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Zustandsbeschreibung der Gesellschaft

GAMBACH. Das gesamte Ensemble wurde von den Zuschauern mit minutenlangem Beifall verabschiedet. Text + Fotos: dt

THEATER – Ratzkatrein-Premiere von „Kleine Bühne Gambach“ und „Lampenfieber“ / Anne Schütz beeindruckt

Gambach (dt). Vom Theater, von der Bühne, sagt man, dass sie die Bretter der Welt seien. Diese Aussage ist ambivalent. Einmal kann das Theater – auch eine Laienbühne mit Anspruch, wie die in Gambach – sprichwörtlich die Welt zeigen, wie sie war, wie sie ist und in welcher Weise sie möglicherweise verändert werden muss. Zum anderen gehört dazu dann, dass das Theater das Brett oder die Bretter vorm Kopf wegnimmt, um im nächsten Schritt diese Welt real zu verändern. Erfüllt wurde diese Aufgabe zweifellos am Freitagabend bei der Premiere des Schauspiels „Ratzkatrein“, das Autor Johannes Schütz geschrieben und mit Doris Regina für die Bühne des Bürgerhauses inszeniert hatte. Es waren neunzig Minuten beeindruckendes Theater, für das sich am Ende der nahezu vollbesetzte Saal mit minutenlangem Beifall bedankte.      

Die Geschichte: In den Jahren 1703, 1715 und 1717 war das Dorf Gambach von drei großen Brandkatastrophen heimgesucht worden. In der verängstigten Bevölkerung entstand das Gerücht, dass Hexerei mit im Spiel sein müsse. In einem Bittschreiben an den Landesherren Graf Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels bat die Bürgerschaft höheren Orts um Hilfe. Eine Kommission kam ins Dorf, die eine Untersuchung durchführte und in einem Prozess Catarina Ratz, eine Frau aus dem Dorf, anklagte, verurteilte und 1718 auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Diesen historischen Fakten folgt auch die Handlung des Theaterstücks von der „Ratzkatrein“. In der Fortführung zu den bisher auf den Dorfstraßen in Gambach gespielten Szenen zuletzt hatte Autor Schütz für die Bürgerhausbühne ein Stück konzipiert, das am Freitag erstmals aufgeführt wurde.       

Weniger ist manchmal mehr. Das war Schütz’ Devise. Bei den Schauspielern war auf historische Kostüme verzichtet worden. Das Bühnenbild und die Kulisse bestanden aus einem durchsichtigen, meist stimmige Schattenbilder werfenden Vorhang im Mittelteil und aus einigen groben Holztischen und -bänken. Das war sparsam, stimmig – und zugleich unterstützte es die Intention der Aufführung. Die Inszenierung ließ die historischen Wurzeln weiter erkennbar aufscheinen, indem sie sich an die geschichtliche Überlieferung hielt, und löste sich in ihrer Aussage doch von den engen vorgegebenen Fakten. Es gelingt der Inszenierung, vom persönlichen Schicksal der Ratzkatrein ausgehend zu seiner allgemein gültigen Aussage zu kommen. Die Geschichte wird deutlich herausgehoben, weitgehend von historischer Staffage befreit, und vermittelt eine allgemeingültige Zustandsbeschreibung der Gesellschaft, die sich verändern soll, eine Aussage, die neue Kraft hat und damit zeitlos ist. So etwa in den Dialogen von Catarina mit Freundin Elisabeth Buß und auch in den Dialogen zwischen der Mutter Catarina – vor und nach ihrer Verurteilung – mit Tochter Hanne. Die Tochter wird im Dorf in Sippenhaft genommen, wird ausgegrenzt, diskriminiert. In wohl jeder Gemeinschaft – und darum auch in jedem Dorf – gibt es Täter und Opfer, Recht und Unrecht, wobei die Tat schon unbewusst beginnen kann mit dem Ausstreuen des ersten Gerüchts.  

Beeindruckend war das Spiel von Anne Schütz in der Titelrolle der Ratzkatrein, ihre stimmliche Präsenz, ihre Persönlichkeit und Ausstrahlung – auch und besonders in den stillen Momenten und Monologen. Dazu kommen Heidrun Zeiß als mahnende und streitbare Elisabeth Buß, Charlotte Kasten als leidende Tochter Hanne und der sich als zwiespältig offenbarende Johannes Hummel als Pfarrer Schwind. Das insgesamt 21-köpfige, engagiert agierende Ensemble wurde ergänzt durch den hart anklagenden Jakob Becker (Michael Färber), Johann Grieb (Michael Hantschel), Amtmann Behm (Carsten Sange), Catharina Bingel (Sabine Vetter), den Dorf-Schultheis (Klaus Winkelmann), Peter Mohr (Achim Groß), Bernhard Möller (Niklas Kauer), Rudolf Metzger (Joris Ruf), das landgräfliche Komitee mit dem Vorsitzenden Bremer (Uwe Schmittberger), Knorr (Tobias Vogel) und Caus (Ben Krappatsch), Elisabeth Matheus (Katrin Grieb), Juliane Schmidt (Emily Schmittberger), Catarina Bröder (Daniela White), den Gastwirt (Jirko Ziegenbalg), Maria Matheus (Kristin Grieb) und Johanna Bingel (Finia Talea Weil). Für die Lichttechnik zeichnete Johannes Werner, für das stimmige Sounddesign Stephan Becker verantwortlich. 

Die zweite Aufführung fand am Samstag statt. Noch zweimal – am 2. und 3. November – ist das Stück im Gambacher Bürgerhaus zu sehen.  

GAMBACH. Auf dem Foto v.l. Elisabeth Buß (Heidrun Zeiß), Catarinas Tochter Hanne (Charlotte Kasten) und die Ratzkatrein (Anne Schütz) im letzten Gespräch zwischen Folter und Hinrichtung.

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