Weidigs Schüler gehörten zu den „bestgestählten Demokraten“ in Hessen

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Weidigs Schüler gehörten zu den „bestgestählten Demokraten“ in Hessen

Foto: dreut

Vortrag von Dr. Dieter Wolf zum Revolutionsgeschehen 1848 in Butzbach

Butzbach (dt). Die Mehrzahl der Schüler des Butzbacher Lehrers Friedrich Ludwig Weidig gehörte zu „den bestgestählten Demokraten“ im Hessenland. So lautete das Urteil des hessischen „Demagogen“ des Vormärz und Demokraten des Paulskirchenparlaments Wilhelm Schulz. „Und diese Einschätzung trifft sicherlich zu,“ betonte Museumsleiter und Historiker Dr. Dieter Wolf am Dienstagabend in seinem Bildvortrag „Revolutionsgeschehen 1848/49 in Butzbach und anderswo“ im Rahmen der noch bis zum 26. August im Museum stattfindenden Ausstellung zur Sammlung der Graphiken von A.W.Heil. Trotz tropischer Temperaturen „am heißesten Tag des Jahres“ war eine ansehnliche Zuhörerzahl zu diesem Vortrag in den Industriesaal des Museums gekommen. 

Im März 1848, vor 170 Jahren, ging ein Aufbegehren nach mehr Freiheit wie ein Sturm durch Europa. Die Menschen waren nicht mehr bereit, weiterhin rechtlos unter aus dem Mittelalter überkommenen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen zu leben. Ihr Ziel war ein besseres, freieres Leben in Frieden, Demokratie und Wohlstand. Da dies nicht auf parlamentarischem oder anderem „legal-gesetzlichen“ Weg zu erreichen war, kam es 1848/49 zu „politisch umwälzenden Ereignissen“, wie Dr. Wolf feststellte. 

Den Fokus richtete der Referent dabei auf die Ereignisse in Butzbach. Hier ging – wenn man es so bezeichnen will – die Saat des 1837 im Gefängnis gefolterten und verstorbenen Butzbacher Lehrers Dr. Friedrich Ludwig Weidig auf. „Bekanntlich waren es hier vor allem Weidigs ehemalige Schüler, die die Verpflichtung zum politischen Kampf für die Demokratie schon auf der Schulbank eingeimpft bekommen hatten und in einem System der Unfreiheit nur auf den Tag hin arbeiteten, an dem endlich die ersehnte Freiheit für alle in Demokratie und Freiheit errungen werden konnte,“ unterstrich Dr. Wolf, der ergänzte: „Der Traum von Freiheit war den jungen Leuten in Butzbach von ihrem Lehrer in den Kopf gesetzt worden.“     

 Weidig war als Kind 1803 nach Butzbach gekommen und hatte schon seit 1819 als Widerständler im Fadenkreuz der politischen Polizei des Deutschen Bundes gestanden, weil er – quasi als „Networker“ und Organisationstalent – zu den führenden Köpfen der oberhessischen Oppositionsbewegung gehörte. „Er kämpfte unter anderem für die Einführung einer hessischen Verfassung und gehörte zeitlebens zu den Aufrührern, die von der Obrigkeit argwöhnisch beobachtet wurden, zu den sogenannten Demagogen,“ konstatierte der Referent. 

Unter Weidigs Einfluss war in der seinerzeit kleinen Ackerbürger-, Handwerker- und Gewerbestadt ein „politisch interessierter, kenntnisreicher und versierter Schülerkreis entstanden, der in Zeiten allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs einen außergewöhnlich hohen Bildungsstand erreicht“ hatte, betonte Historiker Dr. Wolf. Der Konrektor und Rektor Dr. Friedrich Ludwig Weidig hatte von 1812 bis 1834 als Theologe, Turner, Demokrat und Pädagoge in Butzbach gewirkt, ehe er im Jahr 1834 von den großherzoglich-hessischen Behörden als Pfarrer in das entlegene Vogelsbergdorf Obergleen zwangsversetzt worden war. Man wollte ihn als bekannten Oppositionellen und „Demagogen“ politisch unschädlich machen. 1814 hatte Weidig auf dem Schrenzer den ersten hessischen Turnplatz eingerichtet und wollte hier seine Schüler, die ihn verehrten, zu wehrhaften deutschen Männern erziehen. Dieses „politische Turnen“ wurde von der Obrigkeit argwöhnisch beobachtet und schließlich verboten. Weidigs Schülerkreis sei im Vormärz – den Jahren vor der Märzrevolution von 1848 – ein reger, von den Behörden misstrauisch beäugter und schließlich verbotener Zirkel gewesen.  Weidig stand daneben in Verbindung und Austausch mit den südwestdeutschen Gesinnungsgenossen, war mit Wegbereiter des 1832 stattfindenden Hambacher Festes, einer Großkundgebung und Protestveranstaltung auf dem Hambacher Schloss von Menschen, die – erstmals mit den Farben Schwarz-Rot-Gold als Symbol der Oppositionsbewegung auftretend – für die nationale Einheit, Freiheit und Volkssouveränität eintraten und kämpfen wollten. 

Im Jahre 1833 bereiteten ehemalige Schüler Weidigs, ihm nahestehende Studenten und Handwerker den „Frankfurter Wachensturm“ vor, der jedoch scheiterte. 1834 verfasste Weidig gemeinsam mit dem Gießener Medizinstudenten und späteren Schriftsteller Georg Büchner die revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“, deren Verbreitung im Lande zwar zum Teil an einem Verrat scheiterte, die aber bis heute in ihrer großen Bedeutung in der gesamten Welt bekannt ist.       

1835 wurde Weidig verhaftet und ins Gefängnis nach Darmstadt gerbracht, wo er – in Isolationshaft unter psychischem und physischem Druck und der Folter – am 23. Februar 1837 Suizid beging. „Der Suizid Weidigs im Kerker war für die Oppositionellen ein von der verhassten Obrigkeit durchgeführter Mord,“ stellte Dr. Wolf fest. 

Im Weiteren ging der Referent auf das revolutionäre Geschehen im gesamten Land ein und erinnerte unter anderem im Besonderen an den Leipziger Demokraten und Publizisten Robert Blum. Dieser hatte als beliebter, volkstümlicher Führer der Linken im Paulskirchen-Parlament eine umfassende Abhandlung zu den Umständen um Weidigs Tod drucken lassen, war danach als Botschafter seiner Fraktion in das umkämpfte, revolutionäre Wien gegangen, wo er – als später so bezeichneter „Märtyrer der Freiheit“ – am 9. November 1848 standrechtlich erschossen worden war. 

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