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„Wird es gelingen?“

BUTZBACH. Nuha Askar schreibt unter anderem in ihrem Blog www.nuhaaskar.com. Sie promoviert derzeit in englischer Literatur und Kultur. Foto: thg

Alltagssorgen und Integration als Thema / Aus Syrien geflüchtete Autorin Nuha Askar lebt in Butzbach

BUTZBACH. Nuha Askar kam im Jahr 2015 mit ihren beiden Kindern aus Syrien in die Wetterau, wo sie dann ihren bereits geflüchteten Mann wiedertraf. Die Familie lebt in Butzbach. Als Autorin schreibt die Doktorandin unter anderem auf ihrem Blog www.nuhaaskar.com. Ihr Thema sind Integration, Zusammenleben und das gegenseitige Kennenlernen. Im folgenden Text mit der Überschrift „Wird es gelingen?“ stellt sie Gedanken über Alltagsprobleme und Ängste dar: 

Jamiel und ich gingen an einem schönen Frühlingstag eine Straße hinunter zum Marktplatz. Sein Damaszenergesicht war düster, seine Augenbrauen bogen sich sorgenvoll. Er atmete schwer: „Es funktioniert nicht! Es wird nicht funktionieren“. Er trat nervös gegen eine Zigarettenkippe und stolperte. Ich sah, wie die Kippe in den Rissen zwischen zwei Granitsteinen landete und sich zu vielen anderen auf dem runden Marktplatz gesellte, assimilierte. Wenn dies Jamiels Ärger besänftigt, dann würde er vielleicht wieder ruhiger, nach einer anderen Wohnung suchen und seinen Traum, eine solche zu mieten, weiter verfolgen!

Ich kannte Jamiel nicht. Wir haben uns hier in Deutschland zum ersten Mal in einem Sprachkurs in der VHS Friedberg getroffen. Ich erinnere mich, dass er zuerst einige grammatikalische Schwierigkeiten hatte. Aber als ich ihm in der Pause von einigen Ähnlichkeiten zwischen dem Arabischen und Deutschen erzählte, wie die vier Kasi und die Deklination der Wörtern entsprechend ihrer Position, begann er Regeln in der für uns sehr fremden Sprache zu erkennen. Deutsch ist eine Sprache, für die man, laut dem bekannten amerikanischen Schriftsteller Mark Twain eine „Ewigkeit“ brauche, um sie zu lernen, sicherlich „30 Jahre“ für „eine begabte Person“. Natürlich ist Deutsch nicht diese „schreckliche“ Sprache, wie Twain seinen humorvollen Aufsatz betitelte. Na ja, gut, wir haben noch Zeit, um sie richtig zu erlernen. Ich erzählte Jamiel davon, in der kurzen Zugfahrt zurück nach Butzbach, nur um ihn abzulenken, um ihm seine Angst zu nehmen, die deutlich auf seinem trüben Gesicht zu sehen war.

„Übrigens, ich komme aus Homs und du?“ – „Ich komme aus Damaskus, genauer aus einem Vorort von Damaskus“. Er sah mir zum ersten Mal in die Augen und zwang sich zu einem verlegenen Lächeln. In der Tat, Leute wie Jamiel, aus einer konservativen muslimischen Familie, hätte ich in Syrien nie kennen gelernt, eventuell kurz getroffen. Es ist die zynische Tatsache, dass wir zwischen Barrieren, sozialreligiösen und politischen Barrieren aufgewachsen sind, Mauern, die uns daran gehindert haben, Grenzen zu überschreiten oder einzudringen, die verhindern, dass wir uns richtig „kennenlernen“ können. Ich dachte, während wir uns hier so „inte-grieren“, wie es die deutschen Regeln vorschreiben, könnten wir wahrscheinlich die Liebe zueinander irgendwie „integrieren“, wenn nicht Liebe, dann Respekt, wenn nicht Respekt, dann zumindest die Anerkennung, dass wir derselben Geographie und Geschichte angehören.

Jamiel bemühte sich, keine persönlichen Informationen weiter zu geben, es sei denn, er wusste oder hatte das Gefühl, dass ich politisch auf seiner Seite stehe. Die Sache, die eine lange Zeit in Anspruch nahm, da Jamiel auch für mich ein Feind ist, bis das Gegenteil bewiesen ist. 

Nach dem Kurs, als wir nach Hause fahren wollten, ließ uns die Verspätung des Zuges viel Zeit, um ein wenig zu plaudern. Ich erzählte ihm, dass wir aus der Altstadt in ein nahe gelegenes Dorf geflohen sind, weil wir nicht bereit waren, am Blutvergießen teilzunehmen. Er sah mich vorsichtig an, dann nickte er spontan, nachdem ich erklärt hatte, wie unsere Wohnung ausgeraubt und zerstört worden war. Und obwohl er immer noch unsicher war, auf welcher Seite ich stand, war es ihm wahrscheinlich ein Bedürfnis, seinen Schmerz loszulassen, bevor er explodierte, abzuregnen, bevor er überflutete. 

Er erzählte, er stamme ursprünglich aus dem Yarmouk-Lager, einem Gebiet, das seit 1957 von Palästinensern bewohnt wird, nachdem sie 1948 evakuiert worden waren. Er konnte der bekannten Hungerbelagerung entkommen, die das Regime und seine Verbündeten dem Gebiet von Juni 2013 bis Februar 2014 auferlegt hatten. Er machte sich auf den Weg der Flucht, wobei er seine Frau mit einem Kind (Salma) bei ihren Eltern zurückließ. „Aber nur vorübergehend“, sagte Jamiel und betonte jeden Buchstaben des Wortes: „v-o-r-ü-b-e-r-g-e-h-e-n-d“. Ohne nachzudenken, antwortete ich: „Ja, ich weiß, sicher!“ Er fragte, als würde er mit sich selbst reden: „Glaubst du, ‚Angst‘ ist genetisch bedingt?“, oder vielleicht dachte ich auch nur, er hätte etwas gesagt!

Bis heute trafen wir uns nicht mehr. Jamiel, der ein Bauingenieur war, begann eineinhalb Jahre lang eine Ausbildung als Elektriker in einem nahe gelegenen Unternehmen, wie er erzählte. Nun suchte er dringend nach einer Wohnung, weil er seine Familie ohne Mietvertrag nicht aus Syrien holen kann. Mir wurde klar, dass diese ‚vorübergehende Zeit‘, auf die er zuvor gehofft hatte, schnell verflogen war, wie auch seine Geduld. Jamiel erklärte, er habe alle Möglichkeiten ausprobiert, um zum Besichtigungstermin zu gelangen. „Jedes Mal, wenn ich eine neue Bewerbung sende, füge ich eine weitere Information über mich hinzu“, jammerte er und mit einem sarkastischen Ton in seiner Stimme sprach er weiter: „Da ich nicht weiß, an wen ich schreibe, habe ich es vermieden zu sagen, dass ich ein Muslim bin! Dann sagte ich mir in einer anderer Bewerbung: Nein, es ist besser, sich darauf zu beziehen. Ich habe auf verschiedene Arten und zu verschiedenen Zeiten geschrieben, dass ich einen Job habe, studiere, eine Tochter, einen kleinen Garten habe, weil ich gerne etwas Nützliches mache. Ich habe meine Lebensgeschichte mit Fremden geteilt, kannst du dir das vorstellen?! Beantrage ich die Anmietung einer Wohnung oder mache ich einen Heiratsantrag?“.

Ich musste lachen, und sagte: „Beruhige dich, Jamiel. Es ist überhaupt keine Frage der Religion, oder sagen wir mal manchmal, aber …“ Er unterbrach mich und flüsterte: „Weißt du, ich habe das Wort ‚Rassismus‘ nie gekannt, bis ich hierher kam.“ Ich war schockiert über diese Idee, verwirrt, weil ich nicht wollte, dass er die Situation zu leicht beurteile. Trotzdem, ich zögerte nicht, zu entgegen: „Worte können unterschiedliche Kleider tragen, Jamiel, weißt du?“ Jamiel zog die Augenbrauen hoch, aber ich fuhr fort, bevor er mich unterbrechen konnte: „Glaubst du nicht, dass wir auch bei uns Diskriminierung gelernt und sie gegeneinander angewandt haben, ohne unser Verhalten zu benennen!? Wir haben unsere Unterschiede nie akzeptiert, sondern im Gegenteil, wir haben sie verankert.“ 

Jamiel hatte nicht erwartet, dass ich den Zeigefinger nun auf „uns“ richtete. Es ist für uns alle immer einfacher, von anderen Menschen, zu sprechen, von „ihnen“. Seine erste Bemerkung war: „Ich weiß nicht, dies ist ein zweites Thema, das ich jetzt nicht diskutieren will. Ich habe es jedoch nicht wörtlich gemeint. Ich bin ziemlich entmutigt und kann nicht verstehen, warum es so schwierig ist, eine Unterkunft in diesem Land zu finden. Obwohl ich weiß, dass es jetzt insgesamt eine Wohnungsknappheit gibt.“ Ich fügte schnell hinzu: „Ja, sogar die Deutschen haben ein ähnliches Problem, Wohnungen zu finden, laut einer Freundin.“ Für eine Weile irgendwie wurde es still, nur die Tauben pickten die Semmelbrösel aus den Ritzen. Jamiel und ich blieben still, um zu überdenken oder vielleicht um herauszufinden, was jeder sagen sollte. Immerhin teilen wir hier die gleiche Situation. Metaphorisch gesehen teilen wir den gleichen Regenschirm, dachte ich. Ich sagte ihm mit Mitgefühl: „Jamiel, ich denke, es ist einfach eine Frage, wer du bist. Wer sind wir? Wir sind für die Leute hier fremd!“ Er papageierte ironisch: „Einfach!“ und warf einen Blick auf seine Uhr. Ich fügte hinzu: „Na ja. Ich weiß, dass es kompliziert ist, aber du wirst sicher eine finden. Wenn ich es konnte, dann kannst du es auf jeden Fall.“ Er nickte, dachte nach und zeigte sich gelassen, dann entschuldigte er sich. Er sagte, es gäbe noch einen Freund eines Freundes, von dem er wusste, dass er ihm bei seiner Suche helfen wolle, mit dem er sich in einer Stunde treffen würde. Jamiel wiederholte seinen Appell an mich, ihn zu informieren, falls ich etwas Neues erfahre und über seinen Wunsch bei Freunden zu sprechen. Ich versprach ihm, mein Bestes zu geben und wiederholte unverbindliche Worte bevor er ging: „Mach dir keine Sorgen, alles wird gut.“ Ich wünschte ihm Glück und verabschiedete mich. Jamiel ist ein guter Mensch, sagt ich mir. 

Ich ging nach Hause und unterwegs dachte ich naiv: Wahrscheinlich muss Jamiel neu anfangen und zuerst erklären, wie man seinen Namen ausspricht. „J“ ist wie „Jeopardy“ auf Englisch und Jamiel bedeutet auf Arabisch „schön“. Wäre das hilfreich?

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