„Wegen Mutante längere Quarantäne“

Hausärzte warnen: Corona-Lage schlimmer als viele glauben möchten
19. März 2021
Stadt Butzbach investiert weiter in die Umgestaltung ihrer Friedhöfe
20. März 2021

„Wegen Mutante längere Quarantäne“

Wetterauer Gesundheitsamt und Landrat Weckler in Videokonferenz im Gespräch mit Hausärzten (Teil 2)

WETTERAUKREIS (pdw). In  einer Videokonferenz diskutierten Landrat Jan Weckler und Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs mit Vertretern der Wetterauer Hausärzteschaft unter anderem über das Thema Corona-Tests. 

Dr. Wolfgang Pilz, Hausarzt in Friedberg-Ockstadt, hält die Öffnung von Schulen und Kitas für einen großen Fehler. „Aus meiner eigenen Praxis weiß ich, dass die Patientinnen und Patienten immer jünger werden und die ganze Familie anstecken. Um die weitere Verbreitung zu verhindern, brauchen wir einen Schnitt, indem wir alle Kitas und Schulen schließen. In einem Monat werden wir damit hadern, dass wir heute nicht umgesteuert haben. Für uns Hausärzte ist es eine große Herausforderung, nicht nur zusätzlich zu impfen, sondern auch die nächste Welle abzuarbeiten. Denn die meisten Kranken werden nicht im Krankenhaus versorgt, sondern von uns niedergelassenen Ärzten.“ Der Mediziner wünscht sich außerdem eine Ausweitung der Testcenter, analog dem Beispiel der Stadt Bad Nauheim.  

Was die kostenlosen Tests angeht, so gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Apotheken, die sie anbieten. Eine Liste gibt es im Internet unter www.wetteraukreis.de, Stichwort: Kostenlose Corona-Tests. Auch eine Drogeriemarktkette hat mit Planungen begonnen, um Stationen für Bürgertests einzurichten. 

Was die Tests angeht, so steht das mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gemeinsam betriebene Testcenter in Reichelsheim an der Auslastungsgrenze. Dort wurden am vergangenen Dienstag, in der Zeit von 13 bis 15 Uhr, 75 Tests vorgenommen. Merbs bedauert die neue Regelung in Hessen, nach der ein positiver Schnelltest nur zur Quarantäne der Testperson führt. Bis zur Bestätigung durch den PCR-Test bleiben die anderen Mitglieder des Hausstandes von der Quarantäne ausgenommen: „Da die meisten positiven Schnelltests sich im PCR-Test bestätigen, halte ich das für eine falsche Entscheidung.“ 

War es früher üblich, dass bei einem Corona-Schnelltest auch die anderen Mitglieder des Hausstandes in Quarantäne gehen, so bedarf es jetzt einer Bestätigung durch einen PCR-Test. „Das führt dann dazu, dass die anderen Familienangehörigen weiter in die Schule, zur Arbeit oder in den Kindergarten gehen und dabei ansteckungsfähig sind. Gerade bei der britischen Mutante ist das hochgefährlich, zumal man davon ausgehen kann, wenn ein Familienmitglied es hat, die anderen fast sicher ebenfalls angesteckt werden“, sagt Merbs.

„Die Qualität der Schnelltests ist sehr differenziert zu beurteilen. Ein negativer Test kann vieles bedeuten, zum Beispiel, dass nicht richtig abgestrichen worden ist oder dass in einer frühen Phase noch nicht genügend Viren auf der Schleimhaut zu finden sind. Ein positiver Test hingegen wird fast immer vom PCR-Test verifiziert.“

Die Tatsache, dass die Mutante länger auf der Schleimhaut nachzuweisen ist, spräche auch dafür, die Quarantänezeiten zu verlängern. Dass nach 14 Tagen Quarantäne immer noch das Virus auf der Schleimhaut nachweisbar ist, sei früher ganz selten der Fall gewesen. „Kinder und Jugendliche haben es mit ihrem Immunsystem immer schnell geschafft, das Virus zu bekämpfen. Innerhalb weniger Tage war es dann schon nicht mehr nachweisbar. Deshalb hat man auch nicht allzu viele positive Befunde gehabt. Denn wenn sie nicht exakt den richtigen Zeitpunkt für den Abstrich gefunden haben, war das Virus schon nicht mehr nachweisbar, obwohl die Kinder es hatten. Das wissen wir aus den Antiköper-Studien“, so Merbs. Nun müsse die grundsätzliche Quarantänedauer bei einem positiven Testergebnis einheitlich auf drei Wochen angehoben werden.

Das Thema Schulöffnung kommt immer wieder zur Sprache. Gerade im Hinblick auf die Mutante B.1.1.7. sei es heute nicht mehr verantwortbar, Sportunterricht mit Körperkontakt und ohne Maske zuzulassen. „Da reicht schon eine kurze Begegnung, um das Virus weiterzugeben“, unterstreicht Marc de Groote die Ansteckungsfähigkeit des Virus. Deshalb müssten, wenn schon Schule stattfindet, die Regeln zu Masken, Abstand und Hygiene konsequent und von allen durchgehend eingehalten werden. 

Den Vorschlag des Landes gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen zunächst einmal mit 50 Testpraxen zu beginnen, die den Impfstoff an ihre Patientinnen und Patienten verimpfen, hält Pilz für an der Sache vorbei. „Was wir brauchen ist die Einbindung aller niedergelassenen Ärzte in die Impfaktion, damit möglichst schnell geimpft wird.“

Zudem fordert der Mediziner eine „extreme Entbürokratisierung“ der Impfung, womit er auf Zustimmung seiner medizinischen Kollegen stößt, die den mit der Impfung verbundenen Aufwand für überzogen halten. 

Dr. Michael Linn spricht dem Wetteraukreis ein großes Lob aus. Das Gesundheitsamt habe unter Leitung von Dr. Reinhold Merbs ein intensives Vertrauensverhältnis zu den Hausärzten im Wetteraukreis aufgebaut. „Hier wird mit den Fachleuten zusammen an der Bewältigung der Krise gearbeitet und nicht vom grünen Tisch aus.“ Auch über weitere Perspektiven der Impfung sprachen die Mediziner. (Weiterer Bericht folgt.)

Es können keine Kommentare abgegeben werden.