Zwischen den Zeilen in dunklen Zeiten

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Zwischen den Zeilen in dunklen Zeiten

Foto: dreut

GESCHICHTE – Historiker Dr. Markus Roth stellt im Butzbacher Museum Friedrich Kellners Tagebücher vor

BUTZBACH (dt). Es gibt nicht nur das weltbekannte Tagebuch der Anne Frank als persönliches, authentisches Zeugnis des Holocaust. Die Tagebücher des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner waren bei ihrem Erscheinen unter dem Titel „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“ ein unerwarteter Erfolg auf dem Buchmarkt. Kellner (1885-1970) und seine Tagebücher standen am Mittwochabend im Mittelpunkt eines Vortrags des Gießener Historikers und Sachbuchautoren Dr. Markus Roth. Der Referent – stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität – gab den Zuhörern einen Einblick in das Leben und die Aufzeichnungen Kellners während der NS-Herrschaft in Deutschland.      

Museumsleiter Dr. Dieter Wolf stellte den Referenten mit einem Blick in dessen Arbeitsbereiche und -felder vor. Historiker Roth zog eine Parallele von Kellners Tagebüchern zu den bekannteren Aufzeichnungen des Romanisten und Politikers Victor Klemperer, „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933-1945)“. Als Quelle für seine Tagebuchaufzeichnungen habe Kellner intensiv und „anders“ als die meisten Deutschen alle erreichbaren Zeitungen gelesen, „fast besessen die Zeitungen studiert“. Mit eingeflossen in seine Notizen seien viele Gespräche – privat und auch mit Kollegen während seiner beruflichen Tätigkeit als Geschäftsleiter des Amtsgerichts Laubach – und eigenes Erleben in seinem Umfeld. Er habe Zeitungsartikel ausgeschnitten, in die Tagebücher eingeklebt und mit eigenen Einsichten und Kommentaren versehen. Natürlich seien so „unglaublich subjektive“ Aufzeichnungen entstanden. Darin – so der Referent – habe andererseits „der besondere Reiz“ gelegen. Die gesamte deutsche Presse und mit ihr alle vorhandenen Medien seien von den Nazis schnell gleichgeschaltet worden. Durch die umfassende staatlich gelenkte NS-Propaganda seien für die Bevölkerung alternative Fakten geschaffen worden, die bald die wirklichen Geschehnisse völlig verdrängt hätten. Die Propaganda habe eine starke „Suggestionskraft“ auf die Menschen gehabt, unterstrich Roth. 

Kellner habe in seiner regimekritischen Haltung bei seiner Medienrezeption „zwischen den Zeilen“ gelesen, habe verglichen, analysiert, nach weiteren Informationen gesucht, habe Propaganda neben eigene Beobachtungen und Erkenntnisse gestellt und die Widersprüche zwischen Realität und Propaganda erkannt. Dabei habe er oftmals „Wut und Verzweiflung“ empfunden, die aber nie zu offenen Widerstandshandlungen geführt hätten. Es sei eine Art „innere Emigration“ gewesen, die fast zu einem Einsiedler-Dasein geführt habe; lediglich seine gleichgesinnte Frau habe er als Vertraute gehabt. 

Er habe beispielsweise die – zeitweise „politische“ – Sprache der Hinterbliebenen in den Todesanzeigen der Zeitungen zu Beginn des Krieges, in dessen Verlauf und am Ende verglichen und analysiert. Die gefallenen Soldaten seien im Kriegsverlauf immer jünger gewesen. Weiter habe Kellner festgestellt, dass in den Wehrmachtsberichten stets die Verluste der gegnerischen Armeen detailliert genannt worden seien, die eigenen dagegen nicht. Es sei beim deutschen Rückzug im Osten von „siegreichen Frontbegradigungen“ berichtet worden. 

Kellner habe Hitlers jährliche Silvester-Aufrufe an Wehrmacht und Partei analysiert; die Wortwahl von Jahr zu Jahr habe Kellner als „verräterisch“ erkannt. 

Im Juli 1941 sei er auf den Anstieg von Todesfällen in Heil- und Pflegeanstalten aufmerksam geworden. Die „Euthanasieverbrechen“ hätten sich in der Bevölkerung herumgesprochen, die Heilanstalten seien zu „Mordzentralen“ geworden. Kellner habe in seinen Tagebüchern vermerkt: „Ungeheuerliches geht in Hadamar vor.“ An vielen Orten habe die deutsche Bevölkerung – wie auch Kellner selbst in seinem Umfeld in Laubach – von den Deportationen der jüdischen Bevölkerung erfahren. Heimkehrende und auf Urlaub befindliche Soldaten hätten vom staatlich angeordneten Massenmord in den Vernichtungslagern im Osten erzählt. Roth ist überzeugt: „Wer von all dem nichts wissen oder gewusst haben wollte, musste schon große Anstrengungen unternehmen.“ Kellner spreche am 16. September 1942 in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen von der deutschen „Mörderregierung“, die „den Namen Deutschlands für alle Zeiten besudelt“ habe. Diese „Schandtaten würden nie aus dem Buch der Menschheit getilgt werden“. 

Nach 1945 habe sich Kellner, der 1970 in Lich verstorben sei, für die SPD in der Kommunalpolitik engagiert. Bald habe er frustriert erkennen müssen, dass vielerorts in den 50er Jahren die ehemaligen Nazis wieder an den bestimmenden Stellen in Staat und Politik saßen. Daraufhin habe er aus Verzweiflung Teile seiner Aufzeichnungen vernichtet. Ein Enkel Kellners habe es 2011 erreicht, dass die noch vorhandenen Tagebücher veröffentlicht worden seien und mittlerweile zweibändig in sechster Auflage vorlägen.

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