Jugendfeuerwehren bewiesen ihr Können bei Stadtmeisterschaft
4. Juni 2018
Deutsch-italienisches Freundschaftsfest wieder begeistert angenommen
4. Juni 2018

Zeuge flüchtet aus dem Gericht

Wahrheitsfindung im Prozess gegen Ex-Seelsorger der JVA Rockenberg ist schwierig

ROCKENBERG (KA). Weiterhin schwierig ist es, im Prozess gegen einen ehemaligen Seelsorger der JVA Rockenberg die Wahrheit herauszufinden. Denn die Jugendlichen, die in ersten Vernehmungen angegeben hatten, von ihm missbraucht worden zu sein, machten vor Gericht zum Teil widersprüchliche Aussagen. Ein Belastungszeuge, der von der Polizei zur Vernehmung vorgeführt wurde, floh durch ein offenes Fenster. 

Es war ein Zeuge, dessen Aussage sich das Gericht zunächst sicher glaubte. Schließlich hatte er, als er das erste Mal geladen war, telefonisch nachgefragt, ob er noch pünktlich zu einem Anschlusstermin kommen könne. Nachdem er die schriftlichen Ladungen jedoch zwei Mal nicht befolgt hatte, ließ Richterin de Neve ihn am vierten Verhandlungstag von der Polizei vorführen. Dagegen und dass er bis zu seiner Vernehmung in einer Zelle warten sollte, protestierte er heftig. „Ich bin ein freier Mann, ich gehöre nicht in den Bunker.“ Als ein Wachtmeister ihn wieder in die Zelle zurückbringen wollte, waren vom Flur laute Stimmen zu hören. „Er ist flitzen gegangen“, berichtete der Beamte kurz darauf. Das angebliche Opfer sexueller Übergriffe hatte ein wegen der Sommerhitze geöffnetes Flurfenster zur Flucht genutzt. 

Dafür konnten zwei Zeugen, die immer noch in Haft sitzen, gehört werden. Der erste, ein 22-Jähriger, der dem Hauptbelastungszeugen und Nebenkläger ein Diktiergerät gegeben hatte, um den Seelsorger angeblich zu erpressen, zog dessen Glaubwürdigkeit in Zweifel. „Er hat viel rumerzählt. Es war nicht wirklich etwas, was man glauben konnte“, erklärte er, dass er an den Berichten über den sexuellen Missbrauch zunächst gezweifelt habe. 

Deshalb sollte der Hauptbelastungszeuge die Gespräche mit dem Angeklagten bei einer der Einzelmeditationen aufnehmen. Die Aufnahme habe jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse zugelassen. Dass der Seelsorger mit Vergünstigungen wie Telefongesprächen mit Angehörigen, ausgeliehenen Fernsehern und Zigaretten besonders großzügig war, sei nicht ungewöhnlich gewesen, erläuterte der Zeuge. „Das kenne ich von allen Anstalten, wo ich war, dass die katholische Gemeinde mehr zur Verfügung hatte.“ 

Der zweite jugendliche Häftling, ein 20-jähriger Algerier, betonte, dass er nicht nur Zeuge, sondern auch Geschädigter sei. Bei der polizeilichen Vernehmung hatte er angegeben, dass der Angeklagte ihm einmal während einer Einzelmeditation den Penis aus der Hose gezogen und geküsst habe. In der Vernehmung vor Gericht berichtete er von vier Vorfällen. Dass er sie nicht der Anstaltsleitung gemeldet und stattdessen weiter geduldet habe, versuchte er mit Ängsten zu erklären. Er habe „gedacht, dass er mir Schaden zufügen wird“, gibt ein Dolmetscher die Worte des Zeugen wieder. Auf dem Weg zurück in die Zelle von einer Meditation habe der Seelsorger ihm gesagt, dass er nach Algerien abgeschoben werde, wenn er Schwierigkeiten mache. Er habe die Einzelmeditationen während seiner Inhaftierungen in Rockenberg regelmäßig besucht, weil der Seelsorger ihm ermöglicht habe, mit seinem schwer kranken Großvater zu telefonieren. „Wenn ich das nicht zugelassen hätte, hätte ich nicht telefonieren dürfen“, begründete der Zeuge, warum er die Übergriffe geduldet habe. 

Der inzwischen verstorbene Großvater sei auch der Grund gewesen, warum er schon bald nach einer ersten kurzen Haftzeit wieder für vier Monate in Rockenberg einsaß. Er habe gestohlen, weil er Geld für die Operation des Großvaters brauchte, behauptete er. An einer anderen Stelle der Vernehmung erklärte er dagegen, er sei drogenabhängig gewesen. 

Der Zeuge schilderte, dass die Übergriffe schwere Folgen für ihn gehabt hätten. Nach dem Tod seines Großvaters habe er vorsätzlich Probleme in Rockenberg gemacht, um verlegt zu werden. Er sei psychisch erkrankt und habe mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen. Zweimal habe er in Rockenberg, einmal in Wiesbaden, einmal in der JVA Darmstadt-Eberstadt und einmal im Keller des Gerichts in Frankfurt versucht, sich zu töten. Er habe Psychopharmaka bekommen.

Es können keine Kommentare abgegeben werden.