeitungen, deren Mitherausgeber er war. 

BUTZBACH. Revolutionäre Vollversammlung Bewaffneter auf dem Butzbacher Marktplatz 1848. 

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