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Zwischen Kritik und Antisemitismus

BUTZBACH. Im Butzbacher Museum fand die zweite Demokratiekonferenz statt, wo Referent Dr. Gad Arnsberg unter anderem auf Bekannte aus seiner Schulzeit traf. Fotos: Löwenbein

Israelischer Historiker Dr. Gad Arnsberg spricht auf zweiter Demokratiekonferenz im Butzbacher Museum

Butzbach (thg). „Antijudaismus – Antisemitismus – Antizionismus – Wie nahe ist der Nahe Osten?“ lautete der Titel der zweiten Butzbacher Demokratiekonferenz, die vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ finanziert wurde. Im Museum referierte der Historiker Dr. Gad Arnsberg vor rund 30 Zuhörern. Der Wissenschaftler lebt in Israel und ist teils in Frankfurt aufgewachsen. Stadtrat Michael J. Mentz betonte: „Die Demokratie lebt, wenn wir sie leben.“ Durch die Veranstaltung führte Kaltrina Velija. Die Schülerin war unter anderem schon als „Peer Guide“ in der Anne-Frank-Ausstellung dabei. 

BUTZBACH. Dr. Gad Arnsberg behandelte das Thema „Antijudaismus – Antisemitismus – Antizionismus – Wie nahe ist der Nahe Osten?“.

„Judenhass ist ein seismografischer Gradmesser für schwelende Gesellschaften“, stellte Arnsberg als These auf. Juden würden zur Zielscheibe von links wie von rechts und von islamistischer Seite. Der Antizionismus sei ein einmütiger Hass auf Israel. Antijudaismus sei vorwiegend religiös begründet, im Hochmittelalter beginnend mit der systematischen Ausgrenzung und Verfolgung von Juden. Teils kämen „biologistische“, also rassistische Aspekte hinzu. 

Der Begriff Antisemitismus tauchte erstmals 1879 in der Öffentlichkeit auf und richtete sich mit dem Anspruch, wissenschaftlich zu sein, gegen eine gesellschaftliche Gruppe. Die Juden seien für „Verwerfungen“ in der beginnenden Moderne verantwortlich gemacht worden. 

Als „sekundäre Form“ von Antisemitismus bezeichnete Arnsberg eine „subtile Form von Judenfeindschaft“. Dazu gehörten etwa die Leugnung oder Aufrechnung von Kriegsverbrechen oder die Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter eine ständige Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Moralische Delegitimierung und die Umdeutung, wer Täter und wer Opfer war, sei auch in Aussagen von Politikern wie Jürgen Möllemann (FDP), Martin Hohmann (CDU) und Norbert Blüm (CDU) festzustellen gewesen. 

Arnsberg unterschied unter anderem auch zwischen Kritik an Israel und einer antisemitisch begründete Kritik am Staat, die eigentlich gegen Juden gerichtet sei. „Nicht dass Kritik geübt wird, sondern wie diese argumentativ begründet und sprachlich formuliert wird“, sei entscheidend. Wenn beispielsweise Israels Existenzberechtigung als jüdischer Staat in Frage gestellt werde, liege keine Israel-Kritik, sondern verbaler Antisemitismus vor. In Israel werde offen Kritik an Regierung und Politik geübt. Anti-Israelismus stelle indes ein Aggressionsverhalten dar, das auf irrealen „judeophoben Feindbildkonstruktionen“ beruhe.  

Umfrageergebnisse führte der Historiker an, die untermauerten, dass in Deutschland antisemitisches Gedankengut weiter präsent ist und geäußert werde. Er zitierte unter anderem Aussagen, dass Israel gegen die Palästinenser einen Vernichtungskrieg führe oder dass Israels Handeln in diesem Konflikt nichts anderes sei als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben. Eine „obsessive Beschäftigung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt“ sei befremdlich, vergleiche man dies mit anderen, laut Arnsberg weit gravierenderen Krisenherden und Menschenrechtsverletzungen. 

Briefe an die israelische Botschaft oder den Zentralrat der Juden in Deutschland zitierte Arnsberg ebenfalls. Ein Verfasser stellte die rhetorische Frage: „Sind Juden eigentlich Menschen?“ Neben rechtsextremistischen Schreibern gebe es auch Verfasser aus dem Bereich des linken Antisemitismus, der etwa seit dem Sechs-Tage-Krieg vorkomme und der sich gegen die Idee eines jüdischen Nationalstaats richte. 

Die derzeitige Neuauflage judenfeindlicher Ressentiments führt Arnsberg auf aktuelle Gegebenheiten zurück. Er nannte die Krise der liberalen Demokratien sowie der arabischen Welt in Verbindung mit Antisemitismus-Formen, die sich zusammen mit dem Antiglobalismus zu „einer bedenklichen Allianz“ formierten. 

Auf Fragen der Zuhörer antwortete Arnsberg unter anderem, dass die Bekämpfung von Antisemitismus auch eine Frage der Erziehung und des Schulwesens sei. Etwa 20 Prozent israelische Araber gebe es. Aus Gaza habe sich Israel zurückgezogen. Die Westbank bestehe aus drei Zonen, davon eine ganz von Israel verwaltet. Er bestätigte, dass es Ex-tremisten gebe, die unter anderem aus religiösem Fanatismus eine Fortsetzung der Siedlungspolitik verlangten. Sie seien lautstark, aber nicht repräsentativ für die Bevölkerung und schafften nicht einmal den Einzug ins Parlament. 

Die Lebenssituation in Gaza sei verheerend. Dies sei aber nicht Israel anzulasten, denn nach dessen Rückzug habe die Hamas die palästinensische Autonomiebehörde verdrängt. 

Israel sei ein liberal-demokratischer Staat, die Mehrheit sei nicht religiös. Die direkte Bedrohung Israels gehe unter anderem vom Iran aus, der in Syrien wenige Kilometer vor der Grenze Truppen stationiert habe. Das Land wolle die Region beherrschen. Europa werde nicht ungeschoren davonkommen, wenn es im Nahen Osten brodelt. 

 

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